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    Der Passfälscher
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    1,5
    enttäuschend
    Der Passfälscher

    Eine unglaubliche, aber auch öde glattgebügelte Geschichte

    Von Michael Meyns
    Es ist eine dieser Geschichten, die nur das wahre Leben schreiben kann: Ein Jude, der in den 1940er Jahren in Berlin, also im Zentrum des Nazireichs, lebt und überlebt – und das nicht etwa versteckt in einem Keller, sondern ganz offen, in Bars und Restaurants, Tanzlokalen und Kinos. Der Mann, dem dies gelang, hieß Cioma Schönhaus und hat über sein Leben einen atemberaubend-abenteuerlichen autobiographischen Bericht geschrieben.

    Dieser diente nun Maggie Peren als Vorlage für ihren Film „Der Passfälscher“, der das Potential zu einem ganz anderen Film über das Dritte Reich hat, als er im deutschen Film schon sooft gedreht wurde. Doch leider fehlt der Autorin und Regisseurin zum einen der Mut, Schönhaus Geschichte mit der nötigen Chuzpe zu erzählen – zum anderen aber auch die filmischen und finanziellen Mittel.

    Cioma Schönhaus (Louis Hofmann) hat ein wahrhaft unglaubliches Leben gelebt!


    Es ist 1942 und Cioma Schönhaus (Louis Hoffmann) ist Jude. Das macht sein Leben in der Reichshauptstadt Berlin eigentlich zu einem Ding der Unmöglichkeit. Doch Cioma ist ein lebenslustiger Typ, der das Risiko liebt und nicht viel nachdenkt. Und so schlägt er sich durch, macht Geschäfte und nutzt sein Zeichentalent bald für eine gute Sache: Er fälscht Pässe, mit denen gefährdete Menschen das Land verlassen können. Für eine Weile ermöglicht das Cioma und seinem guten Freund Det (Jonathan Berlin) ein entspanntes Leben, zumal es da eine Frau gibt, die sich Gerda (Luna Wedler) nennt und Cioma den Kopf verdreht hat. Doch der Krieg schreitet voran und die Schlinge zieht sich immer dichter um Cioma zu…

    Ein jüdischer Felix Krulll


    Hat jeder Jude und jede Jüdin während des Dritten Reichs immer nur gelitten? Aus offensichtlichen Gründen ist es gerade für deutsche Regisseur*innen besonders schwierig, jüdisches Leben und jüdisches Verhalten mit einer gewissen Ambivalenz zu zeigen – und dabei geht es noch nicht einmal um eine Person wie Adam Czerniaków, der als Ältester des Judenrats von Warschau Bewohner des Warschauer Ghettos auf eine Liste setzen und zur Deportation freigeben musste. Ein Jude also, der von den Nazis gezwungen wurde, sich schuldig zu machen. Von solchen Ambivalenzen ist eine Person wie Cioma Schönhaus weit entfernt und doch lebte er Mitten im Zweiten Weltkrieg für eine gewisse Zeit ein Leben, wie man es sich in der Rückschau kaum vorstellen kann – und wahrscheinlich genoss er es in vielen Momenten sogar.

    In seinem autobiographischen Bericht, der erst 2004 veröffentlicht wurde, beschreibt Schönhaus zumindest mit der Nonchalance des alten Mannes, der auf seine jungen Jahre zurückblickt, wie er auf geradezu haarsträubende Weise den Nazis ein Schnippchen schlug. Wie er in völliger Offenheit lebte, sich als deutscher Offizier ausgab, in teuren Restaurants verkehrte und reihenweise Frauen verführte, die sich liebend gern einem angeblichen Soldaten auf Heimaturlaub hingaben. Fast im letzten Moment fälschte Schönhaus schließlich einen Pass für sich selbst, entkam in die Schweiz und lebte dort ein glückliches Leben, bis er im September 2015, kurz vor seinem 93. Geburtstag, starb.

    Im wahren Leben ein bekennender Frauenheld, muss sich Cioma im Film brav verlieben.


    Was für eine Geschichte! Und was für ein langweiliger Film. In nur ganz wenigen Momenten wird Schönhaus als der leichtlebige, auch leichtsinnige Charakter gezeigt, der nicht an morgen denkt und lieber im heute lebt. Doch meist fehlt der Mut, eine ambivalente jüdische Figur zu zeigen: Kein Frauenheld ist dieser Schönhaus, sondern ein fast verschüchterter Junge, der sich gleich unsterblich in die erste Frau verliebt, die er küsst. Als diese ihn aber verlässt, scheint das Schönhaus ebenso wenig zu belasten wie die Verhaftung seines besten Freundes Det.

    Ohnehin bleibt die Bedrohung, die sich im Winter 1942 längst in allen Lebensbereichen der deutschen Gesellschaft zeigen müsste, fast komplett außen vor. Völlig unbehelligt scheinen sich die Juden und Jüdinnen durch Berlin bewegen zu können, obwohl sie seit 1941 schon einen deutlich erkennbaren Judenstern tragen mussten. Es dauert über eine Stunde, bis entfernt heulende Sirenen vor einem Luftangriff warnen und ein Gefühl davon geben, dass dieser Film mitten während des Zweiten Weltkriegs spielt.

    Erst in letzter Sekunde fälscht sich Cioma auch selbst einen Pass, um aus Nazideutschland zu fliehen.


    Zum unterentwickelten Drehbuch kommen fehlende finanzielle Mittel. Gut 90 Prozent des Films spielen in Innenräumen, mehr als eine winzige Kopfsteinpflasterstraße zu bauen, die kaum mehr als ein Hinterhof ist, gab das Budget offenbar nicht her, so dass das Berlin im Kriegswinter kaum existent ist – und dementsprechend auch nicht die in jedem Moment gefährliche Lage, in der sich die immer geringer werdende jüdische Bevölkerung befand. Redliche Mühe gibt sich zwar Louis Hoffmann, um seiner Figur Leben einzuhauchen, die eigentlich eine Art jüdischer Felix Krull ist, doch die Umstände lassen nicht viel zu. Allzu dünn sind die Bilder, die keinen visuellen Reiz aus den vier, fünf Räumen holen können, in denen größtenteils gedreht wurde.

    Zu unklar bleiben auch die Figuren, die ohne Schärfe geschrieben wurden, egal ob es sich um Deutsche, Nazis oder Juden handelt. Erzählerischen Mut hätte es gebraucht, um eine komplexe, faszinierende Figur wie Cioma Schönhaus auf die Leinwand zu bringen. Stattdessen ist „Der Passfälscher“ ein Paradebeispiel für einen deutschen Film, der interessante Ansätze hat, sich aber nicht traut, diese auch konsequent umzusetzen.

    Fazit: Ein behäbiger, gewöhnlicher Film über ein aufregendes, außergewöhnliches Leben.

    Wir haben „Der Passfälscher“ im Rahmen der Berlinale 2022 gesehen, wo er in der Sektion Berlinale Special gezeigt wurde.

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