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    Joe Bell
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,5
    durchschnittlich
    Joe Bell

    Mark Wahlbergs langer Marsch der Vergebung

    Von Jochen Werner

    Joe Bell (Mark Wahlberg) ist nicht unbedingt der eloquenteste Redner. Aber er ist ein Mann mit einer Mission – selbst wenn wir anfangs noch nicht so richtig begreifen, worin diese eigentlich besteht. Stattdessen begegnen wir zunächst einem etwas abgerissen anmutenden Mann mit einem Handwagen irgendwo in den Flyover States, der sich mit einem immer wieder unvermittelt aus dem Off in die Szenerie springenden und auch mal Lady-Gaga-Songs singenden Teenager unterhält. Zwischendurch spricht Joe im Auditorium einer Highschool über seinen selbstgesetzten Auftrag: Er durchquert die USA zu Fuß, um über das Thema Mobbing zu reden – wobei ihm dann die Worte fehlen, um mehr dazu zu sagen, als dass Mobbing irgendwie nicht gut ist.

    Der Auftakt von „Joe Bell“ wirkt einigermaßen bizarr: Warum sollte jemand, der eine solch beschwerliche Pilgerreise auf sich nimmt, dann derart zurückhaltend mit seiner persönlichen Geschichte umgehen? Die Antwort ist vermutlich genauso schlicht wie unbefriedigend: Offenbar will Regisseur Reinaldo Marcus Green seine Karten noch nicht so früh auf den Tisch legen (und das, obwohl der Film ja auf einer wahren Begebenheit beruht). Denn tatsächlich hätte Joe sehr wohl einiges zu erzählen, was wir aber erst nach und nach per Rückblenden erfahren. Bei Joes jugendlichem Begleiter Jadin (Reid Miller) handelt es sich nämlich um seinen schwulen Sohn, der einige Monate zuvor als Mobbingopfer im ruralen Oregon Suizid begangen hat – und die Gespräche, die Joe anfangs mit ihm führt, sind eigentlich Selbstgespräche, mit denen Joe die eigene Schuld aufzuarbeiten versucht.

    Zunächst ist noch nicht ganz klar, wer genau eigentlich der Teenager ist, der auf Joes Pilgerreise immer wieder wie aus dem Nichts auftaucht.

    Denn Joe war, so wird in den ausführlichen Rückblenden schnell klar, alles andere als ein Bilderbuchvater. Zwar gibt er oberflächlich vor, die Homosexualität seines Sohnes nach dessen Coming Out zu akzeptieren. Seine Antwort auf die Probleme mit Beschimpfungen und Bedrohungen durch Mitschüler lautet jedoch immer ähnlich: „Versteck dich. Zeig dein Anderssein nicht so offen. Das geht niemanden etwas an. Was sollen die Leute denken?“ Und: „Du musst dich gegen deine Peiniger schon selbst zur Wehr setzen. Du bist auf dich allein gestellt.“ Es sind die Dinge, die queere Jugendliche tagtäglich hören, immer schon und immer wieder.

    Was er seinem Sohn damit tatsächlich angetan hat, merkt Joe erst, als es zu spät ist. Er fällt in eine katatonische Apathie, aus der ihn nur eine vermeintlich verrückte Idee befreien kann – ein Fußmarsch durch die USA, von Oregon nach New York, wo Jadin immer leben wollte und wo ihn wohl, hätte er das Martyrium der Schulzeit überlebt, ein anderes, besseres Leben erwartet hätte. Mit jedem, der bereit sei, ihm zuzuhören, wolle er auf diesem Marsch sprechen – wobei ihm der Jadin in seinem Kopf immer wieder vorhält, dass seine Mission gerade auch die homophobe Sprüche reißenden Rednecks umfassen sollte, selbst wenn Joe bei denen durchaus Gefahr läuft, auch körperlich angegangen zu werden. Die Menschen, die freiwillig zu seinen Vorträgen kommen, seien schließlich eh im Grunde bereits seiner Meinung.

    Ein Protagonist voller Widersprüche

    Eigentlich gibt es also massig emotionales Potenzial in dieser Geschichte über Verzweiflung, Verlust, Trauer und versuchter Buße. Aber auch intellektuell ist die Prämisse von „Joe Bell“ durchaus spannend: Schließlich geht es doch letztlich um die Frage, wie man mit einer Schuld umgehen kann, die angesichts der Endgültigkeit des Todes nicht wieder gut zu machen ist. Interessant wird „Joe Bell“ immer dann, wenn er seinen Protagonisten im Ringen mit sich selbst zeigt, mit der eigenen Feigheit oder dem eigenen Jähzorn. Ein Zusammentreffen mit dem in Oregon zurückgelassenen Rest seiner Familie, mit seiner Frau Lola (Connie Britton) und Jadins jüngerem Bruder Joseph (Maxwell Jenkins), bringt dieses Ringen am intensivsten zum Ausdruck, wenn sich Joe seinem jüngeren Sohn gegenüber erneut aus heiterem Himmel in einen Wutausbruch hineinsteigert – bis der plötzlich zurückbrüllt und den erschrockenen Vater so zum Schweigen bringt.

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    Worum es eigentlich ginge bei seinem langen Marsch, das fragt ihn seine Frau am nächsten Morgen vor der Abreise: Geht es ihm wirklich um Vergebung oder nur um Selbstdarstellung, will er sich wirklich ändern oder steigert er sich eher in eine Rolle als Facebook-Berühmtheit hinein? Damit stellt der Film durchaus eine interessante Grundsatzfrage angesichts seines ambivalenten Titelhelden – und man kann Reinaldo Marcus Green jedenfalls nicht vorwerfen, seinen Protagonisten auf eine unangemessene Weise zu glorifizieren oder ihn von der Verantwortung für seine Fehler voreilig freizusprechen. Stattdessen stellt er ihn als eine widersprüchliche Figur dar, die in der Absicht zu lernen und das Versäumnis an seinem Sohn an den Söhnen anderer Eltern ein Stück weit wieder gut zu machen, immer wieder an eigenen Fehlern, Prägungen und Schwächen scheitert. So erscheint der Bußgang irgendwie auch die ganze Zeit über eher gut gemeint als wirklich hilfreich.

    Vor dem Selbstmord seines Sohnes hat sich auch Joe Bell im Umgang mit ihm nicht gerade mit Ruhm bekleckert.

    Seltsam ist es aber, dass all diese emotionale Komplexität in Greens Film zwar durchaus angelegt ist, man sie aber eigentlich nie so richtig spürt. Stattdessen bleibt „Joe Bell“ die gesamte Laufzeit über eigenartig kühl und distanziert. Man sieht dem Protagonisten dabei zu, wie er vielschichtige emotionale Prozesse durchmacht, fühlt aber eigentlich nichts davon wirklich mit – auch die betont gefühlige und meist auch etwas zu klimperig-klebrige Musik, die Soundtrack-Komponist Antonio Pinto unter die Bilder legt, vermag einen nicht so recht aus dieser Distanz zum erzählten Geschehen herauszulösen.

    Und so bleibt am Ende vor allem das Gefühl zurück, einen Film gesehen zu haben, bei dem viel mehr drin gewesen wäre. Darin gleicht er vielleicht dem wortkargen und stammelnd vorgebrachten Highschool-Vortrag, der ganz am Anfang steht. Zweifelsohne gut gemeint und inhaltlich auch nicht falsch, aber in der Umsetzung fehlt es dann doch an zu vielem, um die angestrebte Wirkung zu entfalten.

    Fazit: Das Biopic um einen Vater, der nach dem Suizid seines schwulen Sohnes auf einem langen Marsch durch die USA Buße zu tun versucht, nähert sich seinem ambivalenten Protagonisten zwar auf angemessen komplexe Weise, scheitert aber daran, uns bei all dem tragischen Geschehen auch mitfühlen zu lassen. Nicht unbedingt ein schlechter Film, sondern eher einer der verpassten Chancen.

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