60 Minuten eine absolute Blockbuster-Sensation – und dann?
Von Björn BecherMit „The Chaser“, „The Yellow Sea“ und „The Wailing“ hat sich Na Hong-jin mit nur drei Kinofilmen als einer der stilprägendsten südkoreanischen Regisseure der Gegenwart etabliert, der inzwischen fast schon in einem Atemzug mit Bong Joon-ho („Parasite“) und Park Chan-wook („Oldboy“) genannt werden darf. Bei seinen Filmen weiß man nie, woran man ist: Sie können sich mittendrin in eine völlig neue Richtung entwickeln oder sogar in ganz andere Genres umschwenken. Das ist bei der vogelwilden Sci-Fi-Action-Monster-Horror-Komödie „Hope“, mit der er sich 2026 nach zehn Jahren im Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes zurückmeldet, nicht anders.
Der angeblich teuerste südkoreanische Film aller Zeiten machte schon im Vorfeld Schlagzeilen – unter anderem durch das Mitwirken des Hollywood-Ehepaares Michael Fassbender und Alicia Vikander. Zu viel solltet ihr von ihrer Beteiligung aber nicht erwarten – vom übrigen Film dagegen schon. In seiner sensationellen ersten Stunde ist „Hope“ ein absolut atemberaubendes Vergnügen, mit haufenweise Actionszenen, wie ihr sie garantiert noch nie gesehen habt! Später wird der Film zwar durch einige Längen und gewöhnungsbedürftige Alien-Monster etwas ausgebremst, doch selbst diese Schwächen ändern nichts daran, dass dieser Genre-Mix mit „Squid Game“-Star Jung Ho-yeon in ihrer ersten Kinorolle ein absolutes Must-see-Spektakel für jeden Blockbuster-Fan ist.
Forged Films
Alles beginnt mit einer übel zugerichteten Kuh, die der Wilderer Sung-ki (Zo In-sung) und seine Jagdgesellschaft mitten auf der Landstraße nahe des kleinen Örtchens Hope Harbor finden. Auch der herbeigeholte Polizeichef Bum-seok (Hwang Jung-min) kann sich nicht erklären, was hierfür verantwortlich war. Selbst ein Tiger, der von Sibirien aus auf wundersame Weise über die verminte Grenze zu Nordkorea bis hierher gewandert ist, wird als Möglichkeit ins Auge gefasst. Doch als Bum-seok kurz darauf in das kleine Dorf mit vor allem älteren Bewohner*innen zurückkehrt, dämmert ihm, dass er es mit einer noch weitaus ungewöhnlicheren (und gefährlicheren) Bedrohung zu tun hat.
Eine Schneise der Zerstörung markiert den Pfad, den das Monster genommen hat. Der Polizeichef hetzt hinterher. Immer wieder bieten sich ihm neue Anblicke des Grauens mit völlig zerstörten Läden und auf üble Weise getöteten Menschen. Ständig hört er das erschütternde Grollen der Kreatur und die Gewehrschüsse der auch für ihn überraschend stark bewaffneten Dorfgemeinschaft. Mehrfach muss er mit ansehen, wie die menschlichen Angreifer rein gar nichts ausrichten können und stattdessen mit purer Urgewalt weggeschleudert oder unter Autos begraben werden. Aber um selbst einen Blick auf das Monster zu werfen, kommt Bum-seok immer einen kleinen Schritt zu spät …
… zumindest in den ersten 45 Minuten. So lange dauert es, bis der Held des Films und damit auch das Publikum erst eine einzelne, riesige Hand und kurz darauf die erste von mehreren außerirdischen Kreaturen erblicken, die in „Hope“ ein Dorf in Angst und Schrecken versetzen. Bis dahin hat uns Na Hong-jin auf eine ebenso hektische wie überwältigende Hetzjagd mitgenommen, die jetzt im Kampf mit dem Monster auch noch eine Viertelstunde fortgesetzt wird. Die eröffnenden 60 der insgesamt 160 Minuten von „Hope“ sind mit ihrer direkt für Neugier sorgenden Einführung sowie der folgenden Hatz eine einzigartige Erfahrung, bei der Spannung und Action Hand in Hand gehen.
Unterbrochen von wenigen kurzen Momenten, die schon früh zeigen, dass Sung-ki und seine Jagdkumpels in den Wäldern die Spur mindestens eines weiteren Monsters aufgenommen haben, begleiten wir den Polizeichef dabei, wie er der Verwüstung folgt, die in seinem Dorf hinterlassen wurde. Es folgt eine intensive Szene auf die nächste, in der sich Bum-seok einer Ecke oder Tür nähern muss und man erwartet, jetzt dem Monster ins Auge zu sehen. Dazwischen knallt es immer wieder, es wird hinterhergerannt, während in der Ferne Menschen sterben und sich neue Bilder der Verwüstung offenbaren.
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Die Action ist dabei ganz bewusst nicht elegant choreografiert, sondern roh, laut, körperlich und unübersichtlich. Man fängt selbst an, die Orientierungslosigkeit und die zunehmende Erschöpfung des Protagonisten zu spüren und kann so nachvollziehen, wie zwischen all dem Rennen, Schreien, Schießen und Stolpern auch ziemlich fatale Fehlentscheidungen getroffen werden. Das Geschehen eskaliert endgültig, als Jung Ho-yeon die Leinwand betritt. Ihr erster von vielen großartigen Auftritten als Nachwuchspolizistin Sung-ae, die ihrem Boss zur Seite springt, wurde bei der Pressevorführung in Cannes völlig zu Recht mit lautem Applaus bedacht. Luft holt man in dieser Auftaktstunde hingegen nur, um mehrfach lauthals zu lachen, wenn die konstante Bedrohung immer wieder durch trocken-schwarzen Humor aufgebrochen wird.
„Hope“ ist immer wieder sehr, sehr witzig, was gerade den etwas zäheren 100 Folgeminuten hilft. Eine herrlich ausschweifende Durchfall-Anekdote eines älteren Dorfbewohners ist pures Comedy-Gold. Ebenso schön ist der Running Gag, dass offenbar wirklich alle in diesem Ort bis an die Zähne bewaffnet sind: Kaum eskaliert die Lage, werden nicht nur Jagdgewehre hervorgeholt, sondern direkt Waffenarsenale, die eher nach paramilitärischer Bürgerwehr als nach verschlafener Küstengemeinde aussehen. Was man halt so zu Hause hat, wenn Nordkorea nur ein paar Minuten entfernt liegt – auch wenn es an anderen Stellen mangelt, sodass sich Sung-ae auch mal auf ein klappriges Fahrrad schwingen muss, um eine wichtige Nachricht zu überbringen.
Das Niveau der herausragenden ersten Stunde hält „Hope“ allerdings nicht. Das kurze Runterschalten, um der Story den nötigen Raum zu geben, ist anfangs sinnvoll, mündet im weiteren Verlauf aber in zähe Passagen. Eine viel zu lang gezogene Obduktion hat zwar ein paar absurde Einfälle, scheint aber eher ein mögliches Sequel vorzubereiten, als viel zu diesem Film beizutragen. Zudem wirkt die Chronologie der drei parallel erzählten Handlungsstränge um Polizeichef Bum-seok, seine Kollegin Sung-ae und Jäger Sung-ki nicht immer konsistent. Hier opfert der Film die innere Logik allzu oft einer dramaturgischen Informationsvermittlung ans Publikum.
Doch auch die schwächere zweite Hälfte hat genug Sequenzen, die zeigen, was hier für ein Ausnahmeregisseur am Werk ist. Wenn sich nach und nach wilde Scharmützel im Wald entwickeln, hat das zwar nicht ganz die Brillanz der Anfangsstunde, bietet aber wieder hektische, brutale und packende Action. Wenn Menschen sowie Monster durch das Dickicht brechen und Panik dominiert, kehrt die fiebrige Intensität des Auftakts zurück – erst recht, wenn schließlich alle Handlungsstränge zusammenlaufen und sich die rasante Verfolgungsjagd auf der Straße fortsetzt.
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Doch bei allem Lob müssen wir über den Elefanten beziehungsweise die Aliens im Raum reden. Die sind nämlich mehr als gewöhnungsbedürftig. Das CGI der Kreaturen ist nicht vollends überzeugend, das Design wirkt eher befremdlich. Dem Autor dieser Zeilen gelang es recht schnell, sich damit zu arrangieren. Gerade beim ersten Auftritt mitten in der Hatz überwiegen ohnehin die Überforderung und Panik, die einen auch selbst längst ergriffen haben. Erst im weiteren Verlauf wird einem die Künstlichkeit der Kreaturen bewusster, weil es dann mehr Auftritte gibt, bei denen auch die beteiligten Hollywood-Stars ins Spiel kommen. Dass später auch noch eine Hintergrundgeschichte für die Ankömmlinge aus einer anderen Welt angerissen wird, mag etwas überflüssig sein und birgt ein paar unfreiwillig komische Momente.
Es stört allerdings weniger als Na Hong-jins Entscheidung, den plötzlich völlig neu aufgemachten Subplot nicht abzuschließen, sondern als Teaser für eine noch größere Sci-Fi-Geschichte zu nutzen. Am Ende fühlt sich „Hope“ unvollständig an und lässt einen damit auch etwas ratlos zurück. Zwar verriet Na Hong-jin bereits im Vorfeld der Weltpremiere in Interviews, dass er eigentlich eine ganze Trilogie im Kopf hat. Doch will der Ausnahmeregisseur, der sich bisher mit jedem Film neu erfunden hat, mit „Hope“ wirklich den Startschuss für ein klassisches Franchise geben? Oder sind das abrupte Ende und der dadurch fehlende Abschluss doch nur ein letzter, düsterer Witz des Filmemachers? Diese Frage löst selbst die großartige Mid-Credits-Szene nicht auf.
Fazit: „Hope“ ist ein wilder, wuchtiger und herrlich eigenwilliger Genre-Koloss! Die erste Stunde ist sensationell, das CGI der Alien-Monster zunächst gewöhnungsbedürftig und die zweite Hälfte weit weniger zwingend. Doch Na Hong-jins Kino-Comeback nach zehnjähriger Pause bietet so viel Spannung, schwarzen Humor und brillant inszeniertes Chaos, dass man mit diesem überbordenden Monster-Wahnsinn trotzdem eine Menge Spaß haben kann.
Wir haben „Hope“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film seine Weltpremiere als Teil des offiziellen Wettbewerbs gefeiert hat.