Eine filmgewordene Dad-Rock-Compilation
Von Michael BendixWie viel man mit den Filmen von John Carney anzufangen weiß, steht und fällt wahrscheinlich entscheidend damit, wie man selbst auf Musik blickt. Seit der Ire vor fast 20 Jahren mit „Once“ einen ungemein profitablen Überraschungshit landete – die Straßenmusik-Romanze spielte das 140-Fache ihres schmalen Budgets von 112.000 Euro ein –, dreht er unaufhörlich Filme über Musik als Selbstfindungsmotor, Wahrheitsträger und Gemeinschaftsstifter. Wobei diese Aussage spezifiziert werden muss: Carney, der gemeinsam mit „Once“-Hauptdarsteller Glen Hansard auch Teil der Rockband The Frames ist, geht es in Filmen wie „Can A Song Save Your Life?“ oder nun auch „Power Ballad – Der Song meines Lebens“ nicht nur um Musik. Es geht ihm um „richtige“, um „ehrliche“ Musik.
Ein Song ist bei ihm nur dann etwas wert, wenn er direkt vom Herzen in die Hand fließt. Fehlen seinen Figuren die richtigen Worte, schreiben sie sich ihre Gefühle in Form von erdig-intimem Singer-Songwriter-Folk vom Leib, und manchmal landen sie damit im Vorbeigehen sogar einen Welthit. Schließlich sehnen sich die Menschen heimlich nach emotionaler und akustischer Reinheit. Entsprechend treten Produzent*innen und andere Vertreter*innen der Musikindustrie in seinen Filmen meist als Antagonist*innen auf, die das Ideal der Unmittelbarkeit korrumpieren.
Leonine
In den 2000er- und 2010er-Jahren traf Carney mit dieser im Kern essentialistischen Form von Indie-Romantik einen Nerv. Spätestens in „Power Ballad“ wirkt die verbissene Haltung des Regisseurs jedoch nur noch antiquiert. Folgerichtig sind auch seine Protagonisten älter geworden: Rick Power (Paul Rudd) dürfte die 50 schon deutlich überschritten haben. Im Film dauert es höchstens zehn Minuten, bis er und seine Band-Kollegen – allesamt verschrobene Iren mit Manchild-Attitüde – gemeinsam über den Tod der Rockmusik lamentieren. Stein des Anstoßes ist die Nachricht, dass Popstar Danny Wilson (Nick Jonas, ein Drittel der Jonas Brothers) bei der Hochzeit zu Gast sein soll, auf der sie in ihrer Funktion als Mietband The Bride And The Groove auftreten sollen.
„Musik ist heute nur noch Content“, heißt es, als sie ratlos ein Video seiner enorm populären Ex-Boyband schauen. Umso größer ist für Rick zunächst die Überraschung, als er diesem Danny Wilson leibhaftig gegenübersteht. Zwar ist er im ersten Moment alles andere als glücklich darüber, auf ausdrücklichen Wunsch der Braut die Bühne mit dem Teenie-Idol teilen zu müssen – doch zu Stevie Wonders „I Wish“ finden die beiden schnell einen gemeinsamen Groove. Einen geteilten Joint später bonden Rick und Danny über Gitarrenmodelle und Tom Petty, und in Dannys luxuriöser Unterkunft wird die halbe Nacht an neuen Songs geschraubt.
Leonine
Es könnte der Beginn einer wunderbaren Große-Jungs-Freundschaft sein, aber Rick hätte lieber seinem ursprünglichen Bauchgefühl vertrauen sollen. Denn der Song, der einige Zeit später aus den Lautsprechern des örtlichen Shopping-Centers tönt, kommt ihm aus guten Gründen sofort bekannt vor. Es handelt sich um die Powerballade „A Song (Without You)“, die Rick dem Weltstar bei ihrer nächtlichen Jam-Session unter vier Augen vorgespielt hat. Während Danny also die Charts stürmt, geht Rick – dessen eigene musikalische Ambitionen nie zum großen Erfolg geführt haben – wieder einmal leer aus.
Das Problem: Es existieren keinerlei Aufnahmen, die beweisen würden, dass nicht Danny, sondern Rick den Song geschrieben hat – und weder seine Frau Rachel (Marcella Plunkett) noch Tochter Aja (Beth Fallon) wollen dem mitten in der Midlife Crisis steckenden Rick so recht glauben. Packt Danny zwischendurch doch mal das schlechte Gewissen, fungieren Manager Mac (Jack Reynor) und die Plattenfirma als Einflüsterer. Trotzdem ist Rick fest entschlossen, sich das gestohlene Liedgut mit Unterstützung seines Bandkumpels Sandy (Peter McDonald) zurückzuholen …
Dass „Power Ballad“ so abgehängt ist wie sein Dad-Lederjacke tragender Protagonist, lässt sich an dem im Zentrum stehenden Song gut abhören: Es ist mindestens unwahrscheinlich, dass ein derart austauschbares Stück Feuerzeugschwenker-Poprock heute das Zeug zum globalen Phänomen hätte. Die popmusikalische Gegenwart ist nicht nur in klangästhetischer Hinsicht diverser denn je, Pop kann Gegenstand und Auslöser von Diskursen sein, Konzept- und Performancekunst, persönlich und artifiziell zugleich. All das findet bei John Carney aber nicht statt: Auch zwei Jahrzehnte nach „Once“ gibt es für ihn nur wahrhaftiges Gefühls-Handwerk und das zynische Kalkül der Industrie. Selbstredend wird mehrmals moniert, wie Dannys Song durch sterile Überproduktion entstellt und verwässert wurde.
Es gibt Momente, die einen reizvolleren Film immerhin in Aussicht stellen: Wenn Danny zu Hause „A Song (Without You)“ anstimmt und seiner Freundin Marcia (Havana Rose Liu) über die vermeintliche Echtheit des Gehörten die Tränen kommen, entsteht ein möglicher Ansatz, den eigenen Authentizitätskitsch zu hinterfragen. Aber Carney meint das natürlich anders: Zwar hat Danny das Stück als Liebeslied missverstanden, doch es ist per se authentisch, weil Rick es einst seinen wachsenden Vatergefühlen abgerungen hat. Auch wenn sich Rick irgendwann in einen ausgewachsenen Meltdown bis hin zum Hausfriedensbruch hineinsteigert, verharrt „Power Ballad“ konsequent im Modus wehleidiger Middle-Aged-Men-Befindlichkeiten.
Das ist besonders schade, weil er mit Paul Rudd einen Hauptdarsteller hat, dem man dringend mal wieder eine gute Komödie wünschen würde. Doch Carney ist definitiv der falsche, um mit den ganz spezifischen Qualitäten des „Trauzeuge gesucht!“-Darstellers – irgendwo zwischen selbstironischem Everyman-Appeal, müheloser Alterslosigkeit und einem Hauch klassischen Old-Hollywood-Charmes – etwas anfangen zu können. Die Besetzung von Nick Jonas ist auf dem Papier ein interessanter Meta-Casting-Schachzug, aber letztlich muss seine Figur zu viel Agenda schultern.
„Power Ballad“ fehlt es auch darüber hinaus entschieden an Pointen und an Drive, um als Komödie durchzugehen – ehe der Film überhaupt zu seinem Kernkonflikt durchdringt, vergeht eine ziemlich zähe erste Dreiviertelstunde mit Bandauftritten und Songwriting-Montagen. Wesentlich dynamischer ist aber auch die zweite Hälfte nicht, bis „Power Ballad“ auf einer süßlichen und etwas unentschlossenen Note endet: Echter Reichtum besteht darin, authentisch zu bleiben und von seiner Familie geliebt zu werden – aber Geld ist auch ganz cool.
Fazit: Natürlich ist es das gute Recht eines jeden Regisseurs, eine konsequent subjektive Perspektive einzunehmen – doch John Carneys stur konservativer Blick auf (Pop-)Musik wirkt im Jahr 2026 nur noch anachronistisch. Nicht einmal der sonst so großartige Paul Rudd kann so verhindern, dass „Power Ballad“ in rückwärtsgewandter Midlife-Larmoyanz versinkt.