Fjord
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,0
solide
Fjord

Den Spieß umgedreht

Von Christoph Petersen

Das Christentum hat im zeitgenössischen Kino einen schweren Stand. Man stelle sich bloß mal einen aktuellen Film vor, in dem die Bewohner*innen eines womöglich ländlichen Schauplatzes in den ersten Momenten als besonders gläubig eingeführt werden. Was ist dann wohl die Handlung? Vermutlich geht es um einen jungen Menschen, der als eine Art Reifeprüfung aus dieser einengenden konservativen Gesellschaft ausbrechen muss. Ausnahmen gibt es natürlich, aber das ist dann oft wirklich ekelhaftester Propaganda-Müll wie die inzwischen fünfteilige „God’s Not Dead“-Reihe.

Doch jetzt scheint ausgerechnet der rumänische Festivalliebling Cristian Mungiu, der 2007 für „4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage“ mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, mit seinem in Norwegen gedrehten Drama „Fjord“ für bibeltreue Familien in die Bresche zu springen. Das klingt erst mal nach einem Aprilscherz, aber wenn man genauer hinsieht, bleibt sich der Auteur auch bei seinem ersten in Norwegen gedrehten Projekt erstaunlich treu. Das fordert das üblicherweise eher progressiv eingestellte Publikum solcher Arthouse-Kost auf durchaus provokante Weise heraus. Zugleich macht es sich Mungiu an vielen Stellen aber auch erschreckend einfach.

Die Familie von Lisbet (Renate Reinsve) und Mihai (Sebastian Stan) ist gut und glücklich in der neuen norwegischen Heimat angekommen. Alamode Film
Die Familie von Lisbet (Renate Reinsve) und Mihai (Sebastian Stan) ist gut und glücklich in der neuen norwegischen Heimat angekommen.

Die Krankenpflegerin Lisbet (Renate Reinsve) und der Luftfahrtingenieur Mihai (Sebastian Stan) ziehen mit ihren fünf Kindern aus Rumänien in Lisbets Geburtsort in Norwegen. Am ersten Tag holt der Direktor Mats (Markus Tønseth) die älteren Kinder Elia (Vanessa Ceban) und Emmanuel (Jonathan Ciprian Breazu) direkt vom Schulbus ab, um sie zu begrüßen und herumzuführen. Auch zum rebellischen Nachbarsmädchen Noora (Henrikke Lund-Olsen) entsteht augenblicklich eine gute Verbindung.

Lisbet und Mihai sind allerdings streng christlich und erwarten von ihren Kindern deshalb tägliche Gebete und Bibelstunden. Tanzen, Handys und Videospiele sind hingegen nicht erlaubt. Zum Problem wird das jedoch erst, als die Sportlehrerin rote Striemen an Elias Rücken entdeckt. Die Eltern geben im Verhör zwar zu, ihren Kindern schon mal einen Klaps auf den Po zu geben, eine Schuld an den Striemen streiten sie jedoch ab. Trotzdem nimmt der eingeschaltete Kinderschutz die fünf Kinder erst einmal vorsorglich in Gewahrsam. Für die Familie beginnt ein monatelanger Kampf vor den Behörden und Gerichten …

Ach, wie schön ist Norwegen

Im ausladenden 2,35:1-Cinemascope-Format gedreht, zeigen direkt die ersten Einstellungen von „Fjord“ absolut atemberaubende Landschaften – mit den Fjorden, aus denen im Hintergrund verschneite Bergketten herausragen. Ein Running Gag des Films ist sogar, dass sich niemand mehr darüber zu sorgen scheint, wenn gewaltige Lawinen von dort oben in Richtung des Dorfes heruntergerauscht kommen. Und dann diese Schule: alles hell und neu und freundlich; mit den Werkzeugen im Werkraum könnte man vermutlich eine moderne Tischlerei ausstatten. Das ist doch offensichtlich genau das Norwegen, in dessen Richtung der Rest Europas immer wieder neidisch schielt. Oder? Cristian Mungiu hat jedenfalls wenig Interesse daran, dem Gastgeberland seines neuesten Films einfach nur nett „Danke!“ zu sagen …

… denn selbst wenn er in seiner Heimat noch nie mit Kritik an konservativen Strukturen gespart hat, sind ihm die betont progressiven Institutionen Norwegens offensichtlich kaum weniger suspekt. Am Anfang mag sich noch eine Zeit lang die Frage stellen, ob die Maßnahmen nicht doch gerechtfertigt sind. Mihai wiederholt zudem bis zum Schluss, dass eine Familie aus einem Vater und einer Mutter bestehe. Zugleich sichert er sich die mediale Unterstützung einiger tatsächlich fragwürdiger konservativer Vereinigungen, die auch schon mal mit eigenständigen Graffiti-Anschlägen auf die Schule für weitere Verwerfungen sorgen. Nicht unbedingt sympathisch, aber dass wir als Publikum trotzdem auf der Seite von Lisbet und Mihai stehen sollen, haben wir dann doch recht schnell verstanden.

Maximal daneben

Egal ob Vertrauenslehrerin, Kinderschutzverantwortliche, Anwältin, Staatsanwalt oder Richterin: Wenn in „Fjord“ die Behördenvertreter*innen sprechen, dann rutscht ihnen nicht etwa zwischendurch mal ein unbedachter Satz heraus, der ihre progressive Doppelmoral entlarven würde – stattdessen ist nahezu jede einzelne Bemerkung maximal daneben! Sie treten von einem Fettnäpfchen ins nächste, ohne zwischendurch – und sei es auch nur rein zufällig – doch mal den sicheren Boden zu erwischen. Das ist fraglos wirkungsvoll: „Fjord“ baut in seinen 146 Minuten wahnsinnig viel Wut auf, die im wunderbar-vieldeutigen Schlussbild zwar ein Stück weit ad absurdum geführt wird, aber das Publikum bis dahin trotzdem ganz schön mitreißt.

Trotz fast zweieinhalb Stunden fühlt sich „Fjord“ nicht zu lang an – was sicherlich auch am durch die Bank großartigen Cast liegt, aus dem speziell Renate Reinsve („Sentimental Value“) und ein mit Glatze und Bart im ersten Moment kaum zu erkennender Sebastian Stan (der Winter Soldier aus dem MARVEL-Universum) herausragen. Aber all die Ambivalenzen, die eigentlich in dieser geschickt gesetzten Versuchsanordnung stecken, macht sich Mungiu mit seiner einseitigen karikaturhaften Überzeichnung selbst kaputt.

Fazit: Dass sich „Fjord“ auf die Seite derjenigen stellt, die im zeitgenössischen Kino sonst meist eher „die Bösen“ sind, ist ein potenziell hochspannender Ansatz. Aber Cristian Mungiu macht es sich in seinem fantastisch fotografierten und emotional hochgradig involvierenden „Fjord“ zugleich sehr leicht, wenn er die Handelnden der „anderen Seite“ einfach in jeder einzelnen Szene wie die allergrößten Unsympathen ohne jeden Funken Selbstwahrnehmung darstellt.

Wir haben „Fjord“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film als Teil des offiziellen Wettbewerbs seine Weltpremiere gefeiert hat.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren