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    Witching & Bitching
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Witching & Bitching
    Von Gregor Torinus

    Mit der völlig überdrehten Horror-Komödie „Witching & Bitching“ präsentiert sich Regie-Berserker Álex de la Iglesia einmal mehr in Bestform. Der verrückte Schöpfer von solchen anarchischen Werken wie „Aktion Mutante“ und „El día de la bestia“ schien über die Jahre merklich an Biss verloren zu haben, was in dem nur mäßig gelungenen Mainstream-Ausflug „The Oxford Murders“ gipfelte. Mit „Mad Circus – Eine Ballade von Lieben und Tod“ gelang dem eigensinnigen Basken 2010 aber ein mehr als fulminantes Comeback, bei dem er seine frühe wilde Seite mit ernsthafteren Tönen zu einer meisterlichen Einheit verknüpfe. Dafür gab es beim Filmfestival in Venedig gleich drei Auszeichnungen. Mit diesem filmischen Ritterschlag versehen, pfeift de la Iglesia in „Witching & Bitching“ auf jedwede politische Korrektheit und jedes Diktat durch einen vermeintlich guten Geschmack. Stattdessen lässt der wahnsinnige Visionär gleich zu Beginn einen silbern glänzenden Jesus eine Shotgun aus seinem Kreuz auspacken und wie verrückt um sich ballern.

    Ähnlich wie „Mad Circus“ beginnt auch „Witching and Bitching“ mit einem sehr kreativen Vorspann in Form einer recht wüsten Bilder-Assoziationskette: die eher unförmige prähistorische Venus von Willendorf, wunderschöne Frauendarstellungen im Barock, Maria Stuart, Serienmörderin Myra Hindley, Margaret Thatcher und … Angela Merkel sind hier vereint. Schnitt. Gangster, die Verkleidungen von Spongebob bis Jesus tragen, überfallen einen Juwelierladen und erbeuten einen Sack voller Ringe. Aufgrund verschiedener Komplikationen sieht sich der als Jesus verkleidete Anführer José (Hugo Silva) gezwungen, gemeinsam mit seinem Sohn und einem Komplizen in einem gekaperten Taxi zu flüchten. José hat alle Hände voll zu tun den Taxifahrer und einen weiteren unfreiwilligen Mitreisenden unter Kontrolle zu halten, während er abwechselnd mit einer Shotgun auf die verfolgenden Polizisten schießt und per Handy seiner Ex zu versichern versucht, dass ihr gemeinsamer Sohn an Papas Besuchstag ganz sicher noch seine Hausarbeiten machen wird. Noch ahnt er nicht, dass die spontane Flucht ausgerechnet in den kleinen Ort Zugarramurdi im Baskenland führen wird und dort eine noch weit größere Gefahr als die Polizei auf sie lauert...

    Wie bereits der internationale Titel „Witching & Bitching“ sowie der Originaltitel „Las brujas de Zugarramurdi“ („Die Hexen von Zugarramurdi“) verraten, müssen die Männer in diesem Film besonders vor einer Schar von finsteren Hexen auf der Hut sein. Doch bevor es soweit kommt, dass wahrlich die Hölle auf Erden loszubrechen und sich sogar eine alte Prophezeiung per rektaler Wiedergeburt zu verwirklichen droht, gilt es noch ein gutes Stück Weg zu überwinden. Zwischen dem Raubzug und der Ankunft in der Zentrale der Hexenherrschaft liegt eine ziemlich lange Taxifahrt, die zu den absoluten Höhepunkten des Films gehört. Hier quasseln alle, als gäbe es kein Morgen, was bereits zuvor eingeleitet wird: Denn schon beim Juwelierladenüberfall diskutieren die per Waffengewalt auf den Boden gezwungenen Kunden noch mit José über angesichts der Situationen eigentlich eher Nebensächliches wie die richtige Art der Kindererziehung. Die gesamte Taxifahrt ist dann ein einziges Stakkato an absurden Dialogen, bei denen sich alle Beteiligten trotz brisantester Lage von ihrer allzu menschlichen Seite zeigen. Selbst unter den verfolgenden Polizisten menschelt es so sehr, dass hierdurch ihr eigentlicher Auftrag in Gefahr gerät. So sieht sich der stets von seinem Kollegen bevormundet fühlende Kommissar an einer Stelle genötigt, ausdrücklich festzustellen, dass er jetzt tue, was der andere ihm sagt, aber nur, weil er es selbst tun will, und nicht, weil es ihm gesagt wird...

    Mit „Mad Circus“ mauserte sich Enfant terrible Álex de la Iglesia zum Liebling des Feuilleton. Sein groteskes Clown-Drama lieferte reichlich Interpretationsmaterial sowohl für einen politisch-historischen Diskurs („Kritik am Franco-Regime“) als auch für eine mehr tiefenpsychologische Herangehensweise („die tiefere Bedeutung des lustigen und die des traurigen Clowns“). Die Lorbeeren nahm de la Iglesia zwar gerne mit, aber beeinflussen lässt sich der alte Anarcho dadurch nicht. Stattdessen dürfte er mit „Witching & Bitching“ einigen mit dem Vorgänger gewonnen Kritikern nun mit Anlauf vor den Kopf stoßen. Diese Radikalität ist auch in seiner Herkunft zu begründen. Spanien hatte in ganz Westeuropa am längsten unter künstlerischer Zensur zu leiden. Kaum war der verhasste Diktator Franco 1975 unter der Erde, war in kreativer Hinsicht der Teufel los. Wie bei einem Dampfkochtopf, der schon lange kurz vor dem Explodieren war, wirkte auf einmal das ganze Land so, als wäre in letzter Minute der Deckel entfernt worden, damit sich die aufgestaute Energie ungebremst ihren Weg bahnen kann. An der Spitze: die Movida madrileña, die eine Kulturrevolution in die Wege leitete. Ihr bekanntester Sprössling ist Pedro Almodóvar, der auch Álex de la Iglesias brachialen Debütfilm „Aktion Mutante“ finanzierte. De la Iglesia trägt die Fackel weiter und denkt gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise in Spanien nicht daran in Depression zu verfallen. Stattdessen knallt er allen bekennenden Schöngeistern feist grinsend  „Witching & Bitching“ vor den Latz. Gut so!

    Fazit: Álex de la Iglesias neuester Streich „Witching & Bitching“ ist ein einziger ungebremster, wild-anarchisch-infantiler Ritt auf dem mit Krötenschleim eingeriebenen Hexenbesen, der unsere Kanzlerin gleich zu Beginn recht angemerkelt dreinblicken lässt.

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