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    No Place on Earth - Kein Platz zum Leben
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    No Place on Earth - Kein Platz zum Leben
    Von Katharina Granzin
    „Im Kino gewesen. Geweint." Dies könnte – ähnlich wie einst Franz Kafka - so mancher Zuschauer im Anschluss an den Besuch von „No Place on Earth - Kein Platz zum Leben" in sein Tagebuch notieren. Denn der Amerikanerin Janet Tobias ist in Zusammenarbeit mit dem Höhlenforscher Chris Nicola ein außergewöhnlich bewegender Dokumentarfilm gelungen. Sie erzählt eine Überlebensgeschichte, die so erstaunlich und menschlich packend ist, dass es wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit ist, bis Hollywood sie entdeckt und ein großes dramatisches Rührstück daraus macht. Tobias' Film aber gewinnt seine Wirkung zu einem nicht geringen Teil aus seiner unbedingten Authentizität. In einer dramaturgisch ausgewogenen Komposition aus Interviews, nachgestellten Spielszenen und gefilmter Gegenwart spannt die Regisseurin einen weiten Erzählbogen, der ein Dreivierteljahrhundert spielend umfasst und Geschichte auf eine Art lebendig und als menschliches Schicksal fassbar macht, wie man es im Kino nur sehr selten sieht.

    Der Höhlenforscher Chris Nicola, der manche Teile des Films als Erzähler begleitet, ist in den neunziger Jahren in der Ukraine unterwegs, um seiner Familiengeschichte auf die Spur zu kommen und um ein paar interessante Höhlen zu erkunden. In einer findet er überraschend Alltagsgegenstände – einen Damenschuh, einen Becher, mehrere Knöpfe – die darauf schließen lassen, dass hier unten Menschen gelebt haben. Der Amerikaner fragt im nahen Dorf herum, bekommt jedoch nicht mehr heraus, als dass sich wahrscheinlich Juden während des Krieges in der Höhle versteckt hielten. Erst lange Zeit später erhält Nicola zu Hause eine E-Mail von einem Überlebenden und erfährt nach und nach die ganze Geschichte: Von 1942 bis 1944 haben sich mehrere jüdische Großfamilien in der Höhle von Verteba und einer Nachbarhöhle vor den Deutschen versteckt und so die Nazizeit überlebt. Die überlebende Esther Stermer hat sogar eine Autobiographie veröffentlicht, in der sie die damaligen Erlebnisse verarbeitete. Ihre gesamte Familie ist nach der Befreiung in die USA ausgewandert. Insgesamt hatten sie zuvor 511 Tage unter der Erde gelebt.

    Esther Stermer ist so etwas wie das stille Zentrum von Janet Tobias' Film. Sie wird als starke Persönlichkeit, als Matriarchin, die mit Mut und Entschlossenheit ihren Familienverband führte, gezeigt. In mit ungarischen SchauspielerInnen (die Höhlenszenen wurden in Ungarn nachgestellt) besetzten Spielszenen erlebt man mit, wie Esther, ihre Kinder und Enkel in die unterirdische Welt aus Dunkelheit und Kälte absteigen. Regisseurin Tobias inszeniert dabei hochdramatische Szenen voller Spannung - etwa wenn die Nazis das erste Höhlenversteck entdecken und einen Teil der Untergetauchten festnehmen. Die Kamera bleibt dabei immer ganz nah an den Menschen, ist Teil der Gruppe, und nimmt nie eine voyeuristische Position ein. Dieser Blickwinkel wird selbst beibehalten, als zwei ukrainische Dorfpolizisten Esthers Schwester und Neffen erschießen, während sie die anderen Verhafteten laufenlassen. Ein kurzer, fast scheuer Kamerablick auf die leblosen Körper genügt. Die Realität des Grauenhaften, das gerade passiert ist, vermittelt sich erst nachträglich durch den Off-Text.

    Janet Tobias führte ausführliche Interviews mit einigen der Überlebenden, sprach mit zwei, nunmehr hochbetagten Söhnen und zwei Enkelinnen von Esther Stermer. Die sehr persönlichen Erzählungen liegen zum einen als Off-Text über den Spielszenen; dazwischen sieht man die Interviewten aber auch immer wieder vor einem neutralen Hintergrund sitzen und über die unglaubliche Zeit sprechen, durch die sie sechzig Jahre zuvor gegangen sind. Dieses Verfahren, den authentischen Zeitzeugenbericht über zwei Zeitebenen zu legen, verzahnt diese so wirkungsvoll miteinander, dass den Spielszenen von vornherein jede Künstlichkeit ausgetrieben wird. Sie werden gleichsam natürlich als verbildlichte Erinnerung rezipiert, eine Wirkung, die unterstützt wird durch die subtile Kamera und eine Tongestaltung, die die sparsamen Dialoge und überhaupt jegliche Geräusche in den Hintergrund legt. Die stärksten Szenen sind aber jene sachlich dokumentierenden Aufnahmen, in denen die Regisseurin zeigt, wie die überlebenden Stermers nach über sechzig Jahren erstmals in die verlorene Heimat zurückkehren und zusammen mit ihren amerikanischen Enkelkindern die Höhle besuchen, die ihnen damals Schutz bot.

    Fazit: Helden des Überlebens unter der Erde: Janet Tobias erzählt in ihrem ergreifenden Dokumentarfilm eine abenteuerliche Survivalgeschichte aus dunkler Zeit. Überragend gefilmt und subtil in Szene gesetzt.
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