Die Geheimwaffe des FBI: Ein Mafia-Killer zur Rassismus-Bekämpfung
Von Janick NoltingMark Wahlberg hat sich ein neues Gesicht zugelegt. Mit falscher Nase und weiterem Make-up tritt der Hollywood-Star auf, um sich in den 1994 verstorbenen Gangster und Informanten Gregory Scarpa zu verwandeln. Ganz klar soll er mit dem unangepassten, skrupellosen und gewieften Auftreten seiner Figur die heimliche Attraktion des Films „By Any Means“ sein. Doch so ganz überzeugen will die Transformation nicht. Zumindest ist sie jedoch äußerst gewöhnungsbedürftig ausgefallen.
Spätestens wenn Wahlberg mit Zahnstocher im Mund nuschelt und Grimassen zieht, wirkt sein Spiel reichlich bemüht und seine Figur schrammt sogar nur knapp an einer Karikatur vorbei. Sie wirkt in den Szenen von „By Any Means“ mitunter regelrecht fremd und überdreht. Doch zumindest passt das Befremdliche, bisweilen fast Comichafte ganz gut zu der ungewöhnlichen Figurenkonstellation, von der Regisseur Elegance Bratton („The Inspection“) erzählt.
Plaion Pictures
„By Any Means“ spielt 1966 in Mississippi. Der Bürgerrechtler Vernon Dahmer fällt einem rassistischen Hassverbrechen zum Opfer. Mitglieder des Ku Klux Klans zünden nachts das Haus seiner Familie an. Der Schwarze FBI-Agent Wayne Strider (Yahya Abdul-Mateen II) soll nun in dem Fall ermitteln und die Täter ausfindig machen.
Dabei sieht er sich nicht nur mit Anfeindungen wegen seiner Hautfarbe konfrontiert. Seine Arbeit wird zusätzlich kompliziert, als ihm der zwielichtige Mafia-Auftragskiller Greg (Mark Wahlberg) als Partner zur Seite gestellt wird, um dort die Drecksarbeit zu erledigen, wo das FBI versagt …
„By Any Means“ scheitert ein wenig daran, seine politischen Beobachtungen in die Form eines Krimis und Thrillers zu gießen. Gerade als Krimi ist der Film über weite Strecken sogar überaus träge. Die Frage nach dem Whodunit funktioniert nur bedingt. Zum Miträtseln und Mitfiebern lädt das selten ein. Schließlich geht es vielmehr darum, einen symptomatischen Fall für die Abgründe der US-amerikanischen Gesellschaft der 1960er-Jahre aufzuzeigen.
Der interessantere Aspekt ist daher das historische Panorama, das „By Any Means“ entwirft. Der Film spielt in einer Zeit, in der die Bürgerrechtsbewegung und die politischen Wandlungen in den USA die Lage nicht-weißer Menschen verbessert haben – allerdings nur in einigen Bereichen und vor allem auf dem Papier. Im Alltag sind die Verwerfungen der Segregation noch überall spürbar. Rassistische Gewalt, Stigmata und Vorurteile sind an der Tagesordnung.
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Eindringlich sind die kleinen Beobachtungen am Rande. Etwa wenn die Kamera die Tür eines Geschäfts filmt, die den Eintritt mit einer Markierung nur für Weiße gestattet. Wayne wird als FBI-Agent kaum ernst genommen. Wenn er an einen Tatort kommt und in die Tasche greift, um seine Dienstmarke zu zeigen, sind seine weißen Kollegen sofort in Alarmbereitschaft. Sie fürchten, er würde gleich eine Waffe ziehen.
Der Ermittler selbst wird wiederholt zum Opfer. Weil er Schwarz ist, sieht die rassistische Gesellschaft in ihm vor allem eine Bedrohung und ein Feindbild, das man kontrollieren oder gleich brutal zusammenschlagen will. Dem Folterknecht und Killer an seiner Seite kann er dabei nur bedingt trauen. Überhaupt: Wie sollen die beiden je zusammenarbeiten, wenn sie völlig unterschiedliche Auffassungen darüber haben, mit welchen Mitteln man seine Ziele erreicht? Wie kann es zudem sein, dass sich die Behörden quasi als Geheimwaffe auf jemanden wie Greg verlassen?
In seiner Freizeit übt Wayne derweil mit seiner Frau (Nicole Beharie) das Schießen. Ein kurzer, zärtlicher Moment in der Natur, der umso verstörender wirkt, da ihre Romanze in einem permanenten Zustand der Selbstverteidigung und Alarmbereitschaft erscheint. Irgendwann stehen beide vor der schwierigen Entscheidung: Überlässt man den Unterdrückern das Zuhause und ergreift man die Flucht, oder rüstet man sich für den Kampf?
Nur gerät „By Any Means“ abseits solcher Momentaufnahmen auch als Epochenporträt wiederholt ins Schlingern. Dazu fehlt es nämlich an einer kritischen Form und Ästhetik für die Gewalt. Wenn sich Ku-Klux-Klan-Anhänger treffen und das Licht durch kleine Jalousien-Öffnungen fällt oder wenn ein brennendes Kreuz an einer Autoscheibe als Reflexion vorbeizieht, dann sind das stylische Bilder. Aber ist das Stylische und Hübsche wirklich der geeignete Ansatz, um von derlei Grausamkeit zu erzählen?
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Spannend wird der Film dann, wenn plötzlich die Frage im Raum steht, inwieweit man sich selbst von seinen Idealen verabschiedet, um für das Gute und Gerechte einzustehen. „By Any Means“ stößt dabei einen Folterdiskurs an. Aber auch da macht es sich der Film selbst und seinem Publikum ein wenig zu einfach.
Anfängliche Skepsis und Zweifel schlagen viel zu schnell in Genugtuung und Relativierung um. Performte Coolness übertüncht die charakterlichen Ambivalenzen. Da hilft es auch nichts mehr, dass die betreffenden Szenen insbesondere gegen Ende ziemlich hart anzusehen sind: Die Entwicklung des ungleichen Männer-Duos im Zentrum des Films bleibt gerade in diesem Kontext dürftig konstruiert, obwohl ihre Sticheleien, ihr gegenseitiges Misstrauen und ihr Kräftemessen hier und da packende Situationen und Dialoge ergeben.
Ein Aha-Erlebnis folgt dann, wenn der Abspann einsetzt. Nicht nur geht der Titelsong, den die vielfach Oscar-nominierte Diane Warren geschrieben hat, direkt ins Ohr. Wenn Texttafeln die realen Hintergründe erklären, an denen sich der Film nur entfernt und spekulativ orientiert, dann drängt sich eine Frage auf: Wäre dieser Stoff als Dokumentarfilm nicht deutlich faszinierender und aufschlussreicher gewesen? So bleibt der Eindruck, dass sich Elegance Bratton und der Drehbuchautor Sascha Penn („1992“) an der vereinfachenden und zugespitzten Fiktionalisierung ihrer Inspirationsquellen etwas verhoben haben.
Fazit: „By Any Means“ besticht mit einem vielversprechenden Schauspiel-Duo aus Mark Wahlberg und Yahya Abdul-Mateen II. Dazu versucht der Film eindringlich zu schildern, wie tief der Rassismus in den 1960er-Jahren in den USA verankert war. Nur bleibt er sowohl als Krimi als auch als Historienfilm zu zerfasert, um aus der Masse herauszustechen und seinen Motiven und Themen vollends gerecht zu werden.