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    Forest - I See You Everywhere
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,0
    stark
    Forest - I See You Everywhere

    Wer ist schuld? (Harry Potter natürlich!)

    Von Christoph Petersen
    Man sollte sich beim Schauen des in sieben Miniaturen angeordneten „Forest – I See You Everywhere“ möglichst schnell von dem Gefühl befreien, dass man als Zuschauer*in womöglich den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht erkennt. Zwar eröffnet Regisseur Benedek Fliegauf seinen Reigen mit einer Teenagerin, die ihren Großvater scheinbar leblos in seinem Ohrensessel vorfindet – und erst ganz am Schluss, wenn der Film noch einmal kurz zur ersten Episode zurückkehrt, erfahren wir, ob er auch wirklich tot dort sitzt oder doch nur tief schläft. Aber die gleich doppelte kreisförmige Anordnung, einmal im Film selbst und einmal durch den Titel, der auf Fliegaufs Regiedebüt „Forest“ von 2003 zurückverweist, ist eine Täuschung – ebenso wie gewisse Phrasen oder Gegenstände, die in späteren Szenen plötzlich wieder auftauchen und so eine direkte Verbindung zwischen den Episoden andeuten.

    Stattdessen fließt in „Forest – I See You Everywhere“ alles ineinander. Die Geschichte einer Schülerin, die am nächsten Tag vor der Klasse einen Vortrag halten will, in dem sie fein säuberlich herleitet, warum ihr Vater die Schuld am Unfalltod ihrer Mutter trägt. Dabei ist doch klar, dass Harry Potter an allem schuld ist – wie die strenggläubige alleinerziehende Mutter ihrem Fantasy-Rollenspielen zuneigenden Teenager-Sohn zu verklickern versucht, bevor der sie mit aller Ruhe und Rationalität in ihre argumentativen Schranken weist. Oder vielleicht doch der Esoterik-Flüsterer, der einer schwer an Brustkrebs erkrankten Frau eingeredet hat, dass nur ihre Familie an dem Tumor schuld ist – während er ihr im selben Moment all ihr Geld aus den Rippen leiert. Wenn man doch jetzt nur jemanden hätte, der solche Typen aus dem Weg räumen könnte…

    Anfang und Ende des Films: Die Hand der Enkelin streift die ihres scheinbar leblosen Großvaters.


    Immer wenn man glaubt, das Muster hinter den Mini-Geschichten endgültig durchschaut zu haben, reißt einen Benedek Fliegauf mit einer weiteren Überraschung jäh aus dieser Illusion heraus: Jede Miniatur besteht aus zwei Personen, die miteinander diskutieren? Pustekuchen – plötzlich gibt es in einer Episode drei Protagonisten. Die Geschichten sind trotz Ambivalenzen in der Schuldfrage relativ geradlinig? Pustekuchen – plötzlich öffnet der ältere Mann, der gemeinsam mit seiner 20 Jahre jüngeren Frau den Verlust einer Tochter betrauert, den Kleiderschrank. TWIST! Es ist alles total tragisch und traurig und ernst – da argumentiert der religionsgeplagte Teenager seine sofort überforderte Mutter an die Wand, dass der plötzlich Wechsel der familiären Machtverhältnisse eine wahre Freude ist.

    Auch innerhalb der Episoden hält einen Benedek Fliegauf konsequent auf Trab – vor allem, da die meisten Geschichten damit beginnen, dass zunächst einmal eine Partei die ganze Situation ausführlich erklärt, bevor das Gegenüber schon mit seinen ersten Worten eine ganz neue Perspektive auf das vermeintlich klare Geschehen eröffnet und so das zuvor vom Publikum errichtete, nur vermeintlich stabile Kartenhaus gleich wieder umschubst: Ein unruhig im Zimmer umherstreunender junger Mann erzählt in aller Ausführlichkeit minutenlang die Geschichte von der Frau mit dem Brustkrebs. Aber wer ist der ältere Herr, der ganz ruhig auf dem Sofa sitzt und ihm lauscht. Der Vater der Frau? Oder zumindest ein guter Freund? Ihr erratet es schon: Pustekuchen! Da schlägt der ansonsten so reduziert-ernste Film sogar noch einen kurzen Bogen ins Genrekino…

    Ganz nah dran


    Aber nur weil es keine offensichtliche inhaltliche Verbindung gibt, abgesehen von gewissen Geistern der Vergangenheit, die durch alle Episoden zu spuken scheinen, heißt das natürlich noch lange nicht, dass Benedek Fliegauf einfach nur irgendwelche zufälligen Geschichten aneinandergereiht hat. Ganz im Gegenteil: Die grobkörnige Handkamera von Mátyás Gyuricza und Ákos Nyoszoli, die ganz nah dran ist an den Figuren, meist ihre Gesichter aus geringem Abstand einfängt und nur zwischendrin immer wieder zu ihren verräterisch unruhigen Händen hinabgleitet, schafft einen nie abreißenden Fluss auch zwischen den einzelnen Miniaturen, der es überhaupt erst ermöglicht, dass sich nach und nach ein fesselnder Sog entwickelt, der selbst mit dem Rollen des Abspann (von oben nach unten) noch nicht sofort wieder nachlässt.

    Fazit: Mit seinen sieben radikal reduzierten Miniaturen erzeugt Benedek Fliegauf einen unglaublich intensiven, intimen und in den besten Momenten sogar hypnotischen Sog. Man muss sich nur drauf einlassen, statt seine Gedanken an die Suche nach dem titelgebenden Wald zu verschwenden…

    Wir haben „Forest – I See You Everywhere“ im Rahmen der Berlinale 2021 gesehen, wo er in den offiziellen Wettbewerb eingeladen wurde.

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