Adams Acht
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
2,5
durchschnittlich
Adams Acht

Noch ein deutsches Sommermärchen

Von Oliver Kube

„Wo zum Teufel liegt eigentlich Ratzeburg?“, fragt eine der Figuren in „Adams Acht“, einem historischen Biopic, das sich als Mischung aus Sport-, Polit-, Liebes- und Gesellschaftsdrama präsentiert. Fans des Rudersports kennen die Antwort allerdings spätestens seit 1958. Denn damals gewann der lokale Ruderclub der schleswig-holsteinischen Kleinstadt an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern völlig überraschend die Deutsche Meisterschaft in der Königsdisziplin, dem Achter. Trainiert wurde das später zum Mythos „Der Deutschland-Achter“ ausgerufene Außenseiter-Team von einem Mann, der selbst nie eine einzige Regatta als Ruderer bestritten hatte. Dennoch revolutionierte er im Laufe der folgenden Jahre die Sportart nahezu im Alleingang: Karl Adam (1912–1976).

Der attraktiv ausgestattete Film wurde von dem sonst primär fürs hiesige Fernsehen arbeitenden Regisseur Hannu Salonen („Oktoberfest 1900“) inszeniert. Ihm gelingt es, die Wettkämpfe auf dem Wasser auch für Laien packend in Szene zu setzen. Statt eines der größten sportlichen Wunder der Nachkriegszeit und seines Architekten stimmig zu charakterisieren, verliert sich Salonen allerdings immer wieder auf Nebenschauplätzen. Zusätzlich zur zentralen Sportgeschichte um das titelgebende Ruderteam versucht er immer auch, die Eigenheiten des gesellschaftlichen Alltags im geteilten Deutschland während der Nachkriegszeit und im Kalten Krieg herauszustellen, bleibt bei der Schilderung der Einzelschicksale aber viel zu oberflächlich.

Der legendäre Deutschland-Achter ist bis heute eines der größten Wunder der deutschen Olympia-Geschichte überhaupt! Majestic-Filmverleih
Der legendäre Deutschland-Achter ist bis heute eines der größten Wunder der deutschen Olympia-Geschichte überhaupt!

Ratzeburg in den 1950ern: Karl Adam (Oliver Masucci) arbeitet als Lehrer an der lokalen Schule. Dort trifft er auf eine Generation vaterloser Jungen, die nicht wissen, wohin mit ihrer Wut. Der laufend mit den Dämonen seiner eigenen Vergangenheit ringende Pädagoge versucht, zumindest einigen von ihnen ein Ventil und eine Perspektive für ihr Leben zu bieten, indem er sie zum Rudersport bringt. Obwohl sich sein Club nicht einmal anständige Boote leisten kann, führen Adams innovative Trainingsmethoden, technische Kniffe und unkonventionelle Taktiken schnell zu ersten Erfolgen.

Die Funktionäre des elitären Sports (darunter Axel Milberg und Heino Ferch), die Adam und seine Schützlinge zunächst noch belächeln, müssen bald realisieren, dass ausgerechnet diese Underdogs aus der Provinz Deutschlands einzige Chance auf einen Erfolg bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom sind …

Nicht gerade die kinotauglichste Sportart

Rudern ist an sich kein besonders leinwandfreundlicher Wettkampf – das hat man zuletzt schon in George Clooneys „The Boys In The Boat“ gesehen. Nach dem Start führen die Ausdauersportler*innen über Tausende von Metern immer wieder die gleichen Bewegungen aus, bis sie endlich im Ziel sind. In der Regel kommt dabei allenfalls kurz vor dem Einlauf Spannung auf. Deshalb platziert Regisseur Salonen zwischen den Bildern der sich abrackernden Athleten immer wieder Nahaufnahmen der Riemen in den Dollen, begleitet von krachenden Sound-Elementen. Dazu kommt der Coach, der sich auf der Tribüne mit den Chefs des Verbandes anlegt, sowie ein Publikum, das dem deutschen Team gegenüber zu diesem Zeitpunkt noch sehr feindselig eingestellt ist. So gelingt es tatsächlich, den eigentlich monotonen Rennverläufen eine erstaunliche Dynamik abzutrotzen – selbst wenn man weiß, wie das olympische Finale in Rom letztlich ausging.

Dass die Wettkämpfe auf dem Wasser so authentisch wirken, liegt auch daran, dass der aktuelle Nachwuchs des Ratzeburger Ruderclubs die Schauspieler in den Booten tatkräftig unterstützt. Zudem kamen restaurierte originale Holzboote zum Einsatz. Auf dem Land spürt man ebenfalls die Liebe zum Detail bei den Kostümen, Fahrzeugen und Kulissen. So kommt die bedrückende Kalter-Kriegs-Atmosphäre im damaligen Grenzgebiet trotz eingestreuter leichterer Momente durchgehend glaubhaft rüber. Die entscheidende Schwäche des Films ist unterdessen der missglückte Versuch, die ganzen Handlungsstränge, bei denen jeder für sich bereits genug Material für einen eigenen Film bieten würde, zu einem stimmigen Ganzen zu verknüpfen.

Karl Adam (Oliver Masucci) hat den Rudersport auch technisch revolutioniert! Majestic-Filmverleih
Karl Adam (Oliver Masucci) hat den Rudersport auch technisch revolutioniert!

Neben seinen Bemühungen, die Mannschaft zu verbessern, steht das persönliche Ringen Adams mit seiner eigenen Vergangenheit im Mittelpunkt. Allerdings gibt es in der realen Vita des Trainers Fakten, mit denen sich das Biopic zwar auseinandersetzt, sie aber einer gravierenden Glättung unterzieht. In „Adams Acht“ wird der Titelheld konsequent als jemand dargestellt, der dem NS-Regime kritisch oder zumindest skeptisch gegenüberstand. Dass er sich im wahren Leben aber bereits 1933 der Nazi-Schlägertruppe SA anschloss, bleibt unerwähnt – und auch sein Eintritt in die NSDAP nur wenige Jahre später wird lediglich kurz angedeutet. Bereits mit der Eröffnungssequenz werden einige dunkle Flecken zumindest aufgehellt.

So treffen wir den von Oliver Masucci mit einer Kombination aus Charisma, Schlitzohrigkeit und Melancholie gespielten Adam erstmals im Jahre 1947. Im Rahmen eines Verfahrens vor einer Handvoll Laienrichtern muss er sich für seine Zeit als Lehrer für Mathematik, Physik und Leibesertüchtigung an einem NSDAP-Eliteinternat verantworten. Am Ende der recht kurzen Anhörung bekommt Adam einen Persilschein als unbedenklicher Mitläufer ausgestellt. Seine in Rückblicken gezeigten Aktivitäten an der Napola im bergischen Bensberg untermauern dies, beschränken sie sich doch allein auf die Tätigkeit als Boxtrainer.

Auf der Oberfläche entlanggeglitten

Möglicherweise hat der reale, offenbar hochintelligente Mann aufgrund seiner Erfahrungen tatsächlich irgendwann einen Sinneswandel durchgemacht. Wie es dazu gekommen sein könnte, wird uns allerdings nicht schlüssig gezeigt, obwohl es dazu im Film durchaus Gelegenheiten gegeben hätte. Denn ein Teil von Adams Mannschaft besteht aus Söhnen alter Faschisten, die offenbar die Sichtweisen ihrer Väter übernommen haben. Darüber hinaus sitzt der SS-Offizier, der Adam einst dazu zwang, persönlich auszuwählen, welche seiner Schüler an die Front geschickt wurden, ihm nun als hochrangiger Funktionär beim deutschen Ruderverband im Nacken. Heino Ferch verkörpert diese ohne viel charakterliche Tiefe ausgestattete Rolle zumindest schön schmierig.

Die Story von Hans Lenk (Felix Kammerer aus „Im Westen nichts Neues“), der später als Philosoph und Hochschullehrer reüssieren sollte, verdient einen eigenen Film. Der in eine junge Mutter (Svenja Jung) in der Ostzone verliebte Mann arbeitet nicht nur hart für den Erfolg im Ruderboot und in seinem Studium, sondern nimmt es obendrein mit gleich beiden politischen Systemen auf. Aber selbst diese eigentlich spannende Passage bleibt aufgrund all der anderen zu erzählenden Plotpunkte kraftlos und stört bisweilen sogar den Fluss der Sporthandlung. Die ebenfalls noch in „Adams Acht“ hineingepresste, schwierige Liebe eines weiteren Ruderers (Leonard Kunz aus „Der Tiger“) zu einer „höheren Tochter“ (Stephanie Amarell) aus dem Ort sorgt endgültig dafür, dass der Film oft hoffnungslos überfrachtet wirkt.

Fazit: Während „Adams Acht“ zumindest visuell und atmosphärisch überzeugt, wird versucht, zu viele Handlungselemente in ihn hineinzupressen. Eine fokussiertere – sowie ehrlichere – Konzentration auf die ohnehin schon ausreichend komplexe und vielschichtige reale Lebensgeschichte der Trainer-Legende Karl Adam hätte dem Film mit Sicherheit gutgetan.

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