Viel zu schade für die Tonne!
Von Stefan GeislerUm ein Haar wäre „Coyote Vs. ACME“ für immer in den Untiefen der Studio-Archive verschwunden. Die seltsame Vorgehensweise des Studios Warner Bros., Filmprojekte einzustampfen, um sie für Steuerabschreibungen zu qualifizieren, sorgte bei Filmfans auf der ganzen Welt für Unmut und ungläubiges Kopfschütteln – zumal diese teilweise fast fertig waren. Das traf nicht nur den DC-Actioner „Batgirl“ sowie „Scoob! Holiday Haunt“, sondern auch den Live-Action-Animations-Hybrid „Coyote Vs. ACME“, in dem die Looney Tunes erneut das Kino erobern sollten.
Doch in der Branche regte sich Widerstand. Zu den prominentesten Fürsprechern gehörten „Scott Pilgrim hebt ab“-Macher BenDavid Grabinski sowie die Oscar-Gewinner Phil Lord & Christopher Miller („Spider-Man: A New Universe“) und Daniel Scheinert („Everything Everywhere All At Once“). Und natürlich waren die an dem Projekt beteiligten Stars berechtigterweise ebenfalls empört über die Entscheidung des altehrwürdigen Studios. Für „Coyote Vs. ACME“ gab es so glücklicherweise ein positives Ende, denn Ketchup Entertainment erwarb die Rechte an dem Film für knapp 50 Millionen Dollar – und bringt ihn jetzt endlich in die Lichtspielhäuser. Zum Glück, muss man sagen! Denn der durchgeknallte Gerichtsfilm-Spaß ist trotz kleiner Schwächen einfach viel zu gut, um ungesehen im Mülleimer zu landen.
Capelight Pictures
Es ist einfach wie verhext: Ganz egal, was Wile E. Coyote anstellt, um den Road Runner zu fangen, es will einfach nicht gelingen. Schlimmer noch: Die Produkte der ACME-Corporation bringen seine ausgeklügelten Pläne nicht nur zum Scheitern, sondern sind dermaßen fehlerhaft, dass ihr Einsatz regelmäßig zu schlimmsten Verletzungen führt. Zeit also, einmal rechtlich gegen diesen Konzern vorzugehen. Als Rechtsvertreter steht dem wortkargen Raubtier dabei Kevin Avery (Will Forte) zur Seite, der sich nicht ganz freiwillig des ungewöhnlichen Falls annimmt und ACME vor Gericht herausfordert.
Doch der Gerichtsprozess wird kein Zuckerschlecken. Das Mega-Unternehmen fährt die großen Geschütze auf, denn der Staranwalt Buddy Crane (John Cena) wird ausgewählt, seine Interessen zu vertreten – und der ist gleichzeitig ein alter Bekannter von Kevin Avery. Als der Rechtsstreit zunehmend eskaliert, geraten Coyote und Kevin auch außerhalb des Gerichtssaals unter Druck, denn das Duo ist einer gigantischen Verschwörung auf der Spur …
Schon die Eröffnung von „Coyote Vs. ACME“ macht klar, dass es sich um einen Film von Fans für Fans handelt. Nach einem Prolog, der die Zuschauer*innen ein bisschen besser mit der wahnwitzigen Welt der ACME-Produkte vertraut macht, kommt es zu einer spektakulären Hatz zwischen Road Runner und Coyote, die für den ausgehungerten Steppenwolf mal wieder kräftig in die Hose geht. Allein dieses legendäre Cartoon-Duell endlich auf der großen Leinwand zu erleben, dürfte vielen Looney-Tunes-Ultras bereits das Eintrittsgeld wert sein – zumal im Anschluss mittels Ausschnitten aus den Original-Trickfilmen noch einmal den Ursprüngen dieser unterhaltsamen Feindschaft gedacht wird.
Ohnehin ist „Coyote Vs. ACME“ ein geistiger Nachfolger von „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“, der wie kein anderer Spielfilm die Cartoon-Geschichte und den Zeichentrick-Wahnsinn feierte. Ähnlich wie in Robert Zemeckis' Animations-Realfilm-Hybrid führt das Zusammenleben von Zeichentrickfiguren und Menschen natürlich unweigerlich zu Problemen. Schließlich halten die gezeichneten Bewohner*innen von Arbeitsschutzvorschriften und Sicherheitsvorkehrungen im Allgemeinen wenig. Herabfallende Klaviere oder herumschwingende Abrissbirnen sind dementsprechend an der Tagesordnung. Und wer sich nicht bei jedem Schritt vor die Tür vergewissert, dass die Luft rein ist, riskiert schnell mal von einem durch die Gegend fliegenden Amboss erwischt zu werden.
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Ohnehin versteht es „Coyote Vs. ACME“ trotz der eigentlich eher trockenen Justizfilm-Prämisse, die Unterhaltung nicht zu kurz kommen zu lassen. Gerade die gemeinsame Ermittlungsarbeit von Coyote und Kevin Avery, die versuchen, dem dunklen Geheimnis der ACME-Corporation auf die Schliche zu kommen, präsentiert sich angenehm abwechslungsreich im Stile klassischer Verschwörungsthriller. Hier werden Kronzeugen ausfindig gemacht und geheime Informanten aufgesucht – und erst nach und nach ergibt sich ein Gesamtbild.
Das Finale dieser Schnitzeljagd quer durch die Stadt mündet in der wohl besten Verfolgungsjagd des Jahres. Hier flieht Coyote auf Skiern vor den ACME-Schergen durch den dichten Straßenverkehr. Dabei hat er sich einen Kühlschrank auf den Rücken geschnallt, aus dem ohne Unterlass Eiswürfel gefeuert werden, die auf dem Asphalt die benötigte Eisbahn bilden. Das ist astreine und flott inszenierte Cartoon-Action, die auch im Kino bestens funktioniert.
Genau für solche Momente muss man „Coyote Vs. ACME“ als Cartoon-Fan einfach lieben. Da kann man sogar verzeihen, dass nicht jeder Gag sitzt und sich im Mittelteil leichte Längen einschleichen – insbesondere die Meinungsverschiedenheit vor dem großen Finale zwischen Kevin und Wile E. Coyote ist erwartbar wie egal. Viel schwerer wiegt hingegen die etwas lieblose Optik der Cartoon-Figuren. Aus Kostengründen dürften sich die Verantwortlichen für einen computergenerierten Cel-Shading-Look entschieden haben.
Während die A-Liga der Looney-Tunes-Stars wie Bugs Bunny oder Daffy Duck immerhin noch mit erkennbar mehr Aufwand animiert wurde, büßen viele der Nebenfiguren erheblich an Charme ein – was insbesondere in den Massenszenen oder in der direkten Gegenüberstellung mit den klassischen Looney-Tunes-Cartoons deutlich sichtbar wird. In solchen Momenten zeigt sich, dass „Coyote Vs. ACME“ trotz eines kolportierten Budgets von 70 Millionen US-Dollar eben doch keine Big-Budget-Produktion ist, sondern an vielen Ecken und Enden gespart werden musste.
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Immerhin hat es mit Will Forte („Doggy Style“) und John Cena („Little Brother“) für zwei namhafte Stars gereicht, die mit sichtbarer Spielfreude vor der Kamera auftreten. Während Cena in gewohnter Manier durch seine gigantische Erscheinung Eindruck schindet und einen durchaus einschüchternden Anzug-Fiesling gibt, kann Will Forte als Loser-Anwalt mit einem Herz aus Gold Sympathiepunkte sammeln. Auch wenn dieser nicht von Anfang an für die Sache brennt und mehr zu seinem Glück gezwungen wird, erweist er sich als idealer emotionaler Ankerpunkt. In seinem scheinbar aussichtslosen David-gegen-Goliath-Kampf wird seine Figur dabei selbst in gewisser Weise zum Spiegelbild der Veröffentlichungs-Misere des eigenen Films.
Sowieso trägt „Coyote Vs. ACME“ sein Herz am richtigen Fleck – und kommt bisweilen sogar erstaunlich emotional daher, gerade wenn im Gerichtssaal das Verhältnis von Wile E. Coyote und dem Road Runner verhandelt wird. In welcher Beziehung stehen diese beiden Figuren zueinander? Eine Frage, die sich Fans schon seit Jahren stellen. Sind sie Feinde, Arbeitskollegen oder doch Freunde? Ein richtig gesetztes „Beep“ bringt Klarheit – und kann dabei sogar zu Tränen rühren.
Fazit: Im Abspann bedankt sich Regisseur Dave Green noch einmal mit einer rührenden Nachricht bei all jenen, die „Coyote Vs. ACME“ überhaupt möglich gemacht und ihn in seinem Kampf unterstützt haben. Und allein schon um ein Zeichen für die Kunst zu setzen, sollten Filmfans in die Säle strömen. Auch ungeachtet der turbulenten Veröffentlichungs-Historie ist das Looney-Tunes-Abenteuer allemal einen Besuch wert. Die warmherzige Komödie bietet trotz leichter Durchhänger einfach richtig gute Unterhaltung, die endlich einmal wieder herrlich bescheuerten Cartoon-Wahnsinn auf der großen Leinwand zelebriert.