"Arielle" als psychedelischer Farbenrausch
Von Thorsten HanischZugegeben, zu 100 Prozent stimmt der in der Überschrift angestellte Vergleich zum Disney-Klassiker „Arielle, die Meerjungfrau“ nicht. Schließlich ist es im Regiedebüt der griechischen Filmemacherin Konstantina Kotzamani genau andersherum: Wo in „Arielle“ eine Meerjungfrau ein Mensch werden will, geht es in „Titanic Ocean“ um einen Menschen, der zur Meerjungfrau werden will – aber erst dadurch seine Menschlichkeit wiederentdeckt. Das Ganze spielt dann auch nicht in einem magischen Unterwasserkönigreich, sondern in einem speziellen Internat im Japan der heutigen Zeit.
Das ist dank allerhand neonfarbenem, glänzendem und funkelndem Interieur allerdings gar nicht so weit weg von der Disney-Wunderwelt, wirkt zeitweise sogar so irreal, dass man fast erschrickt, wenn der Film im letzten Viertel das Internat verlässt und die ästhetisch nicht ganz so attraktive Außenwelt erkundet, obwohl das Geschehen ironischerweise gerade da in fantastische Gefilde abgleitet. Und trotzdem: Kotzamani ist hier ein audiovisuell absolut berauschendes Coming-of-Age-Drama gelungen, das zwar nicht unbedingt etwas Neues erzählt, aber dabei einen allumfassenden Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann.
Grandfilm
Im Mittelpunkt der Handlung steht Akame (Arisa Sasaki), die eine Meerjungfrau werden will. Und so irreal das Setting für die meisten auch wirken dürfte: Mermaiding, so der Fachbegriff, gibt es tatsächlich. Es handelt sich dabei um eine nicht allzu bekannte Schwimmdisziplin, bei der man – also vor allem Frauen, wenn auch einige wenige Männer den Sport betreiben – in einem Meerjungfrauen-Kostüm mit einer Monoflosse in wellenförmigen Bewegungen durch das Wasser gleitet.
Natürlich ist das nicht ganz unanstrengend, schließlich gilt es nicht nur, mit höchster Anmut durch das Wasser zu gleiten, sondern dabei auch noch minutenlang die Luft anzuhalten. Zudem verlangt die Internatsleiterin, dass ihre Schülerinnen komplett zu Meerjungfrauen werden sollen. Die Auszubildenden müssen sich deshalb nicht nur ein eigenes Meerjungfrauen-Lied aussuchen, sie erhalten auch einen neuen Namen. So soll die perfekte Illusion verkauft werden. Dementsprechend hoch ist der Konkurrenzkampf. Doch allmählich kommen Akame Zweifel, ob die eingeforderte Selbstaufgabe wirklich das Richtige für sie ist …
Auch „Titanic Ocean“ ist mehr oder weniger in eine andere Haut geschlüpft. Die griechisch-deutsch-rumänisch-französisch-spanisch-japanische Produktion spielt in Japan und ist mit japanischen Darsteller*innen besetzt, die – in der Originalversion – auch japanisch sprechen. Würde es nicht Vor- und Abspann mit all den europäischen Namen geben, könnte man also meinen, man hätte einen rein japanischen Film vor sich. Dabei kommt Mermaiding ursprünglich aus den USA – und auch inhaltlich werden in „Titanic Ocean“ eigentlich keine japanspezifischen Themen verhandelt. So könnte man auf den Gedanken kommen, dass durch die Schauplatzwahl einmal mehr das Klischee der schrulligen Japaner bedient werden soll. Andererseits webt Kotzamani durchaus Kritik am Meerjungfrauen-Business ein – so lässt sich eines der Mädchen die Ausbildung von einem Sugar Daddy bezahlen.
Und natürlich schwebt ständig die Kommodifizierung von Körpern als Thema im Raum. Der Alltag ist hart, der Drill unbarmherzig – doch Kapitalismuskritik wird trotzdem nicht unbedingt großgeschrieben. Die Handlung kreist stattdessen um das Innenleben einer jungen Frau, die sich zunehmend – um im Thema des Films zu bleiben – freischwimmt, sich vom gesellschaftlichen Druck löst und sich zudem mit den langsam einsetzenden Veränderungen ihres Körpers auseinandersetzen muss. So wird die zweite Hälfte dann auch zu einer Liebesgeschichte, bevor der Film im Finale gar ins Fantastische abgleitet.
Wie am Anfang bereits angesprochen: Im Grunde nichts Neues. Was „Titanic Ocean“ trotzdem zu einem Erlebnis macht, ist deshalb auch nicht das „was“, sondern das „wie“: Die Coming-of-Age-Geschichte ist hier eher als ätherisch dahinschwebende Erfahrung denn als geradliniges Teenager-Drama angelegt. Immer wieder nimmt sich der Film die Zeit, einen die sinnlichen Erfahrungen der Protagonistinnen nachempfinden zu lassen – etwa bei melancholischen Blicken auf die farbenfrohen Lichter einer Stadt bei Nacht.
Dazu kommen Szenen im leicht außerweltlichen Internat, das mit seiner Art der Ausleuchtung manchmal an Dario Argentos Hexen-Horror-Kult „Suspiria“ denken lässt – oder die farbenfrohen, einfach nur schönen, makellos umgesetzten Unterwasseraufnahmen der Meerjungfrau-Aspirantinnen. Alles unterlegt vom sphärischen Debüt-Soundtrack der spanischen Keyboard-Spielerin Patricia Ferragud, der die Wirkung der Bilder noch einmal kongenial ergänzt.
Fazit: Eigentlich kennt man das alles schon, aber man kennt es eben nicht so – Konstantina Kotzamanis Debüt ist tatsächlich ein außergewöhnliches Kinoereignis! Wer sich auf das Zeitlupen-Tempo einstellen kann, erlebt in „Titanic Ocean“ eine klassische Coming-of-Age-Geschichte mal auf ganz andere Art.