Eiserne Wildnis - Heart Of The Beast
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Eiserne Wildnis - Heart Of The Beast

Knallhart und trotzdem zum Heulen schön

Von Pascal Reis

David Ayer galt einst als vielversprechende Adresse für raues Crime-Kino. Mit seinem Drehbuch zu „Training Day“ sowie den Thrillern „Harsh Times“, „Street Kings“ und „End Of Watch“ stand er für ein dreckiges Männerkino, dessen Wucht vor allem auf körperlicher Unmittelbarkeit fußte. Doch auf den Aufstieg folgte die Ernüchterung. Sein DC-Blockbuster „Suicide Squad“ wurde von Kritik und Publikum gleichermaßen abgestraft – woraufhin der Filmemacher jahrelang unermüdlich den sogenannten „Ayer Cut“ erwähnte, eine unveröffentlichte Schnittfassung, die den Film angeblich hätte retten können. Auch „Sabotage“, „Bright“ und „The Tax Collector“ konnten den Karren nicht herumreißen, ganz im Gegenteil.

Eine Ausnahme, auf die sich selbst viele seiner Kritiker*innen verständigen konnten, bleibt das hochintensive und saubrutale Kriegsdrama „Herz aus Stahl“, in dem eine von Brad Pitt („Sieben“) angeführte Panzerbesatzung durch das zerbombte Deutschland der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs rollt. Nun, nach „The Beekeeper“ und „A Working Man“, zwei in Genre-Kreisen durchaus rufreinigenden Intermezzos mit Jason Statham, machen die auch privat gut befreundeten Ayer und Pitt bei „Eiserne Wildnis – Heart Of The Beast“ erneut gemeinsame Sache. Das Ergebnis: ein ungemein bildgewaltiges Survival-Abenteuer, bei dem am Ende auch ordentlich Tränen kullern dürfen!

Ein unschlagbares Duo: Brad Pitt und sein vierbeiniger Kollege Uber. Paramount Pictures
Ein unschlagbares Duo: Brad Pitt und sein vierbeiniger Kollege Uber.

Der ehemalige Special-Forces-Offizier James Belmont (Brad Pitt) und sein treuer Militärhund Odin (Uber) haben gemeinsam im Krieg gedient und dabei tiefe seelische und körperliche Wunden davongetragen. Odin hat im Einsatz sogar ein Bein verloren und musste nach einem brutalen Schlag ins Gesicht mit einem künstlichen Gebiss aus Titan versorgt werden. Inzwischen haben sie sich in die unberührte Wildnis Alaskas zurückgezogen. Doch als James während eines Fluges einen Herzinfarkt erleidet und die Maschine abstürzt, beginnt für das ungleiche Duo ein erbarmungsloser Kampf ums Überleben. Abgeschnitten von jeglicher äußeren Hilfe, müssen sie sich durch das abgelegene Hinterland schlagen und sich dabei vollkommen aufeinander verlassen.

Mit schwindenden Kräften und kaum einer Aussicht auf Rettung ist James gezwungen, auf seine jahrelange militärische Erfahrung und seine besonderen Überlebensfähigkeiten zurückzugreifen. Doch die Wildnis stellt nicht nur seine körperliche Belastbarkeit auf die Probe. Der Überlebenskampf konfrontiert ihn auch mit seinen tiefsten Ängsten und den Schatten seiner Vergangenheit. Gemeinsam trotzen Mensch und Hund einer feindseligen Umgebung, in der jeder Schritt zur tödlichen Gefahr werden kann …

Endlich wieder raus in die Natur!

Zuletzt hat uns Ridley Scott mit seinem wunderbar melancholischen Endzeit-Drama „Das Ende der Sterne“ daran erinnert, welche Wucht es entfalten kann, wenn ein Film Landschaftsaufnahmen nicht bloß als digitale Kulisse aufbereitet, sondern sich der Natur tatsächlich ausliefert. „Eiserne Wildnis – Heart Of The Beast“ treibt dieses Prinzip lustvoll auf die Spitze. David Ayer und „Avatar“-Kameramann Mauro Fiore zelebrieren die ungezähmte Weite Alaskas in nahezu jeder Einstellung:

Da ragen schneebedeckte Gebirgsketten aus dem Nebel, während davor eine kleine Propellermaschine durch das majestätische Panorama gleitet und plötzlich wie ein Modellflugzeug wirkt. Türkisfarbene Seen liegen zwischen sattgrünen Wäldern, zerklüftete Felsformationen schneiden sich in die Landschaft und irgendwo dazwischen lauert die Ahnung, dass diese Schönheit jederzeit ins Bedrohliche kippen kann. Ayer kann sich an diesen Bildern offenbar kaum sattsehen – und man kann es ihm wahrlich nicht verdenken.

James (Brad Pitt) hat zwar den Krieg hinter sich gelassen, weiß aber trotzdem noch ganz genau, wie er sich und seinen treuen Gefährten verteidigen kann. Paramount Pictures
James (Brad Pitt) hat zwar den Krieg hinter sich gelassen, weiß aber trotzdem noch ganz genau, wie er sich und seinen treuen Gefährten verteidigen kann.

So grandios es auch ist, in diesen beeindruckenden Naturbildern zu versinken: Sie sind gar nicht der eigentliche Star des Films. Noch schöner ist es, Brad Pitt und seinen treuen Schäferhund dabei zu beobachten, wie sie sich durch diese gigantische Abenteuerkulisse schlagen – eine Welt, die überwältigend schön sein kann, in der man aber ebenso schnell verloren geht. Seite an Seite stellen sich der Oscar-prämierte Hollywoodstar und seine vierbeinige Fellnase jedem Hindernis, treiben sich gegenseitig zum Durchhalten an und vertrauen einem ehemaligen Goldgräber (J.K. Simmons) erst dann über den Weg, wenn sich dieser angemessen begeistert vom Geschmack eines belgischen Brown Ale, dem besten Bier der Welt, zeigt.

Wie sehr einem dieses Duo ans Herz gewachsen ist, zeigt sich besonders in einer der spannendsten Szenen des Films: Brad Pitt und Uber müssen zwei übereinanderliegende Baumstämme überqueren, während unter ihnen ein reißender Fluss durch die Felsen schäumt. David Ayer dreht die Anspannung zwar genüsslich auf, profitiert zugleich aber auch ungemein davon, dass man den beiden eh so fest wie nur möglich die Daumen drückt. Und wenn schließlich ein Gürtel und ein Titangebiss als improvisiertes Erste-Hilfe-Set herhalten müssen, um einen offenen Bruch zumindest notdürftig zu versorgen, tut das Mitleiden gleich doppelt weh!

Am Ende gibt’s feuchte Augen

Dass David Ayer mit „Eiserne Wildnis – Heart Of The Beast“ das klassische Survival-Abenteuer-Kino wieder aufleben lässt, ist eine schiere Freude. Vor allem, weil er sich völlig auf das Wesentliche konzentriert: auf die entwaffnend liebevolle Beziehung im Zentrum sowie das volle Ausreizen der Leinwand bei den Landschaftsaufnahmen. Dass am Ende dann auch noch Tränen fließen, erhebt das Kino von David Ayer als rührende Seherfahrung in neue Höhen: In der Berliner Pressevorstellung wurde jedenfalls ordentlich durch die Reihen geschluchzt!

Fehlerfrei ist aber auch „Eiserne Wildnis – Heart Of The Beast“ nicht. Mangelnde Originalität als Vorwurf anzubringen, wäre allerdings ein völlig unangebrachter Maßstab, schließlich gibt es hier endlich mal wieder schön geradliniges Abenteuerkino. Störender ist da schon, dass die eingebauten Wildtiere oft etwas zu künstlich erscheinen, was angesichts der echten Natur ein wenig die Immersion stört. Außerdem möchte David Ayer bisweilen die Tränendrüsen doch zu sehr massieren, gerade die im letzten Drittel gehäuft eingestreuten Flashbacks in chaotische Kriegstage hätte es nicht alle gebraucht.

Fazit: Die majestätischen Landschaftsaufnahmen überwältigen, die Mensch-Hund-Beziehung geht richtig ans Herz – und mit seinen nur etwas mehr als 90 Minuten dauert der so packende wie ehrlich rührende „Eiserne Wildnis – Heart Of The Beast“ auch keine Minute zu lang.

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