The Bitter Taste
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
1,5
enttäuschend
The Bitter Taste

Nachhaltiger Niedersachsen-Horror mit bitterem Beigeschmack

Von Lutz Granert

Die ungarische Adelige Elisabeth Báthory erbte nach dem Tod ihres Ehemanns im Jahre 1604 sein gesamtes Vermögen: Weingärten, Ländereien, Burgen und kleine Städte in den heutigen Gebieten von Ungarn, Österreich, der Slowakei und Rumänien zählten dazu. Dass eine Frau so viel Macht und Reichtum auf sich konzentrierte, war in dieser Zeit ebenso außergewöhnlich wie der Prozess, der Elisabeth Báthory im Jahr 1611 gemacht wurde. Dutzende junger Mädchen soll sie – teils als Bedienstete – auf ihre Burgen gelockt, gefoltert und getötet haben. Einer später ausgeschmückten Legende nach soll sie sogar im Blut ihrer Opfer gebadet oder es getrunken haben, um so ihr jugendliches Aussehen zu erhalten – was ihr posthum den Beinamen „Blutgräfin“ einbrachte.

Klar, dass diese bis heute historisch nicht komplett aufgearbeitete Schauergeschichte eine Vielzahl von Horrorfilmen inspirierte, von denen der Grusel-Klassiker „Blut an den Lippen“ (1971) zu den bekanntesten zählt. Auch „The Bitter Taste“ von Regisseur Guido Tölke, der nach dem Umwelt-Thriller „Mission NinetyTwo“ nun zum zweiten Mal gemeinsam mit seiner Produzentin, Co-Autorin und Hauptdarstellerin Julia Dordel einen nachhaltig hergestellten Low-Budget-Genrefilm realisiert, setzt sich mit der Legende rund um Elisabeth Báthory auseinander. Nur eben „neu erzählt mit zeitgenössischem Twist“, wie es im Presseheft heißt. Nach einer Frischzellenkur fühlt sich der Mystery-Horror trotz eines Frauen-Männer-Verhältnisses von 2:1 hinter den Kulissen jedoch nicht an: Ein ganzer Badewanneninhalt an Horrorfilmklischees und Drehbuchlücken wird darin nämlich zu einem wahrhaft bitteren, nahezu ungenießbaren Cocktail verquirlt.

Sportlerin Marcia (Julia Dordel) und Fischer Josh (Nicolo Pasetti) erkunden das mysteriöse Anwesen der Gräfin. Dorcorn Film UC
Sportlerin Marcia (Julia Dordel) und Fischer Josh (Nicolo Pasetti) erkunden das mysteriöse Anwesen der Gräfin.

Die von Schmerzen geplagte Ex-Spitzensportlerin Marcia Lorenz (Julia Dordel) arbeitet als Jagdführerin in der Nähe des fiktiven Orts Kaschtitz. Nach getaner Arbeit läuft ihr auf dem Weg zum Bahnhof die ängstliche Silva (Imme Beccard) vors Auto – allerdings wird diese von einer rasend schnellen und furchterregenden Gestalt verfolgt und in den Wald verschleppt.

Da sie wegen einer Autoreparatur länger als geplant vor Ort bleiben muss und die alarmierte Polizistin George (Anne Alexander-Sieder) den merkwürdigen Vorfall als Spinnerei abtut, geht Marcia selbst auf Spurensuche. Diese führen sie zu einer Gräfin (Christiane Obermayer), die auf ihr weitläufiges Anwesen immer wieder internationale Spitzensportlerinnen zu (vermeintlichen) Wettkämpfen einlädt. Zusammen mit dem mysteriösen Fischer Josh (Nicolo Pasetti) deckt Marcia das verstörende Geheimnis der Gräfin auf…

Vieles kommt einem arg bekannt vor

Ticken die Uhren im ländlichen Niedersachsen rund um Göttingen, Hannover, Celle, Verden und Walsrode, wo „The Bitter Taste“ bereits von April bis Oktober 2019 an Originalschauplätzen gedreht wurde, tatsächlich anders? Fakt ist, dass die Nutzung von Handys nicht so recht dazu passt, dass hier nicht nur alte Dampfzüge und antike Grammophone auftauchen, sondern auch die Polizeiuniformen wie -autos von anno dazumal zu stammen scheinen. Eine erzählerische Motivation dafür findet sich im ebenso hanebüchen wie plump konstruierten Skript von Guido Tölke und Julia Dordel jedenfalls nicht.

Da muss eine ehemalige Spitzenfechterin eben als Jagdführerin in der Provinz anheuern, wo ihrem unsympathischen Auftraggeber während der Pirsch – huch! – ein versiegelter Umschlag mit wertvollem, historischem Inhalt aus der Tasche purzeln, um den Plot in Schwung zu bringen. Auch die üblichen nicht anspringenden Autos und klirrend herunterfallenden Schlüssel kommen als Spannungstreiber zum Einsatz – während reichlich zähe detektivische Nachforschungen im zweiten Drittel das bis dahin noch recht bedeutungsschwangere, aber temporeiche Szenario zu ordnen beginnen.

Hier täte so eine erfrischende Blut-Kur definitiv Not! Dorcorn Film UC
Hier täte so eine erfrischende Blut-Kur definitiv Not!

Abseits von inhaltlichen Schwächen fehlt es „The Bitter Taste“ auch an wirklichen Identifikationsfiguren. Mit ihrer toughen, aber auch extrem unterkühlten Art lässt einen Julia Dordel in der Hauptrolle abseits von wiederholten Schmerzschüben auch mangels Charakterzeichnung schlicht kalt. Auch Nicolo Pasetti („Die Vorkosterinnen“) als ihren männlichen Unterstützer sowie Anne Alexander-Sieder („Grimms Kinder – Die Boten des Todes“) als Polizistin, die gern mal einen großen Schluck aus dem Flachmann nimmt, wirken eher zwielichtig als sympathisch. Bleiben also die zahlreichen Actionszenen und effektvollen Gore-Einlagen, in denen das ganze sportliche Spektrum des modernen Fünfkampfs ausgespielt wird: also Schwimmen, Fechten, Reiten, Schießen und Laufen.

Das Problem dabei: Nahezu jede Verfolgungsjagd, jedes Duell, jede Schießerei und sogar eine äußerst deftige Kettensägen-Einlage, die sich in Sachen Kunstbluteinsatz nicht mal vor dem Finale von Peter Jacksons Splatstick-Klassiker „Braindead“ verstecken muss, kranken an enervierendem (Hand-)Kameragewackel voller Nahaufnahmen, die zudem auch noch schludrig montiert sind. Ein frappierendes Gefühl dauerhafter visueller Desorientierung erfährt seine zweifelhafte Vollendung durch reichlich nachträglicher digitaler Bildbearbeitung. Das Spektrum reicht dabei von massivem Colorgrading (vorzugsweise mit Grünstich) über Lensflare-Effekte, Unschärfen, digitale Farbkleckse auf der Linse bis hin zu künstlichen Nebelschwaden, die zuweilen nur noch schemenhaft erahnen lassen, was da gerade abgeht. Meisterhaft, wie aus dem ganzen visuellen Matsch ein durchaus atmosphärischer und ansehnlicher Trailer geschnitten werden konnte…

Fazit: Selbst die handwerklich guten Ansätze bei den harten Actionszenen und deftigen Gore-Einlagen lassen sich dank Wackelkamera und Schnittgewitter nur noch schemenhaft erahnen. Ein seltener deutscher Indie-Horrorthriller, der durch blasse Figuren und eine überbordende digitale Bildbearbeitung viel von seinem Potenzial verschenkt.

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