Das geträumte Abenteuer
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Das geträumte Abenteuer

Von Schatzsuchern und Grenzgängern

Von Christoph Petersen

Ich werde Meinhard Neumann mein Leben lang nicht vergessen! In seinem bislang einzigen Film verkörpert der Laiendarsteller einen deutschen Montagearbeiter, der mit seinen Kollegen einem bulgarischen Dorf (vermeintlichen) Fortschritt in Form eines Wasserkraftwerks bringt. Allerdings heißt der Film nicht umsonst „Western“: Die angereisten Arbeiter errichten ein „Fort“ samt Deutschlandfahnen, reiten wilde Pferde – und Meinhard Neumann erinnert im sich anbahnenden Konflikt mit den Einheimischen unweigerlich an den ikonisch-stoischen Westernhelden Clint Eastwood. Zumindest bis er in der besten Szene des Films zu tanzen anfängt.

Die in Bremen geborene Regisseurin Valeska Grisebach („Sehnsucht“) hat es 2017 mit „Western“ bis in die zweitwichtigste Cannes-Sektion Un Certain Regard geschafft. Acht Jahre später hat es bei „Das geträumte Abenteuer“ sogar für den Wettbewerb gereicht. Trotzdem war ich zunächst kurz enttäuscht, als mir das Gesicht des Hauptdarstellers Syuleyman Alilov Letifov sofort bekannt vorkam. Diesmal also nicht wieder Laien, sondern professionelle Darsteller*innen? Aber Pustekuchen! Letifov hat zuvor nur in einem Film mitgespielt: „Western“! Anscheinend kann ich auch ihn nicht vergessen. Grisebach hat offensichtlich ein Gespür für Gesichter, die sich in nur zwei Stunden so tief ins Gehirn einbrennen wie selbst langjährige Schulkamerad*innen oft nicht.

Mit Jana Radewa als Veska hat Valeska Grisebach die nächste Laiendarstellerin gefunden, die einem auch nach dem Rollen des Abspanns einfach nicht aus dem Kopf geht. Piffl Medien
Mit Jana Radewa als Veska hat Valeska Grisebach die nächste Laiendarstellerin gefunden, die einem auch nach dem Rollen des Abspanns einfach nicht aus dem Kopf geht.

Letifov spielt Said, einen Bauunternehmer, der aus den Rhodopen in seine alte Heimat Swilengrad im Dreiländereck zwischen Bulgarien, Türkei und Griechenland zurückkehrt. Eigentlich will er hier nur einen Diesel-Deal mit einem örtlichen Jung-Mafioso namens Der Rabe über die Bühne bringen. Aber als sein Auto gestohlen wird, steckt er erst einmal fest. Zum Glück trifft er mit Veska (Jana Radewa) eine alte Freundin, die die Ausgrabungen rund um eine nahegelegene Burgruine leitet. Als Said irgendwann einfach verschwindet, übernimmt sie mit einer Freundin den Tankwagen voller Diesel für ihn – und schlittert so mitten hinein in eine Fehde zwischen den zwei örtlichen Mafia-Paten …

Veska, die Barbarin

Aber damit jetzt gar nicht erst Missverständnisse aufkommen: „Das geträumte Abenteuer“ ist natürlich kein Gangsterfilm. Richtig ungemütlich wird es aber trotzdem. Überall hängen Poster vermisster Personen; einmal heißt es, Swilengrad würde dort beginnen, wo das Gesetz endet. In dieser Umgebung wäre selbst die hochgebildete Veska lieber wie Arnold Schwarzenegger in „Conan, der Barbar“ – und wahrscheinlich spielt auch eine gewisse Resignation vor den patriarchalischen Zuständen eine Rolle, wenn sie sich irgendwann schlichtweg weigert, weiter vor den Mafia-Machos zu kuschen. Da scheint selbst die größte Katastrophe immer nur Sekunden entfernt – und man kann mitunter kaum anders, als durch die Finger zur Leinwand zu schauen.

Es kann dabei eigentlich kein Zufall sein, dass die Heldin des Films Veska heißt – und damit nur die Buchstaben „al“ vom Vornamen der Regisseurin entfernt ist: Wie die Archäologin Veska im sandigen Boden vor der Turmruine, deren Auffahrt so spitzsteinig ist, dass die Autos immer nur mit platten Reifen oben ankommen, gräbt auch ihre Fast-Namensvetterin immer tiefer. Schon während der Arbeit an „Western“ führte Valeska Grisebach viele Gespräche über die Erfahrungen speziell nach den ersten freien Wahlen 1990 – und die ständigen Rückschläge, die die bulgarische Bevölkerung seitdem immer wieder einstecken musste.

Ein Film wie eine Ausgrabung

Said musste schon im Alter von 12 und 15 als Folge der staatlichen Assimilationspolitik gleich zwei Mal seinen Namen ändern. „Das geträumte Abenteuer“ ist voll von solchen hochgradig spezifischen Anekdoten, die meist an Orten und von Menschen erzählt werden, die ganz eindeutig keine Sets und keine Schauspieler*innen sind. Valeska Grisebach entwirft das umfassende Bild einer gescheiterten Region, in der am Ende immer wieder die Frauen, Alten und Schwachen die Opfer sind.

Viele der Figuren schauen nur für wenige Minuten vorbei und kommen dann auch nicht unbedingt wieder vor – und selbst der (vermeintliche) Protagonist verschwindet schon mal plötzlich für eine gute Stunde aus seinem eigenen Film. Das verleiht „Das geträumte Abenteuer“ nicht nur ein extra Maß an Authentizität, er bleibt auch bis zur letzten Einstellung absolut unvorhersehbar. Zugleich mäandert der Film ohne ein zumindest rudimentäres Genre-Gerüst wie noch in „Western“ aber zwischendurch – und das könnte gerade in Anbetracht der Spieldauer von fast drei Stunden für manche durchaus zum Problem werden.

Fazit: Nach „Western“ ist Valeska Grisebach Bulgarien treu geblieben und hat dort in persönlichen Gesprächen immer weiter gegraben nach authentischen, spannenden und erschütternden Geschichten. Dabei ist sie erneut auf cineastisches Gold gestoßen, selbst wenn sie die Geduld des Publikums mit 167 Minuten diesmal mehr als noch in „Western“ herausfordert.

Wir haben „Das geträumte Abenteuer“ beim Filmfestival von Cannes 2026 gesehen, wo der Film seine Weltpremiere im offiziellen Wettbewerb gefeiert hat.

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