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    Play - Nur ein Spiel
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Play - Nur ein Spiel
    Von Petra Wille
    Ist es Rassismus, wenn eine Filmhandlung daraus besteht, dass schwarze Jugendliche ein paar weiße Mittelstandskinder um ihr Hab und Gut – Handys, Mp3-Player und wertvolle Klamotten – bringen? Dem dokumentarisch-experimentellen Spielfilm „Play - Nur ein Spiel" von Ruben Östlund – der auf einer polizeibekannten Serie solcher Übergriffe basiert – wurde von einigen Kritikern vorgeworfen, rassistische Stereotype nicht nur zu reproduzieren, sondern gar erst zu etablieren. Genauerer Betrachtung halten solche Anschuldigungen allerdings nicht stand. Die Sezierung psychologischer Mechanismen ist filmisch auf geradezu exemplarische Weise gelungen und nicht zuletzt die jugendlichen Darsteller sorgen für ebenjene Komplexität, die aus einem womöglich schematischen Experiment wirklichkeitsnahe Widersprüchlichkeit erwachsen lässt.

    Sebastian (Sebastian Blyckert), John (John Ortiz) und Alex (Sebastian Hegmar), drei (weiße) Kinder des schwedischen Mittelstands werden von Kevin (Kevin Vaz), Yannick (Yannick Diakité), Abdi (Abdiaziz Hilowle), Anas (Anas Abdirahman) und Nana (Nana Manu), 12- bis 14-jährigen schwarzen Migranten beobachtet, bedrängt und mit dem Vorwurf konfrontiert, ein Handy gestohlen zu haben. Um die Sache zu klären, begeben sich alle zusammen auf einen langen Weg durch die Stadt, auf dem es zu Aggressionen und Fluchtversuchen kommt, auf dem sich aber auch Vertrauen bildet. Am Ende schlagen die Schwarzen ein Wettrennen um ihrer aller Wertsachen vor und schummeln, um zu gewinnen. Dennoch sind die drei Kleineren froh, dass die Odyssee und die Ungewissheit endlich vorbei sind.

    „Play" basiert auf einer tatsächlichen Serie von Übergriffen, die eine Jugendbande zwischen 2006 und 2008 im schwedischen Göteborg verübte. Anhand von Gerichtsakten und Interviews hat Regisseur Östlund deren Ablauf und Methode analysiert und zur Grundlage seines Drehbuchs gemacht. Bei der filmischen Umsetzung, für die er in ausführlichen Castings Laiendarsteller suchte, setzte er auf ausführliche Proben, aber auch auf einen guten Teil Improvisation. Was wir in „Play" schließlich zu sehen bekommen, ist ein komplexes psychologisches Spiel: Die schwarzen Jugendlichen wissen genau, dass bereits ihre Anwesenheit für Unruhe sorgen kann. Obwohl noch kein Wort gesprochen wurde, reichen ein paar intensive Blicke aus und die kleineren Kinder fühlen sich als Opfer.

    Wie von selbst ergibt sich in diesem ernsten Spiel scheinbar die Rollenverteilung. Die Angst der weißen Kinder ist spürbar, flüsternd ersinnen sie hilflose Strategien, um der Verfolgergruppe zu entkommen, aber als die Gruppen ins Gespräch kommen, passiert das ganz betont ohne Aggression. Man wolle nur eine Frage klären, kurz den Bruder fragen, dann ließe sich schnell herausfinden, ob das Smartphone von Sebastian das geklaute des Bruders sei. Während des Hin und Hers bilden sich ganz deutlich und für die Zuschauer schnell zu erfassen die Rollen in der Gruppe der schwarzen Kinder heraus: Einer ist der Good Cop, einer der Bad Cop, der eine beruhigt den aggressivsten unter ihnen, der die kleineren weißen Kinder immer wieder einschüchtert. Mit Sätzen wie „Ich glaub euch ja, aber wir müssen das klären" werden diese beruhigt und sie gewinnen letztlich Vertrauen zu der Gruppe, weil sie die ausgeklügelte Rollenverteilung nicht durchschauen.

    Die Schwarzen nutzen Klischees und Stereotypen am Ende zur Bereicherung, aber der finale „Raub", der streng genommen gar keiner ist, ist nicht das Wichtigste an dem Spiel – denn ein Spiel und ein Experiment ist es für sie vor allem, bereits der Titel macht das klar. Die Rollen und deren Wahrnehmung sind stark durch Klischees geprägt, die Jungen lernen, diese zu nutzen, um ihre Mitmenschen zu beeinflussen und zu ängstigen. Die Jugendlichen haben sichtbar großen Spaß am Ausprobieren dieser Rollen und an der Erfahrung, dass sie damit tatsächlich Erfolg haben. Für das Publikum bleibt die gesellschaftliche Tragweite des perfiden Spiels indes während des gesamten Films spürbar.

    Anders Östlunds Inszenierung entspricht dem experimentellen Charakter seiner filmischen Versuchsanordnung. Er arbeitet mit langen, meist starren Einstellungen und wenn sich die Kamera doch einmal bewegt, dann geschieht dies sehr langsam und sachte. Zwischendurch kommt es durchaus vor, dass die eigentliche Handlung außerhalb des Bildrahmens stattfindet und für das Kinopublikum gar nicht sichtbar ist. Der Zuschauer wird zum Beobachter, der auf eigene Entdeckungsreise gehen kann, ohne dass er von Östlund eine bestimmte Lesart aufgezwungen bekommt. Der Regisseur setzt auf interpretatorische Offenheit, aber lässt seinen Film niemals in Gleichförmigkeit versinken. So sorgt er mit kleinen Einschüben, mit denen er die Haupthandlung unterbricht, und mit einer Art Epilog für Abwechslung und stimulierende Irritation. Die zwischenmontierten Sequenzen spielen in einem Zug, zu sehen sind dort eine Kinderwiege, die den Weg versperrt und eine komplett kostümierte indigene Band, die traditionelle Musik zum Besten gibt. Hier dürfen die Betrachter und Zuhörer ihren Assoziationen freien Lauf lassen, während Östlund mit seiner Schlusswendung (zwei Väter von beraubten Kindern werden in einer ungewohnt detaillierten und ausführlichen Szene gegen einen schwarzen Jungen handgreiflich) geradezu provokant zur Thesenbildung einlädt.

    Fazit: „Play - Nur ein Spiel" ist eine sorgfältig inszenierte, nicht nur filmisch anspruchsvolle Studie über die Bedeutung und die Auswirkungen von Stereotypen sowie über die Psychologie der Einschüchterung.
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