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    The Night Of The Beast
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    The Night Of The Beast

    Ganz Kolumbien im Iron-Maiden-Fieber

    Von Lutz Granert
    Am 28. Februar 2008 befand sich Bogotá im Ausnahmezustand. Der Grund: Die britischen Schwermetaller von Iron Maiden spielten im Rahmen ihrer „Somewhere Back In Time“-Tour am Abend ihr erstes Konzert in Kolumbien überhaupt. Mehr als 42.000 Menschen aus ganz Südamerikas reisten an. Die kolumbianischen Behörden reagierten auf den Ansturm mit einer Präsenz von 3.000 Sicherheitskräften. Trotzdem blieb es leider nicht lange friedlich: Ausschreitungen von Fans, die keine Tickets mehr ergattern konnten und deshalb gewaltsam aufs Konzertgelände eindrangen oder in der Stadt randalierten, überschatteten das Musik-Event. Die Polizei setzte Tränengas ein, mehr als 100 Personen wurden verhaftet. Ein Polizist wurde schwer verletzt, mindestens sieben Musikfans trugen Blessuren davon.

    Vor diesem Hintergrund spielt „The Night Of The Beast“, das Spielfilmdebüt des kolumbianischen Filmemachers Mauricio Leiva-Cock, der 2019 bereits die im Regenwald spielende Netflix-Thriller-Serie „Green Frontier“ mitentwickelte. Dabei räumt die Tragikomödie nicht nur kräftig mit den gängigen Metalhead-Klischees auf, sondern lässt auch sonst viele Erwartungen des Publikums ins Leere laufen – was zwar erfrischend gegen den Strich gebürstet, aber nicht immer dramaturgisch gelungen ist.

    Nach dem Diebstahl der Tickets stellt sich die bange Frage: Gibt es jetzt noch eine Chance auf Iron Maiden oder nicht?


    Iron Maiden sind in der Stadt! Als ihre musikalischen Helden auch in Bogotá Station machen, ist ein Konzertbesuch für Vargas (Daniel Esteban Reyes) und Chuki (Esteban Galindo) Ehrensache. Die beiden Teenager schwänzen die Schule und vertreiben sich unter anderem im Plattenladen von Cala (Jairo Vargas) die Wartezeit bis zum Musik-Event. Doch beim Herumlungern in der Stadt werden die beiden Kumpels von einer Bande Krimineller überfallen, die neben Geld auch die Konzertkarten stehlen. Ihre Freundschaft wird deshalb auf eine harte Probe gestellt, weil Vargas die Tickets trotz Drängen von Chuki nicht versichert hat...

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    Lange, fettige Haare, ein ungepflegter Bart und eine schwarze Lederjacke über dem Bierbauch – fertig ist das Klischee eines typischen Metalheads! Regisseur Mauricio Leiva-Cock, der auch selbst am Drehbuch mitschrieb, räumt gleich zu Beginn von „The Night Of The Beast“ mit Vorurteilen dieser Art auf: Seine beiden eher an Milchbubis denn an Wikinger erinnernden Protagonisten, denen er sehr viel Raum gibt, ringen nämlich mit ziemlich alltäglichen Problemen. Der pummelig-nerdige Brillenträger Chuki lässt kein gutes Wort an den Bekanntschaften seiner gläubigen, alleinerziehenden Mutter, die sich nach der Arbeit erst einmal an den Esstisch setzt und weint. Wie gut, dass er kurze Zeit später in einem Musikladen oberkörperfrei und mit Stirnband wie ein Berserker seine Fortschritte am Schlagzeug unter Beweis stellen kann – auch aufgrund der verdutzten Gesichtsausdrücke seiner Zuhörer eine der witzigsten Szenen des Films.

    Reinhören in Kolumbiens Metal-Szene



    Draufgänger Vargas wiederum ist stets klamm und pumpt sich immer wieder Hunderte Peso bei Chuki, weil sein arbeitsloser Vater nach dem Tod seiner Mutter sein ganzes Geld lieber versäuft, als Strom- oder Heizkosten zu zahlen. Beide verbindet auch in ihren Fachsimpel-Dialogen die Liebe zum Metal, sie kabbeln und knuffen sich immer wieder – und gerade in ihrem Zusammenspiel wirken die beiden unverbrauchten Newcomer Esteban Galindo und Daniel Esteban Reyes so natürlich, als seien sie auch im wahren Leben schon ewig lange befreundet.

    Obwohl angespielte Songs von Iron Maiden sowie kolumbianischen Metal-Bands wie Agony oder Las Poker den Soundtrack dominieren, schlägt die ohne Abspann gerade einmal 64 Minuten lange Tragikomödie inhaltlich eher leise Töne an. In langen Szenen folgt die bewegliche Kamera von Carlos Andres Lopez den beiden jugendlichen Protagonisten durch den Trubel von Kolumbiens Hauptstadt Bogotá (gefilmt wurde an Originalschauplätzen) – wobei er nicht müde wird, großformatige Street Art an den Häuserwänden als Spiegelbild jugendlicher Rebellion einzufangen. Während einige zitternd gekritzelte Strichanimationen in Anlehnung an die düsteren Motive von Plattencovern als unmotivierter optischer Stuck eher deplatziert wirken, passen eingefügte Nachrichtenschnipsel rund um die Ausschreitungen beim Iron Maiden-Gastspiel 2008 ebenso wie das beständige Scheitern der beiden Helden ins realistische Konzept des Films.

    Als würden sie sich auch schon im echten Leben ewig kennen: Die Chemie zwischen den Schauspielern ist eines der Highlights des Films...


    Das ist zwar einerseits konsequent, schließlich erzählt auch Plattenladenbesitzer Cala zuvor zweimal von seinem erfolglosen Versuch, 1985 zum ersten Iron-Maiden-Konzert in Südamerika überhaupt zu gelangen – was an einer falschen Abzweigung scheiterte, wodurch er nicht in Rio de Janeiro, sondern am Amazonas landete. Andererseits ist der Spannungsbogen bei dem vorhersehbar verlaufenden Konflikt der beiden Freunde nach dem Diebstahl dahin; die Frustration überträgt sich auch auf das Publikum, das – gerade bei dem verheißungsvollen Titel – nach langem vergeblichen Warten nicht mit dem entgegengefieberten Band-Auftritt belohnt wird.

    Fazit: Die kolumbianische Tragikomödie „The Night Of The Beast“ bietet zwar einen lauten Metal-Soundtrack, erzählt aber – und auf diesen Gegensatz muss man sich einlassen – eine leise, aus dem Leben gegriffene Geschichte über eine berührende Teenager-Freundschaft und die verbindende Liebe zur Musik.



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