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    Es ist schwer, ein Gott zu sein
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Es ist schwer, ein Gott zu sein
    Von Michael Meyns
    Düster und melancholisch ist die russische Seele, soviel wird klar, wenn man auch nur oberflächlich in die Welten von Puschkin, Dostojewski oder Tarkovskij eintaucht. Leichte Kost ist mit diesen Künstlern nicht zu haben, stets geht es um die großen Fragen der Menschheit, um Liebe, Krieg, die Existenz an sich. In diesen Sphären bewegte sich auch der 2013 verstorbene Regisseur Aleksei German, der zwischen 1968 und 1998 ganze fünf Filme drehen konnte und die restlichen Jahre seines Lebens mit der Fertigstellung seines Magnum Opus verbrachte, einer Verfilmung des Sci-Fi-Romans „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ von den „Stalker“-Autoren Arkadi und Boris Strugazki. 2012 gab es sogar schon einen Dokumentarfilm über das legendäre Projekt, an dessen Fertigstellung kaum noch zu glauben war. Doch kurz nach dem Tod Germans vollendeten seine Witwe Svetlana Karmalita und sein inzwischen selbst als Regisseur arbeitender Sohn Aleksei German Jr. („Under Electric Clouds“) das Werk des Vaters. Und auch wenn einzelne Momente der drei Stunden von „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ Ratlosigkeit hervorrufen: Dieses Science-Fiction-Epos voller Matsch, Blut und menschlicher Exzesse ist einfach atemberaubend.


    Die Zukunft: Seit Jahren lebt ein Kosmonaut und Forscher auf dem Planeten Arkanar, der eine Art Doppel der Erde ist. Die dort etablierte Kultur erinnert allerdings eher an das Mittelalter. Der Forscher darf nicht in die Geschicke der Bewohner eingreifen, seine Aufgabe ist es, zu beobachten und Erkenntnisse über die Psychologie der Menschen zu gewinnen. So sieht er, wie sich die Bewohner Arkanars in Unmengen von Dreck, Matsch, Kot, Blut und anderen Körperflüssigkeiten suhlen, Krieg führen und jeden Ansatz von Zivilisation zu zerstören drohen. Diese kriegerische Auseinandersetzung, deren Ursachen man – wie fast alles andere in diesem Werk – kaum mehr als erahnen kann, findet zwischen den „Grauen“ und den „Schwarzen“ statt, die unter all dem Dreck in den Schwarz-Weiß-Bildern allerdings nicht zu unterscheiden sind. Und genau darum scheint es German zu gehen: Der Krieg macht alle Menschen gleich, die Ursachen sind bald nicht mehr relevant, es geht nur noch ums Überleben.

    Die Bezüge zur russischen Geschichte sind vielfältig, vom Kampf zwischen den „Weißen“ und den „Roten“ während der Revolution bis hin zu den Repressionen im heutigen Russland, wo Putin und seine Schergen zügellosen Kapitalismus mit Unterdrückung von freiem Denken verknüpfen. Ebenso vielfältig wie die Bedeutungsebenen ist der visuelle Stil, den German in jahrelangen Dreharbeiten in Studios in Prag und Sankt Petersburg entwickelte. Von langen Plansequenzen ist er geprägt, von elaborierten Kamerafahrten, minutenlangen Einstellungen, in denen die ausufernden Sets zum Leben erwachen als würde man in ein Gemälde von Bosch oder Brueghel eintauchen. In klare Worte fassen lässt sich „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ kaum: Zu extrem ist die Erfahrung eines Films, der ein Universum entstehen lässt, das von Menschenhand geschaffen und doch unmenschlich ist, das abstoßend und faszinierend zugleich ist und gerade dadurch so viel über die Welt erzählt, in der wir leben.

    Fazit: Aleksei Germans „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ verlangt dem Zuschauer einiges ab: Viel Sitzfleisch, aber vor allem den Willen, sich auf einen Film ohne klare Erzählung einzulassen, der mit evokativen, exzessiven Bildern zum Nachdenken über die grundsätzlichen Fragen der Menschheit einlädt.

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