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    Over & Out
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    2,0
    lau
    Over & Out

    Dann doch lieber Ibiza

    Von Karin Jirsak
    Eine Mädelsgang. Eine Hochzeit. Ein Trip in den Süden und die große Frage: Was kann da noch kommen mit Mitte/Ende 30? Aus ganz ähnlichen Zutaten mixte Alireza Golafshan vor wenigen Monaten in seiner All-Girl-Komödie „JGA: Jasmin. Gina. Anna.“ einen lockerleichten Ibiza-Cocktail, der uns noch im März dieses Jahres das Herz wärmte. Zum Ende des Sommers kommt das Thema tolle Frauen vs. Torschlusspanik nun nochmals ins Kino, und diesmal geht es ins schöne Italien. Im Gegensatz zu Golafshan gelingt es Julia Becker („Maybe, Baby!“) mit „Over & Out“ jedoch nicht, auf der Klaviatur der gemischten Gefühle die richtigen Tasten zu finden. Ein Grund dafür mag auch darin liegen, dass sich die schablonenhaften Figuren – eine verkörpert Becker gleich selbst – kaum als Sympathieträgerinnen eignen.

    Damals waren sie die vier „Muskeltiere“ (ja, mit „l“), heute fragen sie sich: Was ist nur mit uns passiert? Als Teenies hatten Maja (Nora Tschirner), Lea (Jessica Schwarz), Steffi (Julia Becker) und Toni (Petra Schmidt-Schaller) einander jedenfalls feierlich versprochen, den Hochzeiten der jeweils anderen beizuwohnen, komme, was da wolle! Dem Schwur folgend machen sich drei der Freundinnen nun auf gen Italien, um dort Maja bei ihrer Hochzeit mit Ahmed (verschenkt: Denis Moschitto) die Ehre zu erweisen. Maja ist allerdings nicht nur schwer verliebt, sondern hat auch noch eine „kleine Überraschung“ angekündigt – und die hat es in sich...

    Lea (Jessica Schwarz), Steffi (Julia Becker) und Toni (Petra Schmidt-Schaller) sind auf dem Weg nach Italien …


    Majas Überraschung, so viel sei verraten, ist ziemlich krank und dürfte nicht nur bei ihren Freundinnen für herunterklappte Kinnladen sorgen. Im weiteren Verlauf des anschließend umso mehr notwendigen Selbstfindungstrips per Auto durch Italien scheint sich Julia Becker, die auch das Drehbuch schrieb, oft nicht so ganz sicher zu sein, ob sie ihr Thema nun als Komödie oder Drama behandeln will. Das führt zu einem Mäandern und Wabern zwischen den Tonalitäten – nur der richtige Ton wird dabei fast nie getroffen. Dasselbe gilt für die Protagonistinnen. Da sagt beispielsweise Lea zur „Hausfrau und Mutter“ Steffi, als die im Lokal zahlen will: „Lass das mal die arbeitende Bevölkerung machen. Du kannst ja noch kurz das Auto durchsaugen.

    Ein Scherz, der (leider) keine Prügelei nach sich zieht. Vielleicht, weil er ziemlich exemplarisch dafür ist, wie die „Freundinnen“ miteinander umgehen, und das hat mit solidarischer Sisterhood so wirklich gar nichts zu tun. Vielmehr lässt jede ihren Frust an den jeweils anderen aus, und das mitzuerleben ist über weite Strecken eben alles andere als erfrischend. Zu keinem Zeitpunkt wird irgendwie fühlbar, was diese Vier nun verbindet oder je verbunden hat – außer Batida-Kirsch und einer in den 90ern gemeinsam einstudierten Choreografie zu einem Song der holländischen Boygroup Caught In The Act. Entsprechend (doppelt) unglaubwürdig ist auch die Prämisse, die dem von dem vom „Kleine Überraschung“-Twist angetriebenen Plot voransteht.

    … wo ihnen Maja (Nora Tschirner) nicht nur eine Hochzeit, sondern auch noch eine ziemlich krasse „keine Überraschung“ versprochen hat!


    Es folgt: Ein Roadtrip voller WTF-Momente! Damit diese Chaosreise aber auch ein Mindestmaß an „Spaß“ und vor allem die Wiederannäherung der Freundinnen bringt, sind viel Alkohol und harte Drogen notwendig, denn wie sonst sollte sich eine echte Bewusstseinsveränderung vollziehen? Ach ja: Gespräche, Gespräche, Gespräche. Abgesehen von der Midlife-Krise, die als Problemthema ja auch schon gereicht hätte, kommen darin noch so einige Probleme mehr ans Licht, die Lea und Co. mit sich selbst und miteinander haben. Unnötige und plumpe Gewichte, die die ohnehin nicht eben leichtfüßige Erzählung noch weiter herunterziehen.

    Plump auch die Zeichnung der Figuren: Lea, die kinderlose, weil karriereorientierte Karrierefrau; Toni, der kinderlose, weil bindungsängstliche Rockstar (!); die karrierelose Steffi, die nach eigenem Bekunden zur Care-Arbeiterin geworden ist, weil sie mit sich einfach nichts anderes anzufangen wusste. Ach ja, und Maja natürlich, von der wir kaum mehr erfahren, als dass sie ein „verrücktes Huhn“ ist. Traurigerweise fällt Julia Becker zu ihren Heldinnen wirklich wenig ein, was über diese Schablonen aus der Vorabendserien-Mottenkiste hinausweist. Da hilft es auch nichts, wenn Jessica Schwarz noch so energisch in Tigermanier faucht und ihre Krallen zeigt, um eine Bande italienischer Jugendlicher vom Auto zu verjagen – eine Szene, die für den bemühten Humor von „Over & Out“ ebenso repräsentativ ist wie ein im Kofferraum losgehender Vibrator.

    Fazit: Viel Unglaubwürdiges, wenig Sympathisches: Ein Mädels-Roadtrip, der auch deshalb kein Feelgood-Feeling mit sich bringt, weil Julia Becker die Heldinnen ihrer zweiten Regiearbeit mit allzu konstruierten Problemen überfrachtet.

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