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    Der wundersame Katzenfisch
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Der wundersame Katzenfisch
    Von Andreas Günther
    So etwas passiert: Da lernt man Menschen kennen, die man mag und die einem angenehm sind. Gleichzeitig ist die Situation aber etwas unübersichtlich, beunruhigend und deshalb auch nicht ganz befriedigend. Ein klärendes Wort jedoch könnte womöglich das Gemeinschaftsgefühl zerstören. In so einer Zwickmühle befindet sich die Hauptfigur von Claudia Sainte-Luces wunderbarem Langfilmdebüt „Der wundersame Katzenfisch“. Der skurrile deutsche Titel bezieht sich dabei auf ein Aquarium, in dem ein Goldfisch im Schatten einer buddhaartigen, vergoldeten Katzenstatue sein Dasein fristet und damit den Zustand der jungen Heldin spiegelt, die sich unverhoffterweise in einer merkwürdigen Familie wiederfindet und sich fragt, ob sie dazugehört oder nicht.  

    Die verwaiste und vereinsamte Claudia (Ximenia Ayala) muss sich einer Blinddarmoperation unterziehen. Im Krankenhaus schließt sie Bekanntschaft mit der HIV-infizierten Martha (Lisa Owen) und deren vier Kindern: Alejandra (Sonia Franco), die schon arbeitet und Liebeskummer hat, die übergewichtige Wendy (Wendy Guillén), die hübsche Mariana (Andrea Baeza) und Armando (Alejandro Ramirez Muñoz), der Junior, der schon mal unter dem Krankenbett seiner Mutter übernachtet. Ob sie sie in ihrem gelben VW mitnehmen können, fragen sie Claudia am Tag der Entlassung. Nach einigem Widerstreben willigt sie ein. Ob sie nicht mit ihnen essen will? Und bei ihnen übernachten, denn es sei ja schon spät? So geht es weiter. Claudia bringt Mariana und Armando zur Schule. Sie leistet Martha im Krankenhaus Gesellschaft. Sie fährt mit in den Urlaub. Sie wird Teil der Familie. Aber gehört sie wirklich dazu oder ist sie nur dabei?


    Das lateinamerikanische Kino wird immer noch vorwiegend mit Machismo, Gewalt und politisch-ökonomischen Konflikten in Verbindung gebracht, dabei gibt es zunehmend zärtliche und heitere, stärker psychologisch ausgerichtete Filme. Zu diesen gehört auch „Der wundersame Katzenfisch“. Die mexikanische Regisseurin Claudia Sainte-Luce zeigt ein feines Gespür für die Gefühlswelten ihrer jungen Protagonistin und gemeinsam mit ihrer Kamerafrau Agnès Godard („Winterdieb“, „Beau Travail“) verstärkt sie durch die ebenso ausgeklügelte wie ausdrucksstarke visuelle Gestaltung noch den Sog, den Claudia erlebt, je mehr sie Teil der Familie wird. Als sie etwa Marthas kleines Reihenhaus zum ersten Mal betritt tobt das pralle Leben und all das fängt Godard in einer langen Plansequenz ein: Die Mutter schmeckt in der Küche das Essen ab, Alejandra und Mariana decken den Tisch im Wohnzimmer, derweil setzt Armando mit geübten Handgriffen die Waschmaschine in Gang. Schließlich sitzen alle vor ihren Tellern und Wendy spricht ein Gebet: „War das nicht mal kürzer?“ mäkelt Alejandra. Nach den ersten Löffeln steht die Mutter, die versucht, sich nie etwas von ihrer tödlichen Krankheit anmerken zu lassen, plötzlich auf und muss sich übergeben. Das alles in einer ungeschnittenen Szene.

    Präzision und Spontaneität gehen hier Hand in Hand: In dem Supermarkt, wo Claudia arbeitet, ist zum Beispiel ein Kunde zu sehen, der ein Produkt betrachtet und es dann halb zweifelnd, halb neugierig in den Einkaufswagen legt. Nur ein paar Sekunden sieht man diese Person, aber in dieser Zeit hat dieser Statist genauso viel Präsenz wie die Hauptfigur. Und so wie in dieser Szene Vordergrund und Hintergrund, Hauptfigur und Nebenfiguren verschmelzen, so lösen sich auch für Claudia die Grenzen auf und sie fragt sich, welche Stellung sie in Marthas Familie hat. Ist sie nur komparsenhafte Stichwortgeberin oder vollwertiges Mitglied? Oder so etwas wie der Zierfisch, also nur Fassade? Die Zweifel sprechen aus ihrem Gesicht, als sie sich im Urlaub allein im Meer wiederfindet, weil die anderen Kinder, gesteuert von heimlichem Einverständnis, an den Strand zurückgekehrt sind. Claudia Sainte-Luce benutzt diese Ungewissheit, um von der Entwicklung ihrer Heldin zu erzählen und die außerordentlich präzise und einfühlsame Art, in der sie das tut, macht „Der wundersame Katzenfisch“ zu einem überaus sehenswerten Film.

    Fazit: Claudia Sainte-Luce entwirft in „Der wundersame Katzenfisch“  ein lebensfrohes, dem Tode abgetrotztes Gruppenbild mit Außenseiterin, das sich durch erzählerische und inszenatorische Qualitäten gleichermaßen auszeichnet.
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