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    Die Wütenden - Les Misérables
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Die Wütenden - Les Misérables

    Ein hochexplosives Pulverfass

    Von Carsten Baumgardt

    Viktor Hugos 1862 erschienener Roman „Les Misérables“ (im Deutschen: „Die Elenden“) ist über die Zeit schon mehr als zwei Dutzend Mal verfilmt und als Musical adaptiert worden. Nun greift auch der gefeierte Dokumentarfilmer Ladj Ly („365 Days In Mali“) mit seinem Cannes-Wettbewerbsbeitrag „Die Wütenden - Les Misérables“ zumindest den Titel auf, selbst wenn die Verbindung zu Hugos Literaturklassiker nur noch sehr lose und eher symbolisch zu verstehen ist. Auch Lys Drama über die hochexplosive Gemengelage zwischen Bewohnern und Polizei in einem Pariser Banlieue handelt von einem Volksaufstand, aber die Verbindung zum Roman besteht konkret vor allem in dem Handlungsort Montfermeil, jenem Stadtteil von Paris, in dem auch Hugos „Les Misérables“ spielt. Ly ist dort aufgewachsen und kennt das Milieu in- und auswendig – und das merkt man seinem „Die Wütenden - Les Misérables“ auch in jeder Sekunde an. Das packende Polizei-Drama kommt am Ende zwar nicht vollkommen ohne Klischees aus, begeistert dafür aber mit einer ungeheuren Energie und dichten Atmosphäre, die den Zuschauer in einen Zustand der permanenten Anspannung versetzt – genau wie die Protagonisten des Films.

    Der Polizist Stéphane (Damien Bonnard) ist aus familiären Gründen nach Paris gezogen, wo er bei einer Spezialeinheit zur Bekämpfung von Kriminalität arbeiten wird. Vor allem der hartgesottene Chris (Alexis Manenti) lässt den Neuling allerdings erst einmal auflaufen und weist ihn ins zweite Glied seines Drei-Mann-Teams zurück. Gwada (Djebril Zonga), der in ihrem Einsatzgebiet Montfermeil aufgewachsen ist, verhält sich zumindest etwas kollegialer. Gleich am ersten Tag, als Frankreich die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnt und Paris in einen kollektiven Jubeltaumel versetzt, geraten Stéphane und seine neuen Partner zwischen die Fronten eines schon lange schwelenden Kriegs zwischen lokalen Gangs. Auslöser des akuten Streits ist ein Baby-Löwe, den der junge Issa (Issa Perica) einer Zirkus-Gang zum Spaß gestohlen hat. Schnell werden die rivalisierenden Bandenführer The Mayor (Steve Tientcheu) und Salah (Almamy Kaoute) in die Suche einbezogen. Der Ärger eskaliert aber trotz der Bemühungen der Polizisten, sich schlichtend zwischen die Fronten zu stellen, immer weiter – bis ein Unglück geschieht…

    Damals und heute

    Die Pariser Unruhen und Aufstände in den Banlieus von 2005, als wochenlang bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten, begannen mit dem Unfalltod zweier Jugendlicher. So entzündete sich schließlich das schon lange bis obenhin gefüllte Pulverfass in den trostlosten, von Armut, Hoffnungslosigkeit und sozialer Härte geprägten Vororten der französischen Metropole. „Die Wütenden - Les Misérables“ spielt 2018, ist aber inspiriert von den Aufruhren 13 Jahre zuvor. Verändert hat sich seitdem ohnehin nicht viel – ein Umstand, den Regisseur Ladj Ly clever aufgreift, indem er den kulturell erstaunlich bewanderten Polizisten Stéphane lakonisch einen ähnlichen Vergleich zwischen dem Juniaufstand von 1832 gegen König Louis Philippe I. aus Hugos „Les Misérables“ und den Aufruhen in der Gegenwart ziehen lässt.

    Regisseur Ly, der hier seinen eigenen, gleichnamigen Kurzfilm aus dem Jahr 2017 zu seinem Langfilmdebüt ausweitet, hat das Sujet mit Hilfe persönlicher Erfahrungen und eigenen Dokumentationen wie „365 Days In Clichy Montfermeil“ spürbar durchdrungen. Und so fühlt sich sein erster Spielfilm auch manchmal an wie eine Dokumentation, einfach weil das alles so realistisch wirkt. Bei der Vielzahl der unterschiedlichen Figuren und Gruppieren bekommt jeder seine Leinwandzeit und die Möglichkeit, seine Agenda zu präsentieren. Aber der Fokus und die Erzählperspektive liegt dennoch ganz klassisch auf den drei Polizisten, denen das Publikum dabei zusieht, wie sie in der Eskalationen von Gewalt und Gegengewalt langsam die Kontrolle verlieren und zermahlen werden. Die drei stehen sinnbildlich für den Staat, dem es genau so ergeht.

    Ein Junge und seine Drohne werden die Zukunft verändern.

    Der Einheitsanführer Chris garantiert mit seinem rüden, aber auf Kompromisse und Deals mit den Banden ausgelegten Stil vermeintlich das fragile Gleichgewicht im Viertel. Dieser ambivalente Anti-Cop (O-Ton: „Ich bin das Gesetz!“) ist die spannendste von allen Figuren. Der von Alexis Manenti („The Last Panthers“) abstoßend, arrogant und trotzdem auch irgendwie einnehmend gespielte, offensichtlich rassistische Polizist hält die Kooperation der Gangster für Respekt, was aber nicht der Wahrheit entspricht – eine fast schon tragische Fehleinschätzung. Als ruhiger Kopf und möglicher Retter des Tages hat Neuling Stéphane eine etwas größere Rolle. Mit dem Motiv des potenziellen White Savior leistet sich Regisseur Ly hier eines der wenigen Klischees, selbst wenn sich die mit der Rolle verbindenden Erwartungen im finalen Drittel erfreulicherweise nicht erfüllen.

    Man könnte meinen, diese Sammlung der verschiedenen ethnischen Gruppen, die sich nicht mischen, aber immer wieder aneinandergeraten, sei ein Copfilm-Klischee. Aber der Regisseur verharrt darauf, dass gerade diese Darstellung authentisch ist. Nicht wenige Klischees beruhen eben auf der Realität. Ly belässt es dann auch nicht beim bloßen Nebeneinanderstellen, sondern zeigt darüber hinaus, wie komplex die Dynamik zwischen den Welten ist. Keiner traut dem anderen, aber irgendwie ist man trotzdem aufeinander angewiesen – und sei es nur im Kampf gegen die Polizei. Was „Die Wütenden - Les Misérables“ dann aber endgültig zu etwas Besonderem macht, ist die Konsequenz, mit der sich die Erzählung schließlich noch mal in eine ganz neue Richtung entwickelt.

    Kinder an die Macht

    Nach zwei Dritteln des Films scheinen die aufgebrochenen Konflikte geschlichtet. Es hat sich – mal wieder –nichts geändert, alles ist beim Alten geblieben: Aber dann greift plötzlich die wütende Jugend ein und übernimmt das Ruder. Ganz wie bei der aktuellen Fridays-For-Future-Bewegung werden die erwachsenen „Profis“ von den Jugendlichen mit Elan zur Seite gedrängt, weil die sowieso nur unter sich herumschachern. Das Ergebnis: Ein atemlos-intensiv inszeniertes Finale in einem Hochhaus, in dem sich die ganze Wut in einem – auch sozial - hochexplosiven Feuerwerk entlädt. Als würde sich die ganze angestaute anarchische Wut eines Viertels in nur knallharten 15 Minuten auf den engen Fluren und Treppenhausstufen eines heruntergekommenen Sozialbaus entladen.

    Auch wenn Ladj Ly seine Hauptfigur Stéphane für Versöhnung und gegenseitigen Respekt eintreten lässt, ist „Die Wütenden - Les Misérables“ kein sonderlich optimistischer, sondern eher ein realistisch-pessimistischer Film, der keine konkreten Lösungen anbietet, sondern nur den Ist-Zustand abbildet. Das Ende ist offen, „Die Wütenden - Les Misérables“ schließt quasi mit einem unaufgelösten Cliffhanger. Doch keine der beiden Möglichkeiten, die den Protagonisten in dieser hochdramatischen Zwickmühle bleiben, ist eine Gute. Ly überlässt es seinem Publikum, sich für eine Variante zu entscheiden. In die Luft fliegen wird die längst hochexplosive Gesellschaft so oder so.

    Fazit: Ladj Lys hochexplosives Polizei-Drama „Die Wütenden - Les Misérables“ ist ein gnadenlos energetischer Film über die komplizierte Beziehung zwischen Staat und abgehängter Gesellschaft in den Pariser Vororten, der stark anfängt und grandios aufhört.

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