Der Chuck Norris unter den Weltpolitikern!
Von Michael MeynsNoch im Frühjahr 1945 war er außen vor: Bei der Konferenz von Yalta, bei der die Alliierten die europäische Nachkriegsordnung diskutierten, waren der amerikanische Präsident Franklin Roosevelt, der sowjetische Herrscher Josef Stalin und der britische Premier Winston Churchill anwesend – nicht aber Charles de Gaulle. Ein paar Monate später, als Hitler tot und der Zweite Weltkrieg beendet war, saß Frankreich dennoch mit am Tisch der Sieger – die Nation kontrollierte fortan nicht nur einen Teil des besiegten Deutschlands, sondern bekam auch einen Sitz als ständiges Mitglied im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Und das alles wegen eines Mannes: eben diesem Charles de Gaulle, der in Frankreich auch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod noch bewundert und auf bisweilen befremdliche Weise verklärt wird.
Kein Wunder also, dass binnen kurzer Zeit mehr als zwei Millionen Kinokarten für Antonin Baudrys „De Gaulle – Zeit des Widerstands“ verkauft wurden. Dabei handelt es sich übrigens nur um den ersten Teil eines zweiteiligen biografischen Films (Teil 2 „De Gaulle: The Sovereign Edge“ hat bislang noch keinen deutschen Titel), der als eine der teuersten französischen Produktionen in die Geschichte eingehen wird. Mit seinem Fokus auf die ersten Kriegsjahre sowie die legendäre Wüstenschlacht von Bir Hakeim als großem Finale – bevor sich die Fortsetzung dann auf die letzten Kriegsjahre konzentrieren wird – erweist sich „Zeit des Widerstands“ als wahres Epos, dem es auf faszinierende Weise gelingt, Charles de Gaulle gleichermaßen zu verherrlichen und im selben Moment über seine historische Verklärung lustig zu machen.
Capelight
Juni, 1940: Der selbst in seiner französischen Heimat kaum bekannte General Charles de Gaulle (Simon Abkarian) ist vor dem deutschen Blitzkrieg nach London geflohen. Dort erzwingt er ein Treffen mit dem britischen Premierminister Winston Churchill (Simon Russell Beale), dem er mit einer wahnwitzigen Selbstüberzeugung – die später sein Markenzeichen werden wird – erklärt: „Ich bin Frankreich.“ Nicht das Marionettenregime in Vichy sollten Churchill und die Alliierten anerkennen, sondern das von de Gaulle angeführte Freie Frankreich.
Dieses besteht zu diesem Zeitpunkt zwar nur aus ein paar Figuren, doch nach und nach erhören immer mehr Soldaten und andere Patriot*innen den Ruf de Gaulles. Darunter auch der junge Fernand Bonnier de La Chapelle (Florian Lesieur), der sich der Résistance anschließt, von seinem Vater in die Kolonie Algerien geschickt wird und schließlich die direkte Konfrontation mit dem Vichy-treuen Admiral François Darlan (Mathieu Kassovitz) wagt. Währenddessen sucht de Gaulle nach einer Möglichkeit, den Alliierten zu beweisen, dass die Truppen des Freien Frankreichs fähig und bereit zum Kampf sind und sich nicht noch einmal so leicht ergeben wie während des deutschen Blitzkriegs …
Der französische Nationalfeiertag ist zwar der 14. Juli, doch auch der 18. Juni würde sich anbieten. Schließlich begann an diesem Tag – um dem Pathos der französischen Selbstwahrnehmung zu folgen – die Wiedergeburt einer geschlagenen Nation. Am 18. Juni 1940 sprach Charles de Gaulle zum ersten Mal via Radio aus London zu den Franzosen und damit zu einem Volk, das erst kurz zuvor von den deutschen Truppen binnen weniger Wochen überrannt und gedemütigt wurde. Das offizielle Frankreich hatte einen Frieden mit dem Erzfeind geschlossen und die im Süden des Landes regierende Vichy-Regierung ins Leben gerufen, dessen autoritärer Herrscher, der Marschall Philippe Pétain (Alain Libolt), nach dem Krieg als Kollaborateur verurteilt werden sollte.
Ihm stellte sich de Gaulle entgegen, der Pétain verachtete, der lieber sterben als sich den Deutschen ergeben wollte, der für ein freies Frankreich kämpfte – dabei aber durch ähnlich autoritär agierte wie sein Gegenspieler. Nicht zufällig ähnelt seine Aussage „Ich bin Frankreich“ dem legendären Ausspruch „Der Staat bin ich“, der dem Sonnenkönig Louis XIV zugeschrieben wird. So wie der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj war auch de Gaulle nie im Anzug der Politikerkaste zu sehen, sondern stets nur in Uniform, mit dem berühmten Kepi auf dem Kopf. Mit seinen 195 Zentimetern überragte de Gaulle alle und gerierte sich als Turm in der Brandung. Mit unbeweglicher Mine spielt ihn Simon Abkarian („Casino Royale“) in einem biografischen Epos, bei dem man sich als neutrales Publikum nicht immer komplett sicher sein kann, ob sich Regisseur Antonin Baudry nun über de Gaulle lustig macht oder doch rundherum von dessen Pathos verzückt ist.
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Einmal steht de Gaulle an einer Karte und erklärt den Zuhörenden den Fortgang des Krieges. Draußen schlägt eine Rakete ein, die Fenster explodieren, alle ducken sich – allein de Gaulle bleibt stehen, wischt sich den Staub von der Uniform und redet unberührt weiter. Eine typische Machoszene, wie man sie aus vielen klischeetriefenden Kriegsfilmen kennt – doch de Gaulle war tatsächlich bekannt dafür, sich auch von nahen Explosionen nicht irritieren zu lassen. Auch andere Szenen muten fast an, als ob sich die Drehbuchautoren hier eher vom berühmten Chuck-Norris-Meme („Nicht Chuck Norris bekommt Krebs, sondern der Krebs bekommt Chuck Norris“) haben inspirieren lassen:
Wir befinden uns in Afrika, alle schwitzen wie blöd und wirken erschöpft, allein de Gaulle steht aufrecht in der Mitte. „Passen sie auf die Moskitos auf“, rät ihm ein Brite und de Gaulle antwortet: „De Gaulle wird nicht von Moskitos gestochen!“ So absurd der Satz auch klingen mag, ist dieses Zitat doch tatsächlich verbürgt – wobei sich Biograf*innen darüber streiten, ob de Gaulle den Satz ernst oder ironisch meinte. Auch Baudry lässt beide Möglichkeiten offen – und bereits einen Schnitt später liegt de Gaulle mit Malaria und Schüttelfrost im Bett.
Charles de Gaulle mag in solchen Szenen wie eine Karikatur wirken, ein distanziertes oder gar kritisches Biopic ist „De Gaulle – Zeit des Widerstands“ aber natürlich trotzdem nicht. Mindestens 80 Millionen Euro (manche Quellen sprechen sogar von fast 100 Millionen) standen Baudry für beide Teile des Films zur Verfügung, um damit einer neuen Generation einen der größten Nationalhelden nahezubringen. Aber warum gerade jetzt? Es gibt zwar kein Jubiläum, aber die Menge an Filmen über den Zweiten Weltkrieg und speziell die Résistance, die etwa bei den jüngsten Filmfestspielen in Cannes zu sehen waren, deuten eine Rückbesinnung auf eine Zeit nationaler Größe an. So wie Deutschland, Großbritannien und etliche andere westliche Länder befindet sich auch Frankreich in einer Krise, wirtschaftlich wie emotional. Rechtspopulist*innen genießen Zuwachs, demokratische Politiker*innen stehen in der Kritik.
Unter Charles de Gaulle stand die Grande Nation noch ganz anders da, selbstbewusst und mächtig, bot selbst den USA Paroli und zog sich sogar vorübergehend aus der NATO zurück. Als demokratisches Vorbild taugt de Gaulle jedoch nur bedingt – zu selbstherrlich, zu machtbewusst agierte er, auch das schimmert in den zweieinhalb Stunden des Biopics immer wieder durch. Andererseits gelang es de Gaulle genau durch diese Selbstüberzeugung, diese Aura, eine ganze Nation zusammenzuschweißen und zum Widerstand gegen Nazideutschland zu animieren. Dass es Antonin Baudrys gelingt, diese Ambivalenz abzubilden, macht „De Gaulle – Zeit des Widerstands“ zu einem spannenden Film – gleichermaßen patriotisch und kritisch. Ein historisches Epos, das gerade auch aus deutscher Perspektive viel über den Zweiten Weltkrieg, Politik und Macht erzählt.
Fazit: In seinem ebenso aufwändigen wie bildgewaltigen Biopic „De Gaulle – Zeit des Widerstands“ zeigt Antonin Baudry den legendären Charles de Gaulle als Fels in der Brandung, der während des Zweiten Weltkriegs mit allen politischen Tricks für sein Land kämpft und mit viel Pathos und Selbstüberzeugung die Franzosen zum Widerstand animiert.
Wir haben „De Gaulle – Zeit des Widerstands“ beim Filmfestival in Cannes gesehen, wo er als Teil des offiziellen Programms seine Weltpremiere gefeiert hat.