Was für ein irres Projekt, das sich Richard Linklater da ausgedacht hat! Über 12 Jahre (!!) hinweg immer wieder die gleichen Schauspieler zu versammeln, um die Geschichte eines Jungen vom 6. Lebensjahr bis zum Anfang seiner College-Zeit zu erzählen. Insgesamt gab es „nur“ 39 Drehtage, aber eben über 12 Jahre verteilt. Unglaublich, dass so etwas überhaupt funktionieren kann! Allein dafür verdient Linklater schonmal meinen allergrößten Respekt!
Wenn man nun aber die Geschichte als solches anschaut, ist das leider etwas ernüchternd. Es ist schon extrem cool, so eine Coming-of-Age-Geschichte über diesen großen Zeitraum hinweg mit dem gleichen Schauspieler und ganz ohne Verjüngungs- oder Alterungs-CGI (wie es ja in der Regel alle anderen vergleichbaren Filme so tun) zu erzählen und es ist sehr interessant, zu beobachten, wie sich Mason jr. so verändert und entwickelt. Aber genau so interessant ist es auch, die Veränderungen der Menschen um ihn herum, in erste Linie seine Eltern und seine Schwester, zu sehen. Dabei lässt uns der Film über die genauen zeitlichen Abläufe im Dunkeln, es gibt keine erklärenden Texttafeln oder so, am ehesten erfolgt die zeitliche Verortung über die körperliche Veränderung bei Mason jr. und ein bisschen bei seiner Schwester.
Der Film hat eigentlich keine Handlung im engeren Sinne, vielmehr ist es so, dass wir eben Mason über die 12 Jahre hinweg einfach so beobachten, was er so tut und was um ihn herum geschieht. Die Episoden sind zu Beginn relativ flott und unterhaltsam inszeniert, es macht Spaß, Mason zuzuschauen, wie er immer älter wird und wie er so auf seine Umgebung (. den Umzug seiner Mutter oder deren neue Lebensgefährten) reagiert. Im weiteren Verlauf zeigt sich dann aber auch die größte Schwäche des Films, nämlich dass keinen wirklichen roten Faden gibt, die Handlung steuert nirgendwo hin und es gibt keinen wie auch immer geartete Abschluss. Dadurch wird das Alles auf die Dauer auch etwas ermüdend und redundant, streckenweise auch sehr langgezogen und richtiggehend langweilig. Das Ende lässt mich dann auch etwas ambivalent zurück, es ist gleichzeitig irgendwie schön, aber auch sehr traurig.
Schauspielerisch und handwerklich allerdings gibt es absolut nichts auszusetzen, Richard Linklater ist ein Meister. Seine Wahl der Hauptdarsteller erweist sich als absoluter Glücksgriff, vor allem Ellar Coltrane, der vielleicht von allen die größte Veränderung durchmacht verkörpert seinen Mason jr. immer absolut glaubwürdig, seine Handlungen sind stets nachvollziehbar und ich konnte mich sehr gut mit ihm identifizieren. Patricia Arquette ist sowieso über jeden Zweifel erhaben, sie hat es als Masons Mutter auch nicht leicht, muss sich mit den zwei Kindern nach der Trennung durchschlagen und ist alles andere als die perfekte Mutter. Dennoch nimmt man ihr die unbedingte Liebe zu ihren Kindern jederzeit ab, großartig! Ethan Hawke hat deutlich weniger Screentime und macht auch eine Veränderung durch, bleibt dabei aber auch immer der fürsorgliche und liebende Vater, der immer gerne mit seinen Kindern Zeit verbringt. Lorelei Linklater, die Tochter des Regisseurs (!), spielt Masons zwei Jahre ältere Schwester, ist zu Beginn also 8 Jahre alt und ist eine absolute Entdeckung! Auch wenn sie nicht viel Screentime hat, macht auch sie eine deutlich sichtbare sowohl körperliche als auch emotionale Wandlung durch. Vorm allem in der Interaktion mit Ethan Hawke gibt es einige wirklich witzige Szenen – etwa wie das Gespräch über Kondome. Alle anderen Figuren kommen und gehen, nur wenige bleiben über einen längeren Zeitraum im Film, sind aber allesamt ebenfalls stark besetzt!
FAZIT: Ein Wahnsinnsprojekt, bei dem ich staune, dass das überhaupt realisierbar war liefert uns einen in vielfacher Hinsicht einzigartigen Film. Schauspielerisch toll besetzt verliert sich der Film in der zweiten Hälfte mangels einer wirklichen durchgehenden Handlung manchmal doch zu sehr in bedeutungslosen und uninteressanten Episoden aus Masons Leben. Insgesamt ist der Film aber auf alle Fälle sehenswert und wirklich ein cineastisches Happening. Unbedingt anschauen!