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    Raya und der letzte Drache
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Raya und der letzte Drache

    Disney scheut die Revolution

    Von Benjamin Hecht
    Schon die Trailer zu „Raya und der letzte Drache“ präsentieren die Heldin als zielstrebige Kriegerin, die Abenteuer wie Indiana Jones erlebt, durch eine postapokalyptische Welt reitet und sich wilde Martial-Arts-Prügeleien liefert. Da verwundert es nicht, dass der neueste Film der Disney Animation Studios („Vaiana“, „Die Eiskönigin“) einiges anders macht als viele seiner bekannten Vorgänger: Musical-Momente à la „Let It Go“ gibt es hier nicht. Raya lässt lieber ihr Schwert sprechen, als kraftvolle Balladen anzustimmen.

    Eine Revolution ist Disneys „Raya und der letzte Drache“ deswegen aber noch nicht. Am Ende doch eher oberflächliche Umwälzungen und das imposante Fantasy-Setting können nicht verbergen, dass das eigentliche Abenteuer im Kern ganz schön generisch ist. Don Hall („Baymax“) und Carlos López Estrada („Blindspotting“) bescheren uns eine tolle neue Disney-Prinzessin in einem kurzweiligen Animationsspaß – aber auch nicht mehr.

    Mit "Raya und der letzte Drache" probiert Disney auch einige neue Dinge.


    Von Kindheit an wurde Raya (im Original: Kelly Marie Tran / deutsch: Christina Ann Zalamea) von ihrem Vater (Daniel Dae Kim) dafür ausgebildet, ein magisches Artefakt zu beschützen. Das blaue Juwel ist das letzte Stück Magie, das von den Drachen übrig ist, die einst die Welt Kumandra retteten. Als die finstere Macht Drunn nämlich 500 Jahre zuvor drohte, alles Leben im Land zu vernichten, opferten sich die Fabelwesen für die Menschheit, erschufen jenen Edelstein und vernichteten die Gefahr.

    Danach zerfiel das einst so friedliche Kumandra in fünf verfeindete Reiche. Als bei einem erneuten Konflikt das Juwel ebenso in fünf Einzelteile zerspringt und Drunn dadurch wiederaufersteht, beginnt die Apokalypse von Neuem. Raya glaubt fest daran, dass die Drachendame Sisu (Awkwafina) noch existiert und der Schlüssel ist, das Land zu retten und zu einen. Doch als sie nach sechs Jahren Reise durch ein fast völlig verwüstetes Land endlich auf Sisu trifft, ist das erst der Beginn des Abenteuers.

    Keine Zeit für Worldbuilding


    Nach wenigen Minuten von „Raya und der letzte Drache“ werden sich viele Zuschauer*innen verwundert die Augen reiben. Was beschert uns Disney denn da für eine gewaltige Fantasy-Welt? Fünf Königreiche, die um die Macht kämpfen. Diplomatie, Krieg und Verrat. Dazu Drachen, die vielleicht doch nicht ausgestorben sind. Man muss nicht „Game Of Thrones“ gesehen zu haben, um zu ahnen, was für eine epische Saga in diesem Stoff liegen könnte.

    Doch wir schauen keine sich über mehrere Jahre und Staffeln erstreckende Fantasy-Serie. Schon ein Blick auf die Laufzeit von gut 90 Minuten macht deutlich, dass es gar nicht möglich ist, all diese im Prolog angerissenen Ideen auszubauen und das Reich voll und ganz mit Leben zu füllen. Und so wird „Raya und der letzte Drache“ nach epischem Auftakt und einem Zeitsprung schnell zur generischen Schnitzeljagd, die optisch zwar immer wieder eindrucksvoll ist, aber zu oft das wahre Potenzial nur andeutet und die vielversprechende Fantasy-Welt dabei links liegen lässt.

    Fünf solcher Steine müssen gefunden werden...


    Raya und Sisu reisen so rasant durch das Land, dass die Illusion vom riesigen Königreich schnell in sich zusammenfällt. Gefühlt ist man in Sekunden von einem Ort am anderen. Und die unterschiedlichen Kulturen und Stammesphilosophien sind nur Hintergrundrauschen für schnell abgehandelte Mini-Abenteuer.

    Auch ein Eindruck der Gefahr, in welcher die Heldin und ihre bald mehreren Mitstreiter*innen sich begeben, kommt kaum auf. Denn auf jede Herausforderung folgt stets unmittelbar die Lösung. Raya ist wie eine Hürdenläuferin, die mühelos und im Vollsprint über alles drüber rast, was sich ihr in den Weg stellt.

    Übertrieben viele Sidekicks & Meta-Witze


    Viele Disney-Fans lieben zurecht den obligatorischen Sidekick. Was wären „Die Eiskönigin“ und „Vaiana“ ohne humorvolle Nebenfiguren wie Schneemann Olaf oder Hahn Hei Hei? Sie lockern die Geschichte gelegentlich auf. In „Raya und der letzte Drache“ nimmt die sagenumwobene Drachendame Sisu selbst diese Rolle ein. Wenn sich im Film wenig überraschend (schließlich hat uns das die Werbung schon verraten) herausstellt, dass sie noch lebt, entdecken wir gemeinsam mit Raya keine mächtige, anmutige Bestie. Sisu ist ein quasselndes, spleeniges Wesen, das aussieht, als hätten die Charakter-Designer Elsa aus „Die Eiskönigin“ mit einem „My Little Pony“-Einhorn gekreuzt, um möglichst viel Merchandise verkaufen zu können.

    Doch sie ist nicht der einzige Sidekick. Auf ihrer Reise treffen Raya, das super-sympathische Reittier Tuk-Tuk (Alan Tudyk) und Sisu nämlich auf allerlei weitere Begleiter, wie den jungen Koch Boun (Izaac Wang), den freundlichen Berserker Tong (Benedict Wong) und Kung-Fu-Baby Noi (Thalia Tran), welches noch eine ganze Affenbande im Gepäck hat. Das Problem dabei: Sie alle sind Comic-Reliefs mit eigenen Gags. All diese Witze von Nebenfiguren nehmen so viel Raum ein, dass die durchaus ernsten, emotionalen Momente der Hauptfigur verschüttet werden.

    Raya trifft Sisu.


    Dazu reißt der im Film transportierte Humor einen immer wieder aus der imposanten Fantasy-Umgebung, zum Beispiel wenn Raya von ihrer Rivalin Namaari (Gemma Chan) den spöttischen Spruch kassiert, dass diese schon befürchtet habe, die allein umherziehende Kriegerin wäre eine „Cat Lady“ geworden. Der Stereotyp der einsamen Frau, die sich Katzen hält, ist ein Spruch aus unserer Welt. In Kumandra macht er gar keinen Sinn. Denn in Namaaris Clan halten sich die tapferen Kriegerinnen gerade riesige Katzen für den Kampf.

    Einige dieser Meta-Gags mögen für Lacher sorgen, sie erschweren aber die Immersion, die besonders bei Fantasy-Welten wichtig ist. Um es mit einem Vergleich zu illustrieren: Man stelle sich vor, Frodo und seine Gefährten hätten in „Herr der Ringe“ plötzlich Witze darüber gerissen, dass „Ein Ring, sie zu knechten...” eine treffende Beschreibung für die Ehe darstellt.

    Eine so starke wie selbstverständliche Heldin


    Trotz seiner Schwächen ist „Raya und der letzte Drache“ aber kein schlechter Film. Das Disney-Animationsabenteuer ist dafür dann doch viel zu kurzweilig und immer wieder unterhaltsam, sieht zu gut aus und hat einfach eine richtig starke Hauptfigur. Raya bereichert den Kanon der Disney-Prinzessinnen – nicht nur weil sie mit Samurai-Hut und Kettenschwert super-stylish in Szene gesetzt wird, sondern weil ihre komplexe Geschichte und ihre verletzliche Seite nie verschwiegen werden.

    Sie ist keine Superheldin. Sie wurde in ihrer Kindheit verraten und dieses Trauma macht es ihr schwer, jemals wieder jemanden zu vertrauen. Dieses Thema zieht sich durch den ganzen Film und sorgt für ein interessantes Spannungsverhältnis zwischen ihr und der verfeindeten Namaari, mit der sie sich immer wieder hitzige Gefechte liefert – mal mit scharfer Zunge, mal mit der Klinge ihres Schwertes.

    Eine starke Hauptfigur: Raya.


    Die Action ist dabei übrigens angenehm realistisch und bodenständig in Szene gesetzt. Hier werden die Möglichkeiten des Animationsfilms erfreulicherweise nicht dafür verwendet, um die Figuren möglichst übertrieben durch die Lüfte wirbeln zu lassen. Stattdessen sind die Kämpfe mit Kameraperspektiven und Schnitt so inszeniert, dass man sie zu großen Teilen auch in einem modernen Actionfilm so choreographieren und filmen könnte.

    Zudem ist es erfrischend, dass Raya im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen Mulan oder Merida nicht gegen patriarchalische Strukturen ankämpfen muss, um als Kriegerin respektiert zu werden. Die Tatsache, dass sie eine Frau, ja gar eine Prinzessin ist, fällt in einem Nebensatz, spielt aber überhaupt keine Rolle – und für eine solche Selbstverständlichkeit wurde es auch Zeit!

    Fazit: „Raya und der letzte Drache“ schickt eine so tolle wie toughe Disney-Prinzessin in eine faszinierende postapokalyptische Fantasy-Welt. Das riesige Potenzial dieser Ausgangslage kann sich in einer hektischen Schnitzeljagd mit zu vielen schrulligen Sidekicks aber nicht voll entfalten.

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