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    Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?

    Was wir sehen, wenn wir einen Film von Alexandre Koberidze schauen

    Von FILMSTARTS-Team
    Der erste lange Film des georgischen Filmemachers Alexandre Koberidze ist das bestgehütete Geheimnis der jüngeren Cinephilie. Dreieinhalb Stunden lang und mit einer extrem niedrig auflösenden Handykamera gefilmt, erzählt „Let The Summer Never Come Again“ eine Kriminalgeschichte aus einer Art literarisierten Distanz und entwirft dabei maximal fragile Bilder, die sich immer wieder in Pixelschwärme aufzulösen drohen, um in letzter Sekunde doch noch irgendwie zusammenzuhalten. „Let The Summer Never Come Again“ lässt sich lustvoll an allen Ecken von der eher beiläufig über die Bilder gelegten Erzählung ablenken, um dann stattdessen eine Weile lang irgendwo ganz anders hinzuschauen – und wird so zur gänzlich einzigartigen Low-Res-Sinfonie einer Großstadt (diesmal allerdings nicht von Berlin, obwohl der Regisseur an der hiesigen dffb studiert, sondern von Tiflis).

    Nach der Premiere im Rahmen der alljährlich die Berlinale begleitenden Woche der Kritik im Februar 2017, wo sich eine überschaubare Zahl umso euphorischerer Zuschauer*innen auf den mehrstündigen Trip in eine sich ganz neu anfühlende Art Kino einließ, verschwand „Let The Summer Never Come Again“ in einer Versenkung, aus der er nur für sehr vereinzelte weitere Festivalscreenings kurz wieder auftauchte. Einen Verleih hat das eigensinnige Digitalkinomeisterwerk bis heute nicht gefunden, sehen konnte man es jahrelang nirgends, bis es kürzlich zumindest auf einem kleinen Streamingportal aus der Versenkung auftauchte. Nur das wieder und wieder aufblitzende Schwärmen der wenigen Eingeweihten, die ihn 2017 tatsächlich gesehen haben, sorgte dafür, dass seine Existenz wie ein Phantom der cinephilen Welt stets aufs Neue raunend heraufbeschworen wurde.

    Eine magische erste Begegnung!


    Mit seinem zweiten abendfüllenden Film wurde der 1984 geborene Regisseur jetzt direkt in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen – vollkommen verdientermaßen, aber in Anbetracht des Verschwindens des Vorgängers trotzdem überraschend. So steht zu hoffen, dass der Name Alexandre Koberidze bald auch außerhalb des engen Zirkels Eingeweihter an Bekanntheit gewinnen wird, denn auch sein Abschlussfilm „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ ist erneut ein kleines Wunder. Alles beginnt mit einer zauberhaften Begegnung, die Koberidze wie einen Tanz inszeniert: Nur von der Hüfte abwärts filmt er seine Protagonist*innen Lisa und Giorgi, die auf der Straße ineinanderlaufen, um Verzeihung bitten, sich umeinanderdrehen und, wie verhext, jeweils in die falsche Richtung weitergehen. Also müssen sie sich umdrehen und wieder ineianderlaufen. Zweimal. Ihre Gesichter sind nicht zu sehen, und im Grunde sind sie auch nicht so wichtig, denn die beiden, die sich hier unsterblich ineinander verlieben, werden ohnehin bald andere haben.

    Denn ebenso märchenhaft wie die erste Begegnung ist auch der Fluch, der Lisa von einem Baumsetzling, einer Überwachungskamera, einer Regenrinne und vom Wind verkündet wird. Beide erwachen am nächsten Morgen als Andere, mit neuen Gesichtern – so ist es ihnen unmöglich, den anderen bei der am Vorabend vereinbarten Verabredung in einer Bierbar am Fluss zu erkennen. In der ungebrochenen Hoffnung, einander wiederzufinden, nehmen beide unabhängig voneinander einen Job von dem Betreiber der Bar an (ihrer bisherigen größten Talente, Medizin und Fußball, wurden sie gemeinsam mit ihrer Erscheinung ohnehin beraubt). So beginnt ein neues Leben, ganz nah beieinander und doch durch eine scheinbar unüberwindbare Distanz getrennt.

    Die Reckstange ist wieder da


    Lisa arbeitet als Kellnerin, Giorgi stellt auf einer Brücke in Sichtweite eine mobile Reckstange auf, an der Passanten in einer Art Wettspiel ihr Glück versuchen, um ein paar Lari zu verdienen. Wer sich zwei Minuten an den Armen hängend daran festhalten kann, gewinnt einen kleinen Betrag – ein Spiel, das bereits in „Let The Summer Never Come Again“ eine Rolle spielte und das bisher in sechs Kinostunden niemand meistern konnte. Wir sind gespannt, in wie vielen Filmen die Stange noch zum Einsatz kommt – und ob es Koberidze irgendwann doch mal jemandem gönnt, als Gewinner von ihr wegzugehen.

    Insgesamt wirkt Koberidzes zweiter Film etwas fokussierter auf den Plot, der ihn zusammenhält. Im Vorgänger schweiften der Blick, die Aufmerksamkeit wie auch die Pixel der hingetupften, in ihrer Rohheit geradezu impressionistisch anmutenden Digitalbilder noch weiter umher, um mal an diesem, mal an jenem für einen Moment hängenzubleiben und immer wieder aufs Neue zusammenzufinden. „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ ließe sich hingegen eher in die Kategorie des magischen Realismus einordnen, bleibt aber gleichwohl jederzeit erkennbar eine Arbeit desselben Filmemachers, dessen ziemlich einzigartige Handschrift aus dem Gegenwartskino heraussticht.

    Am nächsten Morgen wacht Lisa mit einem ganz neuen Gesicht auf.


    Denn auch wenn Koberidze hier den zentralen roten Faden seines kontemporären Stadtmärchens etwas straffer spannt als im Debüt und so auch den nicht ganz so Experimentier- und Flanierfreudigen unter den Kinozuschauer*innen die Möglichkeit anbietet, zweieinhalb Stunden lang bei der Sache und in die Liebesgeschichte von Lisa und Giorgi involviert zu bleiben, bedeutet das nicht, dass sich „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ auf diese Plotebene beschränken ließe. Semidokumentarische Beobachtungen aus dem georgischen Städtchen Kutaissi und poetische Miniaturen, die ganz für sich stehen, schleichen sich stetig ein, und Koberidze zelebriert dabei die Schönheit der Abschweifung als Kunstform aufs Entschiedenste.

    Das Kutaissi des Films ist eine Stadt, in der sich Hunde zum Fußballschauen in ihrer Lieblingsbar verabreden und Katzen sich auf nächtlichen Straßen in Luft auflösen. Eine fiktive Fußball-WM schlägt in dem Sommer, der entgegen der finsteren Prophezeiung im Titel des Vorgängers doch zurückgekommen ist, die ganze Stadt in ihren Bann, während Gianna Nannini in „Un'estate italiana“ die „notti magiche“ der italienischen WM 1990 besingt, das Gesicht des argentinischen Fußballmagiers Messi erscheint auf Fresken und Statuen projiziert wie ein Heiligenbildnis, und wenn nur alle genug hoffen, wird das Team des größten Unvollendeten der Fußballgeschichte am Ende doch Weltmeister (selbst wenn in der Realität Mario Götze diesen Traum in der 113. Minute platzen ließ).

    Das Kino muss es mal wieder richten


    Auch für die beiden Liebenden, das ist an dieser Stelle wohl nicht zu viel verraten, geschieht am Ende, was in jedem guten Märchen geschehen muss, und so finden Lisa und Giorgi ihr Happy End und wieder zueinander. Auf dem Weg dahin spielt das Kino selbst eine gewichtige Rolle, und so wird „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ zu einer bezaubernden Beschwörung nicht nur der Abschweifung und des Zufalls, sondern auch der poetischen Kraft des Kinos selbst.

    In einem Kino verliert sich dann auch die Spur des wiedervereinten Paares, was uns aber nicht traurig stimmen sollte, ereignen sich doch täglich zahllose, nicht weniger aufregende Abenteuer, überall um uns herum. So gibt uns jedenfalls der Off-Erzähler mit auf den Weg zurück in den Alltag, auch wenn er seine eigene Unzuverlässigkeit durchaus zu bedenken gibt – und immer mal wieder, zwischen den Bildern und den eigenen Zauberkunststückchen, anmahnt, welch katastrophale Weltlage wir eigentlich zu vergessen versuchen, wann immer wir uns einen Film lang in die Hände eines Kinomagiers wie Alexandre Koberidze begeben.

    Fazit: Mit Alexandre Koberidze betritt ein junger Filmemacher mit einer einzigartigen, aufregend neuen Handschrift die Bühne des Weltkinos. Sein zweiter Film „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ ist gleichermaßen magisches Liebesmärchen, semidokumentarische Stadtsinfonie und Ode an die Poesie des Kinos.

    Eine Filmkritik von Jochen Werner

    Wir haben „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ im Rahmen der Berlinale 2021 gesehen, wo er in den offiziellen Wettbewerb eingeladen wurde.

     

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