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    Rigor Mortis - Leichenstarre
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Rigor Mortis - Leichenstarre
    Von Stefan Dabrock
    Im chinesischen Kulturraum gibt es die Vorstellung einer Geisterwelt verstorbener Seelen, die als ständige Begleiter der Lebenden auf spirituell erfahrene Menschen Einfluss nehmen können. Dabei sind nicht alle Geister gut, weil schreckliche Ereignisse grausame Reaktionen aus der Geisterwelt nach sich ziehen können und weil mit Schwarzer Magie mythologische Monstren wie Vampire erzeugt werden können. 1985 griff Ricky Lau den Glauben an solche jenseitigen Gefahren in der überdrehten Blutsaugerkomödie „Mr. Vampire“ auf und begegnete ihm mit wildem Slapstick, albernen Späßen und heldenhafter Action. Das abgefahrene Ergebnis hat längst Kultstatus und zog vier weitere Filme nach. Juno Mak, in Hongkong bislang als Popstar und Darsteller in Erscheinung getreten, nimmt in seinem düsteren Regiedebüt „Rigor Mortis - Leichenstarre“ nun einige Motive der „Mr. Vampire“-Reihe auf. Doch er verzichtet auf Humor und stellt stattdessen eindrucksvolle melancholisch-schaurige Bilder ins Zentrum seiner Erzählung.

    Siu-Ho (Siu-hou Chin) hat mit dem Leben abgeschlossen. Der einstmals erfolgreiche Schauspieler zieht nach dem Verlust der eigenen Familie in einen heruntergekommenen Hochhausappartementkomplex, um sich zu erhängen. Im Todeskampf sieht er Geisterscheinungen, deren Aktivität seinen spirituell sensiblen Nachbarn Yau (Anthony Chan) auf den Plan rufen. Der rettet Siu-Ho das Leben und schlägt die bösen Geister in die Flucht. In seinem Imbiss erzählt Yau dem verhinderten Selbstmörder, dass er früher als Vampirjäger tätig war, bis die Blutsauger plötzlich verschwanden und er sich neu orientieren musste. Innerhalb des Hochhauses existieren zudem zahlreiche Geister, mit denen sich die Bewohner arrangiert haben. Nur die verwirrt wirkende Feng (Kara Hui) und ihr Kind, die oft in der Nähe von Siu-Hos Appartement umher wandeln, irritieren etwas. Als der ältere Bewohner Tung (Richard Ng) ums Leben kommt, verspricht der ebenfalls im Hochhaus lebende Mönch Gau (Chung Fat) dessen Frau Mui (Hee Ching Paw), den Toten mit magischen Ritualen wiederzubeleben. Doch dadurch entsteht ein rasender Vampir, gegen den Yau und Siu-Ho vorgehen müssen.


    Juno Mak versammelt mit Siu-hou Chin und Anthony Chan unter anderem zwei der Darsteller aus Ricky Laus „Mr. Vampire“, die sich auch noch über ungekochten Klebreis zur Vampirabwehr unterhalten, einer Methode aus dem komödiantischen Vorbild. Zusätzlich taucht einer der typischen, ursprünglich albern herumhüpfenden Blutsauger auf, der hier aber bedrohlich wirkt. Diese Herangehensweise ist Programm: Denn Mak greift zwar auf die mythologische Welt mit Geistern und Nachtgestalten aus „Mr. Vampire“ zurück, betrachtet sie aber von einer ernsthaften, schaurigen Seite. In dieser Welt sieht es sogar ein wenig gruselig aus, wenn Yau in einer Weitwinkelgroßaufnahme eine Handvoll Reiskörner geräuschvoll auf den Tisch prasseln lässt. Aus einfachen Aktionen, Gesten oder Blicken entsteht ein bedeutungsschwangeres Umfeld, in dem der Tod ein ständiger Begleiter ist. Dabei spielt der Erzählfluss eine untergeordnete Rolle. Denn alles befindet sich in einem Schwebezustand aus spirituellen sowie diesseitigen Kräften, die miteinander ringen und zu einem Ausgleich gebracht werden müssen.

    Die Folge des Widerstreits sind gewalttätige Einbrüche in die Ruhe des Appartementkomplexes, die saftig-intensiv in Szene gesetzt wurden. So zeugen mächtige Blutlachen von der Gefahr im Umfeld der Menschen. Der erfahrene Kameramann Man-Ching Ng („Infernal Affairs 2“) hat die ranzig-grauen Innenräume zusammen mit dem Blut so elegant ausgeleuchtet, dass die gedeckten, kunstvoll ästhetisierten Farben die stets präsente, melancholische Trauerstimmung wie überwältigend schöne Oden an den Tod widerspiegeln. Gleichzeitig liegt über allem eine gespenstische Atmosphäre. In dieser unsicheren Welt des Verfalls kämpfen die Figuren gegen die unberechenbaren Gestalten aus dem Zwischenreich, die auf schmerzliche Weise an die eigene Vergänglichkeit erinnern. Dabei ist „Rigor Mortis“ ein reiner Film der Bilder, während die Hintergründe zu den Figuren nur angedeutet werden. Die Ästhetik steht so ganz klar im Vordergrund, die laue Story bleibt Beiwerk.

    Fazit: Debütregisseur Juno Mak beschäftigt sich in seinem melancholischen Gruselfilm mit spirituellen Fragen des Lebens und des Todes. Dabei dominiert das Visuelle über den Inhalt, wodurch mit ausgefeilten Bildkompositionen der Raum für eigene Gedanken geöffnet wird, Freunde spannender Geschichten aber weniger auf ihre Kosten kommen.

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