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    Rheingold
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Rheingold

    Zu viel Heist! Oder zu wenig?

    Von Oliver Kube
    Nach seinem verstörenden FSK-18-Serienkiller-Schocker „Der goldene Handschuh“ widmet sich „Gegen die Wand“-Regisseur Fatih Akin nun erneut einer True-Crime-Story – dieses Mal allerdings verpackt in ein Musiker-Biopic über den Bonner Gangster-Rapper Xatar alias Giwar Hajabi. Der nahm sein erstes Erfolgsalbum einst mit einem ins Gefängnis eingeschmuggelten Diktiergerät in seiner Zelle auf – und ist mittlerweile nicht nur einer der größten Rap-Stars Deutschlands, sondern dazu auch noch erfolgreicher Unternehmer und Gastronom. „Rheingold“ fühlt sich dabei – trotz der bedrückenden Szenen aus der Jugend des Protagonisten sowie diverser deftiger Gewaltspitzen – deutlich leichter und lockerer an als „Der goldene Handschuh“. Die Konzentration des Drehbuchs auf die kriminellen Machenschaften des (Anti-)Helden führt aber zu erzählerischen Unebenheiten und Längen. So kommt der Film speziell im zweiten Teil zerfahren und unentschlossen daher. Auch weil die Momente, in denen Xatar dann doch mal als Musiker gezeigt wird, fast schon alibihaft eingeschoben wirken.

    Zu Beginn der 1980er Jahre flüchten seine Orchestermusiker-Eltern mit dem kleinen Giwar aus dem Iran in den Irak. Aber auch dort haben die Hajabis wegen ihrer kurdischen Abstammung Probleme. Als der Junge drei Jahre alt ist, kommen sie ins Gefängnis. Giwar bleibt bei der Mutter und wächst eine Zeit lang hinter Gittern auf. Mit Hilfe des Internationalen Roten Kreuzes kann die Familie irgendwann in Richtung Westeuropa ausreisen. Der Vater findet als Komponist und Dirigent eine Anstellung an der Bonner Oper, lässt seine Familie aber bald wegen einer anderen Frau im Stich. Giwar entdeckt als Teenager (Ilyes Moutaoukkil) unterdessen seine Liebe zum Hip-Hop. Aufgrund seines beachtlichen Einfallsreichtums und seiner unbedingten Gewaltbereitschaft steigt Giwar als Erwachsener (Emilio Sakraya) aber erstmal vom Kleinkriminellen zum Großdealer auf. Als ihm durch einen dummen Zufall eine Riesenladung Kokain verloren geht, zieht er mit seinen besten Freunden aus der Not heraus einen völlig verrückt anmutenden Goldraub durch…

    Giwar alias Xatar (Emilio Sakraya) schreibt seine erste Hit-Platte heimlich hinter Gittern!


    Klar, der Goldraub ist eine Wahnsinns-Story – gerade weil sie mehr oder weniger tatsächlich so passiert ist. Der Coup sowie seine direkten Nachwirkungen nehmen in „Rheingold“ aber dennoch zu viel Platz ein. Das Ganze ist zwar flüssig geschrieben, unterhaltsam gespielt und gut inszeniert – und obwohl der Ausgang der Aktion vielen bekannt sein dürfte, fiebert man als Zuschauer*in mit und hat sogar richtig Spaß daran, schließlich sorgt die Sequenz doch für einige der besten Lacher im Film. Durchaus amüsant wird nahezu jedes Detail des Überfalls – vom Auskundschaften bis zur Verurteilung zwei Jahre später – haarklein aufgedröselt. Akin macht sich dabei über die Dusseligkeit und Leichtgläubigkeit der Polizei lustig.

    Er zeigt uns, dass Xatar & Co. sogar noch Beute liegen lassen müssen, weil es einfach zu viel Gold zum Abtransportieren ist. Dazu schildert er die Flucht über Moskau in den Irak plus die Auslieferung zurück nach Deutschland ebenfalls sehr detailliert. Das alles wäre sicher einen eigenen klassischen Heist-Film wert gewesen. Vielleicht hätte Akin auch lieber diesen drehen sollen, anstatt zu versuchen, auch noch ein Biopic drumherum zu stricken, dessen erzählerischer Fluss von der Aktion über weite Strecken komplett an den Rand gedrängt wird. Denn charakterlich bringt die überlange Episode den Protagonisten nicht vorwärts.

    Die wenig schlüssig Wandlung vom Saulus zum Paulus


    Wie der brave Junge mit Interesse an Hip-Hop zu einem Kriminellen mutiert, stellt „Rheingold“ zu Beginn noch sehr schlüssig dar. Warum aus dem jahrelang im Knast sitzenden Gangster später dann ein Rapper wird, ist im finalen Part indes arg holprig und konstruiert erzählt. Der ehrliche Wunsch oder gar die Bestimmung Xatars Musik machen zu wollen, kommt einfach nicht bei den Zuschauer*innen an. Es wirkt eher so, als ob dies nur aus Langeweile hinter Gittern geschah, nicht aber aus dem ehrlichen Wunsch heraus, sich kreativ ausdrücken oder gar seinen Lebensstil grundlegend verändern zu wollen.

    Sicher, noch in Freiheit trifft sich Giwar alias Xatar schon ein, zwei Mal kurz mit seinem späteren Produzenten (wie zuletzt in „Over & Out“ mehr oder weniger verschenkt: Denis Moschitto). Und zwischendurch versucht er auch andere Gangster als Rapper für sein zu diesem Zeitpunkt noch in den Kinderschuhen steckendes Label unter Vertrag zu nehmen. Beides erscheint in Bezug auf die verwendete Screentime aber arg nebensächlich, teilweise gar unmotiviert eingestreut. So entsteht der Eindruck, dass Xatar, wäre er nicht bei diesem Goldraub geschnappt worden, wohl immer noch Dinger drehen würde und bis heute eher keine Platte veröffentlicht hätte. Das wäre ja auch völlig okay, wenn uns „Rheingold“ den Mann am Ende nicht zeitgleich auch noch als eine Art visionären Künstler mit Masterplan verkaufen würde. Diese Metamorphose vom Saulus zum Paulus wird erzählerisch jedenfalls nur hauchdünn unterfüttert und wirkt deshalb sogar ein wenig verlogen.

    „Rheingold“ schockiert trotz seines insgesamt leichten Tons immer wieder mit konsequenten Gewaltspitzen.


    Akin hätte mehr Zeit darauf verwenden können, den Mann als den durchaus einfallsreichen Musiker und Geschäftsmann zu porträtieren, der er offenbar ist. Stattdessen walzt er die vielleicht nicht gerade glorifizierenden, aber doch zumindest glamourisierenden Darstellungen des Gangster-Lifestyles seines Protagonisten schon recht früh ewig lang aus. Diese wirken – auch wegen der meist aufgesetzt anmutenden Dialoge im „Ghetto-Slang“ – auf das Publikum allerdings bald ziemlich ermüdend. Dabei kann die zunächst von Ilyes Moutaoukkil („Bibi & Tina 4 - Tohuwabohu Total“) glaubhaft sensibel und dann von Emilio Sakraya („Tribes Of Europe“) mit deutlich mehr körperlichem Einsatz dargestellte Figur durchaus Sympathien ernten. Umso schockierender ist es, seine aufbrausenden Gewaltausbrüche mitzuerleben – zum Beispiel wenn ihm zwei offensichtlich nicht gerade helle, dazu auch noch zugedröhnte Typen versehentlich ins Auto fahren und er einem von ihnen fast den Schädel einschlägt.

    In diesen Szenen bleibt den Zuschauer*innen das Lachen über dummdreiste Aktionen wie den Goldraub oder die tölpelhaften Quatschereien mit seinen Kollegen dann schon mal im Halse stecken. Hier fühlt man sich positiv an „Der Goldene Handschuh“ erinnert. Im direkten Vergleich kommt dieser als Gesamtwerk und Charakterporträt aber deutlich schlüssiger und runder daher. „Rheingold“ hingegen ist zu unausgewogen, zu episodenhaft erzählt. So funktioniert er leider nur streckenweise – während einiger gut beobachteter, sich authentisch anfühlender Momente und natürlich während des Heists, den man vielleicht lieber als Film-im-Film betrachten sollte, um ihn richtig genießen zu können.

    Fazit: Ernsthaft berührendes Biopic oder spaßiges Heist-Movie? Fatih Akin konnte sich da offenbar nicht so recht für eins entscheiden. So liefert er ein zwar visuell überzeugendes, über weiter Strecken unterhaltsames, aber eben auch ziemlich zerfahrenes Werk ab.

     


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