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    The Party's Just Beginning
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Party's Just Beginning

    Ein „Avengers 4“-Star an der Käsetheke

    Von Oliver Kube
    Damit gar nicht erst irgendwelche Missverständnisse aufkommen, warum man sich ausgerechnet „The Party‘s Just Beginning“ anschauen sollte, ist der hauptsächliche Grund dafür ganz groß auf dem Blu-ray-Cover abgebildet. Er, oder besser sie, heißt Karen Gillan. Wenn ein Schauspieler bereits in solchen Megahits wie „Guardians Of The Galaxy“, „Avengers 3“ und „Jumanji: Willkommen im Dschungel“ mitgewirkt hat, dann bieten sich natürlich auch Chancen: Und so konnte die Schottin das blaue Nebula-Make-up beziehungsweise das knappe Dschungel-Outfit nun gegen einen unförmigen Kittel und ein ebenfalls nicht gerade vorteilhaftes Haarnetz eintauschen. Statt im Marvel Cinematic Universe ihr Unwesen zu treiben oder von Nashörnern und schwarzen Mambas durch den Urwald gejagt zu werden, steht sie in „The Party’s Just Beginning“ hinter einer Käsetheke und macht dabei nicht nur schauspielerisch eine ausgesprochen gute Figur. Denn das emotional mitreißende Coming-Of-Age-Drama ist zugleich auch Gillans Debüt als Langfilm-Regisseurin.

    Lucy heißt eigentlich Liùsaidh (Karen Gillan) und ist 24 Jahre alt. Dennoch lebt sie weiterhin bei ihren komplett mit sich selbst beschäftigten Eltern (Paul Higgins, Siobhan Redmond) in Inverness in den schottischen Highlands. Seit ihr bester Freund Alistair (Matthew Beard) tot ist, fehlt ihr jemand, mit dem sie reden kann. Tagsüber verrichtet sie widerwillig ihren trostlosen Job im Supermarkt, abends betäubt sie sich und ihre Schuldgefühle wegen Alistairs Selbstmord mit Unmengen von Alkohol sowie wahllosem Sex. Erst als sie bei einem eigentlich als One-Night-Stand geplanten Sextreffen dem ebenfalls mit seinem Dasein nicht gerade glücklichen Dale (Lee Pace) begegnet und eher unfreiwillig die Telefonseelsorge für einen depressiven Rentner (Ralph Riach) übernimmt, scheint ihr Leben zumindest wieder ansatzweise einen Sinn zu bekommen...

    Zwei MCU-Stars: Karen Gillan & Lee Pace


    Mit dem Begriff „Quarterlife Crisis“ wird analog zur „Midlife Crisis“ ein bei Twens recht häufig zu beobachtender Zustand der mentalen Unsicherheit nach dem Erwachsenwerden umschrieben. Die von Karen Gillan („Avengers 4: Endgame“) verkörperte Lucy befindet sich in genau solch einer Situation. Und das nicht nur, weil sie in dem Provinznest Inverness feststeckt, das mit seinen verlassenen Fabrikgebäuden, heruntergekommenen Straßen und Gebäuden offensichtlich keine großen Chancen für junge Menschen bietet. Vielmehr leidet Lucy vor allem, weil sich der erste Jahrestag des Suizids von Alistair nähert. Schließlich glaubt sie doch, dass sie ihm hätte helfen können, wenn sie damals weniger selbstverliebt und ichbezogen gewesen wäre. Gillan, die zusätzlich zur Regiearbeit auch noch selbst das Drehbuch verfasst hat, spielt die nicht immer schmeichelhafte Rolle mit einer lobenswert furchtlosen Konsequenz.

    Der Zuschauer lernt Lucy gleich in der Eröffnungsszene volltrunken und auf Krawall gebürstet kennen. Schnell wird klar, dass dieser Zustand bei ihr eher die Regel als die Ausnahme ist. Immer wenn sie von ihrem Alltag besonders gefrustet ist, was mehrmals pro Woche der Fall zu sein scheint, hat sie eine Art Ritual: Erst schießt sie sich in einem der lokalen Pubs die Lichter aus. Dann reißt sie irgendeinen Typen auf, mit dem sie irgendwo Sex hat – im Stehen und von hinten, damit sie den Kerl nicht anschauen muss. Anschließend stopft sie sich eine gigantische Portion Pommes rein und wenn sie sich bei einer der Aktionen zufällig in einem Spiegel oder als Reflektion in einer Fensterscheibe sieht, hält sie nur kurz inne, um dann von sich selbst angewidert den Blick abzuwenden und einfach noch einen weiteren Schluck aus der Pulle zu nehmen. Aller selbstzerstörerischen Aktionen zum Trotz bekommt sie die Erinnerungen an ihren verzweifelten Freund aber einfach nicht aus dem Kopf.

    Kein Herz für Kitsch


    Wenn Lucy etwa nach der Hälfte schließlich auf den von Gillans MCU-Co-Star Lee Pace („Captain Marvel“) verkörperten Dale trifft, bekommt sie eine zweite Chance, das nachzuholen, was sie glaubt, damals bei Alistair versäumt zu haben. Dass das Ganze trotzdem nicht in einem schmalzigen Happy End mündet, ist Gillans vielleicht nicht in allen Details rundum funktionierendem, dafür aber merklich immer der Authentizität verpflichtetem Skript zu verdanken. Besonders gelungen sind dabei die ebenso simpel wie effizient ins Bild gesetzten Telefonate, die Lucy mit einem alten Mann führt. Der wollte eigentlich die lokale Seelsorge anrufen, landete aber durch einen Nummerndreher bei ihr. Zuerst hilft sie dem traurigen Witwer mit dringend benötigtem Zuspruch. Mit der Zeit öffnet sie sich dem Fremden gegenüber aber immer mehr. So findet die Hauptfigur glaubhaft zurück ins Leben – ganz ohne brachial-kitschiger 180-Grad-Wendung.

    Das Ende der Handlung wird dabei sicherlich viele Zuschauer überraschen, weil es eben nicht in den typischen Hollywood-Bahnen verläuft. In seiner Einfachheit und Konsequenz ist es dennoch stimmig. Karen Gillan zeigt mit ihrem - laut eigener Aussage - zumindest in Teilen autobiografisch beeinflussten Werk, dass sie mehr als nur eine vielseitige Darstellerin ist. Sie hat auch als Autorin und Filmemacherin etwas zu sagen beziehungsweise zu zeigen. Hoffentlich kann sie dies in Zukunft noch öfter tun.

    Fazit: Blockbuster-Star Karen Gillan überzeugt Regisseurin, Autorin und Hauptdarstellerin mit einem nachdenklichen, unkonventionellen Coming-Of-Age-Drama, in dem sie sich zudem eine angenehm uneitle Rolle auf den Leib geschrieben hat.

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