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    U-Turn
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    U-Turn
    Von Stefan Ludwig

    In den 80er und 90er Jahren galt Regie-Berserker Oliver Stone vollkommen zu Recht als einer der radikalsten und politischsten Filmemacher überhaupt. Seine inoffizielle Vietnam-Trilogie (Platoon, Geboren am 4. Juli, „Zwischen Himmel und Hölle“) ging mit einer der größten militärischen Fehleinschätzungen der Geschichte hart ins Gericht. Der Politthriller JFK und das biografische Drama Nixon stellten nicht nur unangenehme Fragen, sondern auch die amerikanische Rechtstaatlichkeit an den Pranger. Mit Wall Street bekam die Gier nach Macht und Geld in der Finanz- und Börsenwelt ihre Ohrfeige, mit Natural Born Killers die sensationsgierige Medienlandschaft. Keine Frage: Es gab einmal eine Zeit, in der Oliver Stone tatsächlich etwas zu sagen hatte. Doch diese scheint vorbei. Das millionenschwere Missverständnis Alexander war kommerziell und künstlerisch eine herbe Enttäuschung, das 9/11-Drama World Trade Center zwar handwerklich solide, aber emotional wenig bewegend. Irgendwo am Wendepunkt in der Vita von Oliver Stone befindet sich der schräge Neo-Noir-Thriller „U-Turn“.

    Das Schicksal ist nicht gerade der beste Freund von Bobby Cooper (Sean Penn, The Game). Er fährt mit seinem klapprigen Auto durch die Wüste, um in Las Vegas seine 13.000 Dollar schwere Schuld beim skrupellosen Finanzhai Mr. Arkady (Valery Nikolaev) zu begleichen, der ihm nach einer ersten Verzögerung als Warnung bereits zwei Finger mit einer Gartenschere hat abschneiden lassen. In der absoluten Einöde mitten im Nirgendwo platzt ihm zu allem Überfluss auch noch der Kühlerschlauch. Notgedrungen biegt er ins Provinznest Superior ab, wo er mit einer Vielzahl von absurden Charakteren konfrontiert wird. Ein blinder Halbindianer flüstert ihm Lebensweisheiten und fordert Limo, der aggressive Dorftrottel TNT (Joaquin Phoenix) ist ständig auf eine Schlägerei aus und die laszive Grace (Jennifer Lopez) lädt ihn zu einem Schäferstündchen ein, das von ihrem Mann Jake (Nick Nolte) per Faustschlag unterbrochen wird, bevor es richtig losgeht. Der Mechaniker Darrell (Billy Bob Thornton) hat außerdem wenig Lust, Bobbys Scharmützeln vorzubeugen – stattdessen lässt er sich mit der Reparatur jede Menge Zeit.

    Die Geschichte von „U-Turn“ ist so einfach wie nur irgend möglich gehalten: Mann trifft Frau und will mit dieser durchbrennen. Allerdings legt Drehbuch- und Romanautor John Ridley (Three Kings) seinem Antihelden jede Menge Stolpersteine in den Weg - eine Story voller Verwicklungen auf engstem Raum. Weitaus beeindruckender und auch bedeutender sind allerdings die von Stone eingesetzten inszenatorischen Mittel. Ständig zwingen schnelle Schnitte und einfallsreiche Perspektiven den Zuschauer zu voller Aufmerksamkeit. Dies fördert auch der sehr gezielte Einsatz der Musik. Der Score stammt aus der Feder von Altmeister Ennio Morricone, der mit Spiel mir das Lied vom Tod für einen Klassiker der Filmmusik verantwortlich ist. Der Stil von „U-Turn“ ist sicherlich gewöhnungsbedürftig, die Nominierung von Oliver Stone für die Goldene Himbeere in der Kategorie Regie jedoch logischerweise absoluter Unfug. In Wahrheit ist der Stil von „U-Turn“ zwar ungewöhnlich, doch gleichzeitig auch äußerst atmosphärisch.

    Dass „U-Turn“ letztendlich funktioniert, ist allerdings auf die hervorragende Besetzung zurück zu führen. Vor allem Sean Penn spielt einmal mehr ganz groß auf. Beeindruckend: Zwischen 1996 und 2004 war der auch politisch überaus aktive Kalifornier in acht Jahren vier Mal für den Academy Award nominiert (1996: „Dead Man Walking“, 2000: „Sweet And Lowdown“, 2002: Ich bin Sam, 2004: Mystic River). Eine solche Quote können nur wenige aufweisen. Auch in „U-Turn“ überzeugt er als in die Enge getriebener Verlierer auf ganzer Linie. Neben ihm füllt die damals noch weit weniger bekannte Vorzeige-Latina Jennifer Lopez (The Cell, Das Schwiegermonster) Rolle und Kleid gleichermaßen gut aus. Witzig ist Joaquin Phoenix (Gladiator, Walk The Line) in seiner hitzigen Nebenrolle. Nick Nolte (The Good Thief, Hotel Ruanda) übt eine geradezu bedrohliche Präsenz aus, er treibt mit seiner Performance den Blutdruck ein gutes Stück in die Höhe. Billy Bob Thornton (Bad Santa, Armageddon) darf den unsympathischsten Charakter geben und er ist dank Schutzbrille und reichlich Motorenöl im Gesicht kaum wieder zu erkennen.

    Mit einem sehr guten Schauspielensemble erschuf Oliver Stone 1997 eine abgefahrene Mischung aus Noir-Thriller und Road Movie, die es derart cool selten gegeben hat. Ständig wird die Wüste vor das Auge des Betrachters gerückt. Skorpione scheinen überall zu lauern und die glühende Hitze wird mit starken Farbfiltern sichtbar gemacht. Besonders gefällt die Reihe von Überraschungen mit denen „U-Turn“ spielt wie die Katze mit der Maus. Wägt sich der Zuschauer gerade in Klarheit, so steht schon die nächste Wendung bevor. So bleibt der Film über die vollen zwei Stunden interessant und spannend.

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