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    Girl
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Girl

    Bella Thorne in White-Trash-Country

    Von Oliver Kube
    Zuletzt hat Bella Thorne vor allem mit ihrem erstaunlichen Erfolg auf dem Webportal OnlyFans für Schlagzeilen gesorgt. Normalerweise bieten dort Erotik-Darstellerinnen Foto-Serien und Video-Clips mit nackten Tatsachen an – aber Thorne konnte sich dort auch bekleidet eine Abonnenten-Base aufbauen, die ihr bisher bereits einen kolportierten siebenstelligen Dollar-Betrag eingebracht haben soll. Zudem hat der Ex-Disney-Channel-Kinderstar („Shake It Up!“) neben ihrer durchaus florierenden Karriere als Popsängerin auch noch die Regie von „Her & Him“ für Pornhub übernommen – wobei der Porno-Halbstünder sogar zunächst auch auf einigen klassischen Filmfestivals zu sehen war.

    Bella Thorne ist also so angesagt wie nie zuvor – und das schlägt sich auch in ihren Rollenangeboten wieder. Allein 2020 hat sie in vier – erstaunlich unterschiedlichen – Produktionen mitgespielt: Eine davon war der Netflix-Horror-Hit „The Babysitter 2: Killer Queen“. Eine andere war „Girl“, die erste Regie- und Drehbuch-Arbeit ihres Schauspielkollegen Chad Faust („4400 - Die Rückkehrer“). Der mit Elementen eines Sozialdramas angereicherte Indie-Rache-Thriller ist für das Publikum allerdings nur bedingt befriedigend ausgefallen.

    Ein Mädchen und ihr Beil...


    Eine verzweifelte, von Rachegelüsten getriebene junge Frau (Bella Thorne) nimmt all ihren Mut zusammen und reist zurück in ihren Heimatort, um ihren Vater zu töten. Der hatte sie und ihre Mutter einst gewaltsam aus dem Haus geschmissen, als sie selbst gerade einmal sechs Jahre alt war. Als sie in dem sichtlich heruntergekommenen Kaff eintrifft, begegnet sie jedoch zunächst dem lokalen Sheriff (Mickey Rourke), der sie direkt misstrauisch beäugt. Nachdem sie den aufdringlichen Ordnungshüter endlich abgeschüttelt hat, läuft sie – zu allem bereit – zum Haus ihres Erzeugers.

    Dort muss sie jedoch feststellen, dass ihr offenbar jemand zuvorgekommen ist: Dad ist tot – dem Anschein nach brutal gefoltert und ermordet. In der einzigen Bar der Gegend versucht die um ihre erhoffte Katharsis geprellte Frau herauszufinden, was passiert sein könnte. Neben Ratschlägen, schnellstmöglich das Weite zu suchen, hört sie von Einheimischen auch Geschichten über den von ihr so sehr gehassten Vater. Die Berichte stehen jedoch in einem krassen Kontrast zu dem, was Mama (Elizabeth Saunders) ihr all die Jahre über ihren Papa erzählt hat…

    Busfahrt mit Beil


    Wir treffen das von Bella Thorne mit spürbarem Engagement, aber schwankender Glaubwürdigkeit verkörperte Girl, während sie in einem Überland-Nachtbus vor sich hindämmert. Neben ihr liegt eine Umhängetasche mit einem schwarzen Beil darin. Auch fast alle anderen Figuren lernen wir entweder unter einer Berufsbezeichnung oder ihrem Spitznamen kennen - was dazu beiträgt, die Distanz, die die Protagonistin zu dem „White Trash“-Kleinstadt-Szenario im Süden der USA (gedreht wurde allerdings in der kanadischen Provinz Ontario) verspürt, auch für das Publikum erfahrbar zu machen.

    Der ironischerweise Golden genannte Ort mit seinen fast menschenleeren Straßen, den herrenlos herumstreunenden Hunden, verbarrikadierten Läden und einer langsam zerfallenden Schule macht direkt einen unendlich trostlosen Eindruck. Diese Atmosphäre wird geschickt durch den grauen Farbfilter über den Bildern von Kameramann Kristofer Bonnell verstärkt - ebenso wie durch den melancholischen, streckenweise nach einer Lounge-Version der Soundtracks von John Carpenter klingenden Synthesizer-Score von Dillon Baldassero.

    Das "Girl" stößt in Golden auf neue Informationen über ihren Vater, die ihr gesamtes Selbstbild zutiefst erschüttern.


    Das Highlight des zwischen Slowburn-Thriller und bedrückendem Sozialdrama changierenden Films ist eine harmlos beginnende, bald mehr und mehr aus dem Ruder laufende Begegnung der jungen Frau mit einem Typen im örtlichen Waschsalon. Der wegen seiner angeblichen Erfolge beim weiblichen Geschlecht Charmer genannte Kerl wird von Regisseur Chad Faust selbst dargestellt und ist eine undurchsichtige, zumindest ansatzweise faszinierende Figur. Ist er einfach nun auf unbeholfene Art freundlich zur Titelheldin? Ist er ein Creep, der nur so tut, um sich an sie heranzumachen? Oder will er ihr gar echtes Leid zufügen?

    Innerhalb weniger Minuten eskaliert der harmlos beginnende Flirt zu einem Kampf auf Leben und Tod. Der wird dann vom (zufällig?) vorbeikommenden Sheriff beendet, dem wie nebenbei eine Äußerung herausrutscht, die die Protagonistin realisieren lässt, was in Golden wohl wirklich gespielt wird. Ein gut geschriebener und von den drei Akteuren dazu authentisch interpretierter sowie von Faust effizient ins Bild gesetzter Moment. Er stellt den Wendepunkt der Story dar und hätte die Vorbereitung für ein furioses Finale sein können.

    Eine ganz gemütliche Verfolgungsjagd


    „Können“ deshalb, weil im Anschluss einfach keine echte Thriller-Stimmung mehr aufkommen mag. Dazu sind die folgenden Skript-Ideen entweder zu sehr an den Haaren herbeigezogen oder viel zu vorhersehbar. Außerdem sind das Pacing und die Schnitte von Cutterin Gloria Tong während der Action-Szenen sehr behäbig. Erstmals fällt dies bei einer wenig dynamisch und ohne spürbare Dringlichkeit präsentierten Autoverfolgungsjagd auf. Natürlich muss nicht jeder Thriller ein Schnittgewitter à la Michael Bay bieten. Aber wenn ein Filmemacher eine solche Szene einbaut, dann sollte er zumindest ansatzweise ein Gefühl von Tempo vermitteln können. Was in „Girl“ aber glatt misslingt. Schließlich wirken die sich angeblich wild jagenden Wagen im Endprodukt doch eher, als wären sie Teil einer gemütlichen Landpartie.

    Kaum besser ist das Ende der finale Showdown gelungen. Es kommt zur körperlichen Konfrontation, die eine der beiden Figuren mit Hilfe des Einsatzes eines speziellen Werkzeugs für sich entscheidet. Leider passiert der ausschlaggebende Move größtenteils im Off. Wir sehen allein seinen Beginn und – nach einem arg unbeholfen wirkenden Schnitt – das Ergebnis auf dem Boden.

    High Noon im örtlichen Waschsalon...


    Hier dürften wohl Budgetbegrenzungen zumindest einer der Gründe gewesen sein. Denn um das Set-Piece fachgerecht umzusetzen, hätte es nicht nur mehr Effekte, sondern auch eines erstklassigen Stunt-Teams bedurft. Da das dafür nötige Geld nicht vorhanden gewesen zu sein scheint, hätte der Regisseur und Autor aber besser einen anderen Weg finden sollen, den Konflikt schlüssig zu beenden. So aber mündet die über die komplette Laufzeit aufgebaute Auseinandersetzung in einem holprig und unbefriedigend erscheinenden Finale. Das Ganze ist fast schon ein Anti-Klimax, der „Girl“ den letzten Rest seiner anfänglich durchaus vorhandenen Kraft nimmt.

    Fazit: Das Rache-Drama beginnt vielversprechend atmosphärisch. Im weiteren Verlauf büßt es dann aber aufgrund von Drehbuchschwächen und Problemen bei den Action-Passagen viel an Power ein. Schade, da wäre mehr drin gewesen.

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