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    The Sadness
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Sadness

    Einer der wohl brutalsten Zombiefilme aller Zeiten!

    Von Björn Becher
    Bei unserer Nachricht zur Veröffentlichung des Trailers ließen wir uns zu der Feststellung hinreißen, dass die Untoten aus „The Walking Dead“ im Vergleich zu den Zombies aus „The Sadness“ wie „Luschen“ anmuten würden. Eine Überschriften-Übertreibung? Nein, im Gegenteil war das wohl sogar noch untertrieben: Die Infizierten im ultra-brutalen taiwanesischen Horror-Schocker stellen nun nämlich so ziemlich alles in den Schatten, was man in vergleichbaren Genre-Produktionen bisher gesehen hat – was zu einem Gore-Spektakel führt, das sein Publikum ganz bestimmt spalten wird. Denn der kanadische Regisseur Rob Jabbaz scheint bei seinem Langfilmdebüt nur wenig Grenzen zu kennen.

    Drastische Tötungen und sexuelle Gewaltakte werden in ihrer expliziten Umsetzung so sehr auf die Spitze getrieben, dass Altersfreigabebehörden in aller Welt sicherlich ihre „wahre Freude“ mit dem Film haben werden. Bei der heftigen Gewaltdarstellung mit vielen handgemachten Splatter-Szenen bleibt in einigen Momenten schon das Gefühl, dass es nur noch darum geht, die Spirale noch weiter zu drehen – und doch verkommt die Gewalt auch nicht zum puren Selbstzweck. Denn die absolute Schonungslosigkeit erzeugt ein Gefühl der Dauer-Anspannung, das „The Sadness“ nicht nur zum brutalsten, sondern auch zu einem der intensivsten Horrorfilme seit Jahren macht.

    In "The Sadness" wird viel und brutal gemordet.


    In Taiwan kursiert das Alvin-Virus schon so lange, dass die Bevölkerung es schon gar nicht mehr ernst nimmt. Es sei doch nur eine Erkältung, werden die Warnungen eines Forschers vor einer Mutation in den Wind geschossen. Auch Jim (Berant Zhu) macht sich wegen dem Virus keinen Kopf, als er seine Lebensgefährtin Kat (Regina Lei) zur U-Bahn bringt und danach noch Station in einem gut besuchten Café macht. Doch plötzlich stolpert eine blutüberströmte alte Frau herein und fängt an, Gäste und Personal zu attackieren. Immer mehr der Attackierten verwandeln sich selbst in mordlüsterne Bestien, nur Jim kann noch gerade so entkommen.

    Kat sitzt derweil in der vollbesetzten U-Bahn. Dort muss sie sich den Annäherungsversuchen eines schmierigen Geschäftsmanns (Tzu-Chiang Wang) erwehren, der ihr gesteht, sie seit Wochen zu beobachten. Aber dann zückt ein anderer Passagier plötzlich eine Waffe und sticht wahllos auf Menschen ein. Bald schon färbt sich das ganze U-Bahn-Abteil blutrot und Gedärme liegen auf dem Boden zerstreut. Mit der blinden Molly (Ying-Ru Chen) im Schlepptau tritt Kat die Flucht an...

    Schlaue "Zombies" mit Plan und Waffen


    Wie Jim und Kat versuchen, in einer im Chaos versinkenden Welt wieder zueinander zu finden, erweist sich als der wesentliche Handlungsmotor. Die Erzählung wechselt zwischen den beiden Perspektiven hin und her, ist aber über lange Zeit eh nur Mittel zum Zweck, um die Protagonist*innen in immer neue brenzlige Situationen zu führen – und vor allem, um sie dabei radikale Gewaltakte erleben und beobachten zu lassen.

    Die Infizierten in „The Sadness“ unterscheiden sich dabei deutlich von „herkömmlichen“ Zombies, weil sie weiterhin mit einem Großteil ihres menschlichen Bewusstseins agieren: Sie können rennen, sogar kooperieren und ganz normal Waffen einsetzen. Ihr Handeln wird nur von niederen Trieben (um einen millionenfachen Faktor verstärkt) bestimmt. Schulhof-Bullys drangsalieren weiter einen Mitschüler, nur ist es halt hundertmal brutaler, wenn sie sein Gemächt immer und immer wieder mit vollem Anlauf gegen einen mit Stacheldraht umwickelten Metallpfosten rammen - und der Geschäftsmann, der Kat wohl kaum zufällig an den Saum des Mini-Rocks gefasst hat, avanciert zum brutalen Serienvergewaltiger.

    Ein Psycho-Vergewaltiger macht Jagd auf Kat.


    Mit einem potenziellen Opfer vor sich kennen die Infizierten kein Halten mehr. Dann reicht ein einzelner Messerstich in die Halsschlagader eben nicht, stattdessen wird im Rausch immer wieder drauf eingestochen, bis alle Gedärme herausgerissen und alles blutbesudelt ist. Teilweise ist das beim Zusehen selbst für abgehärtete Horrorfans schwer erträglich. Jabbaz kennt keine Gnade (es gibt sogar eine Vergewaltigung in eine Augenhöhle). Gerade die Gewalt gegen Frauen ist oft unerträglich brutal. Er setzt zwar das vielen Splatterfilmen innewohnende Stilmittel der Überzeichnung ein, es wird aber trotzdem alles immer bitter-ernst vorgetragen. Nur eine Zombie-Sex-Orgie im Blutbad sorgt als herausstechend-grotesker Moment kurz für ein befreiendes Lachen, ist dann aber auch gleich wieder so intensiv, dass es einem direkt wieder im Halse stecken bleibt.

    Jabbaz zitiert dabei auch brutale Vorbilder wie Gaspar Noés „Irreversible“, in dem das letzte Mal ein Feuerlöscher so brutal zum Einsatz kam. Die Gewalt wirkt hier auch deshalb so unmittelbar, weil er auf (größtenteils qualitativ herausragende) handgemachte Effekte setzt. Schaffen CGI-Körperspaltungen und Pixelblut gerne auch mal eine gewisse Distanz, weil sie dann doch (bewusst oder unterbewusst) künstlich wirken, setzt „The Sadness“ auf hektoliterweise Kunstblut und täuschend echte Körperteilprothesen, die erst einmal abgeschlagen oder abgerissen sogar als Waffe zweckentfremdet werden können.

    Wirkt nur wie Kritik an der Corona-Politik


    Natürlich spielt Jabbaz mit seinem Film auch auf die aktuelle Corona-Krise und den womöglich zu sorglosen Umgang vieler mit dem Virus an, will ihn aber gerade nicht als Kritik an der Politik Taiwans verstanden wissen. Denn die im internationalen Vergleich besonders gut funktionierenden Maßnahmen des Inselstaates erlaubten es ihm schließlich überhaupt erst, seinen Film mitten in der Pandemie zu realisieren. Allerdings forderten laut Jabbaz seine Geldgeber einen Pandemie-Hintergrund für sein ultra-hartes Zombie-Splatter-Konzept – und so spielt „The Sadness“ laut ihm nun in „einem alternativen Taiwan“, das weniger gut auf ein ähnliches Virus reagiert hat.

    Das erschließt sich für ein unwissendes Publikum natürlich nicht, wirkt die (Über-)Zeichnung der Politiker doch wie ein sehr deutlicher (und eher platter) Corona-Kommentar. Vor allem trifft dies auf eine eher wie ein Fremdkörper wirkende Pressekonferenz des Präsidenten zu, die mit lächerlichen Durchhalteparolen beginnt und in einem sehr explosiven Finale mündet. Obwohl der Fokus in dieser Szene nicht auf den beiden Hauptfiguren liegt, ist sie doch ein gutes Beispiel dafür, wie es Jabbaz schafft, die Spannung durchgehend hochzuhalten. Weil seine Infizierten gerade keine Zombies sind, die selbst gebissen worden sein müssen, sondern es völlig ausreicht, das Virus im Blut zu tragen, geht von wirklich jeder Person eine potenzielle Gefahr aus. Immer wieder fängt die Kamera also die Gesichter der den Präsidenten beschützenden Soldaten ein: Ist der Schweißtropfen auf ihrer Stirn nur Ausdruck der eigenen Anspannung oder doch ein Vorzeichen für eine Infektion?

    Sie sind mit ihren schwarzen Augen klar als Infizierte zu erkennen.


    Selbst die kurzen Momente ohne Massaker lassen deshalb kaum mal Raum zum Durchatmen, sondern verstärken nur die Anspannung – denn jede Sekunde kann sich die Gewalt wieder bahnbrechen. Erst im finalen Drittel fällt „The Sadness“ etwas ab. Hier verwendet Jabbaz viel Zeit auf ein paar Erklärungen, die vielleicht gar nicht nötig gewesen wären, weil sie sein Geschehen auf den letzten Metern nur ausbremsen – und den meisten zudem eh längst klar sein dürfte, wohin der Hase läuft.

    Zumal schon vorher deutlich wurde, dass „The Sadness“ auch ein Film darüber ist, wie widerlich Menschen und vor allem nach Sex gierende Männer sein können. Der Haupt-Antagonist ist nicht umsonst ein Triebtäter – und ein vermeintlicher Retter erzeugt schon deshalb bei Kat sofort ein schlechtes Gefühl, weil er eine leicht bekleidete Manga-Figur mit übergroßem Busen auf seinem Handy-Sperrbildschirm hat. Dass man sich in der ersten Hälfte nicht ganz sicher sein kann, ob all die Rasenden wirklich infiziert sind oder einige Menschen nur in berauschter „Purge“-Stimmung mitmorden, -foltern und vergewaltigen, ist ebenfalls ein interessanter Ansatz. Doch der fällt schnell wieder runter beziehungsweise wird vom nächsten Gemetzel verschüttet.

    Fazit: „The Sadness“ ist ohne Frage einer der heftigsten Splatterfilme aller Zeiten. Doch auch jenseits der radikal-kompromisslosen „Habe ich das gerade wirklich gesehen?“- Gewalt gibt es genügend interessante Ideen, selbst wenn einige davon nur angeschnitten werden.

    Wir haben „The Sadness“ im Rahmen des Fantasia International Film Festival Montreal gesehen. In Deutschland wird er auf dem Fantasy Filmfest zu sehen sein.

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