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    Freibad
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,0
    solide
    Freibad

    Erst Massenschlägerei und dann auch noch ein Mann

    Von Helena Berg
    Freibad, Freiburg, Freiheit: Diese Worte haben nicht nur die erste Silbe gemeinsam, sondern noch eine ganz andere Verbindung. Das einzige Frauen-Freibad Deutschlands befindet sich nämlich in Freiburg und dort geht es um nichts anderes als den Kampf um die persönliche Freiheit. Sich oben ohne sonnende Frauen nutzen das Bad zum ungestörten Schwimmen ohne männliche Blicke, während sie einige von ihnen im selben Moment über Muslima in Burkinis oder unerlaubtes Grillen aufregen. Da war die Aufregung natürlich groß, als aufgrund verschiedener Vorfälle im Sommer 2017 plötzlich männliche Bademeister eingestellt wurden. Schließlich widersprach das dem eigentlichen Zweck des Freibads, einen Raum für Frauen zu schaffen, die hier aus Sorge vor Sexismus oder aus religiösen Gründen baden wollten.

    Rund um diese zahlreichen Konflikte haben Regisseurin Doris Dörrie („Kirschblüten - Hanami”) und das Autorinnen-Duo Madeleine Fricke und Karin Kaçi nun den mit einem spielfreudigen Ensemble veredelten Kinofilm „Freibad“ gestrickt: Während Andrea Sawatzki („HERRliche Zeiten”) und Maria Happel („Dennstein & Schwarz”) zwei Diven nach der Menopause verkörpern, die Angst vorm Altern haben und sich von arabischen Frauen bedroht fühlen, spielt Nilam Farooq („Contra”) eine junge Frau mit türkischer Mutter, die auf einmal einen Burkini trägt und dafür von ihrer Familie verurteilt wird. Zusätzlich wären da noch die sportbesessene Badleiterin (Lisa Wagner), die queere Kim (Nico Stank) und die Gruppe von arabischen, verschleierten Frauen – bei den steigenden Temperaturen eines Jahrhundertsommers ist die Culture-Clash-Katastrophe da praktisch vorprogrammiert…

    Ein (einzelner) Mann im Frauen-Freibad - kann das wirklich gutgehen?


    Vor der totalen Eskalation lässt „Freibad” die Zuschauenden jedoch erst einmal die Freibadgäste kennenlernen, bedient dabei aber leider das eine oder andere Klischee zu viel: Kim wird am Grill gefragt, ob sie denn „ihr Würstchen noch hat”; die türkische Familie spielt den Ruf des Muezzins ab und Sawatzkis Figur springt direkt neben einer Burkiniträgerin ins Wasser, damit diese ihre Brüste sieht. So wirkt die erste Hälfte des Films wie eine durch den Ort verbundene Aneinanderreihung von Sketchen, die für die dargestellten Communitys durchaus verletzend sein könnten und sich zudem kaum entwickeln.

    Umso absurder erscheint zunächst die Eskalation, wenn sich die Frauen plötzlich die Köpfe einschlagen sowie ihre Kopftücher und Bikinis runterreißen. Mit dieser totalen Eskalation befindet sich der Film an einem entscheidenden Wendepunkt, schafft es dann aber, die Kurve zu bekommen und einen neuen Handlungsstrang einzuführen: Ein männlicher Bademeister (toll gecastet: Samuel Schneider) soll nach der Massenschlägerei fortan für Ruhe und Ordnung in dem Schwimmbad sorgen – und löst damit natürlich eine neue Debatte aus: Darf ein Mann in einem Freibad nur für Frauen arbeiten?

    Nicht alle finden es cool, dass einige der muslimischen Frauen mit Burkini im Freibad aufschlagen.


    Ab hier werden die wirklich interessanten Themen und Konflikte angeschnitten: Die Diskriminierung von Frauen in Burkas, Safe Spaces, die Sexualisierung eines einzelnen Mannes und die Frage, um welche Art von Freiheit eigentlich gekämpft wird. Durch dieses aus dem wahren Leben gegriffene Ereignis gewinnen auch die unterschiedlichen Figuren nachträglich an Tiefe und werden endlich mehr als nur Platzhalter für soziale Gruppen. Daher macht es auch Sinn, dass die Kamera ab hier das Freibad nun gelegentlich verlässt und die Wohnungen und Häuser der Figuren betritt. Vom Freibad in die geschützten 4 Wände - und dadurch manchmal auch mitten hinein in die Einsamkeit.

    Natürlich ist die Erkenntnis des Films keine neue: Um nicht alleine zu sein, muss man andere Menschen akzeptieren und Lebensweisen tolerieren - denn gemeinsam und vielfältig ist es eigentlich am schönsten. Da hätte „Freibad” gar keine ausbuchstabierte Moralpredigt am Ende gebraucht, sondern seine starken Bilder sprechen lassen können – die liefert das Freibad-Setting nämlich reichlich. An dieser Stelle ist besonders die Kamera der Kinokomödie sehr zu loben, die ohne zu viel Hochglanz farbenfrohe Sommerlaune entstehen lässt. Es wird also ein guter und freier Sommer – zumindest im Frauen-Freibad oder (Freiluft)Kino.

    Fazit: „Freibad” überzeugt durch sein Setting, das spielfreudige Ensemble sowie eine Reihe kluger Gedanken. Leider macht es sich die Komödie in der Sketchshow-artigen ersten Hälfte etwas einfach – findet dann aber mit der totalen Eskalation in der Mitte des Films doch noch zu den wirklich spannenden Themen.

     

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