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    The Dark And The Wicked
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Dark And The Wicked

    Eine Woche auf der Horror-Farm

    Von Janick Nolting
    Man hat die ländliche Idylle lange nicht so schaurig erleben können wie in „The Dark And The Wicked“, dem neuen Horrorfilm von Bryan Bertino. In der Abgeschiedenheit hat das Böse eben besonders leichtes Spiel – das hat Bertino bereits in seinem schockierenden Debüt „The Strangers“ etabliert. Sowieso waren seine bisherigen drei Regiearbeiten von einem tragischen Fatalismus durchzogen, seine Figuren scheinen stets nur im Moment ihres vorbestimmten Untergangs existieren zu dürfen. Mitunter hat ihm das den Ruf eines Nihilisten eingebracht. Und tatsächlich: Wo Bertino in „The Monster“ zuletzt noch so etwas wie Erlösung andeutete, verdunkeln sich in „The Dark and the Wicked“ nun wieder sämtliche Aussichten.

    Louise (Marin Ireland) und Michael (Michael Abbott Jr.) kehren nach langer Zeit auf ihre alte Familienfarm in Texas zurück, wo sich ihre Mutter (Julie Oliver-Touchstone) um den dementen Vater kümmert. Vor Ort bemerken sie allerdings schnell, dass irgendetwas auf dem Hof nicht mit rechten Dingen zugeht. Ihre Mutter verhält sich gereizt und abweisend. Als sie sich nachts in der Scheune erhängt und sich die Geschwister fortan selbst um ihren Vater und das Gehöft kümmern müssen, bekommen sie es mit einer unheilvollen Präsenz zu tun…

    Auf der Horror-Farm entwickelt man den kaum zu widerstehenden Drang, sich selbst zu verletzen.


    Bryan Bertino hat das Genre des Home-Invasion-Horrors immer wieder aus anderen Perspektiven betrachtet. „The Strangers“ handelte von einer nächtlichen Belagerung durch maskierte Fremde. In dem Found-Footage-Streifen „Play – Tödliches Spiel“ konfrontierte er Figuren und Publikum mit dem gewalttätigen Einbruch des Mediums Film an sich – und in „The Monster“ wurde ein Auto zur letzten Bastion gegen eine kreatürliche Bedrohung. „The Dark And The Wicked“ liefert nun die nächste Variation.

    Das Dunkle und Böse, das der Titel verspricht, hat die Farm längst heimgesucht. Die beiden Hauptfiguren selbst sind es, die nun als Außenstehende in diese Umgebung eindringen, als wären sie in einen Höllenschlund geraten. Der Film handelt nun von den Versuchen, aus diesem wieder auszubrechen. Seine Unheimlichkeit lauert in der Entfremdung von der eigenen Herkunft und Existenz, die die Geschwister zu begreifen lernen. Eine Woche dauert dieser Prozess. Jeder Tag bildet ein eigenes Kapitel, jeder hält neuen Schrecken parat. Was den Eltern während der Abwesenheit der Kinder zugestoßen ist, wirft jetzt seine Schatten auf die Gegenwart.

    Familie als Fessel


    „The Dark And The Wicked“ ist deshalb so unendlich düster, weil ihm das romantisch verklärte Familienideal, nach dem andere Horrorfilme gern unterschwellig streben, gänzlich abgeht. Familie, das bedeutet eben auch Last, Fessel, Verpflichtung. Die Unmöglichkeit, sich jemals vollends davon lossagen zu können, selbst über räumliche Distanz hinweg. Selbst dann, wenn die Lebensentwürfe der einzelnen Generationen in mittlerweile verschiedenen Welten stattfinden. Es bedeutet zumindest Gewissensbisse, wenn man einander den Rücken zukehrt, seinen eigenen Weg sucht.

    In „The Dark And The Wicked“ werden diese Empfindungen so unerträglich, dass sie in purem Terror münden. Keine glückliche Minute gibt es hier zu erleben, das Gesicht von Hauptdarstellerin Marin Ireland („The Empty Man“) erscheint die meiste Zeit zur schmerzverzerrten Maske erstarrt. Louise und Michael werden mit ihrer eigenen Vergänglichkeit konfrontiert, auch diese Ebene breitet „The Dark And The Wicked“ früh aus. Ihr pflegebedürftiger Vater geistert als Schreckgespenst umher, Selbstmordfantasien und Verlustängste verdunkeln die Wahrnehmung bis zur grausamen Schlusspointe – das Altern liefert immer noch den größten Horror.

    Ihr greiser Vater führt Louise (Marin Ireland) und Michael (Michael Abbott Jr.) auch ihre eigene Vergänglichkeit schmerzhaft vor Augen.


    Zugleich geht es um ein ganzes sterbendes Milieu, das Bertino in dieser Schauergeschichte porträtiert. Er setzt den verfallenden Hof eindrucksvoll miefig und grauenerregend in Szene. In kränklichen Grau- und Brauntönen schummern die stilvollen Aufnahmen, gespenstisch erscheint das texanische Niemandsland. Ein Windspiel klappert bedrohlich, Holzdielen knarzen, Wölfe und Stürme heulen um die Wette – das ganze Inventar des Gruselkinos ist da zu finden. Von den Mythen der amerikanischen Landschaft und Zivilisation sind nunmehr pure Tristesse und Gewalt geblieben.

    Wo sich die Folgen von Landflucht und zunehmender Isolation breitmachen, schwelen religiöser Wahn, Lethargie und Aberglaube. Man wird den Eindruck nicht los, dass „The Dark And The Wicked“ hier und da versucht, die Familientraumata und Todesängste in größere, gesellschaftspolitische Bahnen zu lenken. Zugleich fällt es Bertino aber schwer, diese hochgeworfenen Bälle wieder aufzufangen, mit ihnen konkret zu werden. Es bleibt bei vagen Andeutungen.

    Effektiver Terror


    „The Dark And The Wicked“ verliert sich gerade im letzten Drittel etwas ausufernd in blutigem Hokuspokus. Interessante Untertöne werden von Lärm und Grausamkeiten davongefegt. Wobei man dem Autor und Regisseur im selben Moment hoch anrechnen kann, wie effektiv sein Horror-Kammerspiel über weite Strecken geraten ist. Erdrückend sind seine Schockmomente, die schiere Hoffnungslosigkeit lässt noch bis weit in den Abspann frösteln. Bertinos große Stärke liegt auch in diesem Film darin, dass er sein Publikum nie unnötig an der Nase herumführt. Wenn bei ihm das Grauen zuschlägt, dann geschieht das mit voller Härte und Konsequenz, gänzlich ironiefrei und ohne faules Blendwerk.

    „The Dark And The Wicked“ findet für seine im Auflösen begriffene Welt einige äußerst verstörende Bilder, wenn Tote als Lebende umherspuken und umgekehrt. Durchweg klassische Zutaten sind das und doch arrangiert Bertino sie mit intensiv hoher Frequenz und Trefferquote. Am Ende bleibt dabei davor allem eine wunderbar stimmungsvolle Gruselszene im Gedächtnis, in der Blicke durch das Schlafzimmerfenster eine Rolle spielen, so viel kann man vorsichtig verraten. Sie steht quasi sinnbildlich für Bryan Bertinos bisheriges Schaffen: Panisch wird das Terrain da draußen nach einer ominösen Bedrohung abgesucht, während man den Schrecken, der längst im Inneren lauert, fahrlässig übersieht.

    Fazit: Eine außerordentlich finstere, dicht erzählte Spukgeschichte über Familie als Bürde und die Unerträglichkeit des Sterbens. Auch wenn „The Dark and the Wicked“ die thematischen Dimensionen seiner Welt nicht vollends ausschöpft, schüttelt man die beklemmende Atmosphäre und die drastischen Gräuelbilder so schnell bestimmt nicht ab.

     

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