Resident Evil
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Resident Evil

Die bislang beste “Resident Evil”-Adaption

Von Markus Trutt

In meiner Kritik zu „Resident Evil: Welcome To Raccoon City“ habe ich damals gefragt, ob das jetzt der Film ist, den die Fans der Marke immer wollten. Schließlich waren die sechs krachenden „Resident Evil“-Action-Spektakel mit Milla Jovovich zuvor zwar ungemein erfolgreich, aber sie hatten mit der legendären Survival-Horror-Videospiel-Vorlage ungefähr so viel zu tun wie ein Ausbruch des T-Virus mit einem entspannten Sommerurlaub.

Fünf Jahre nach „Welcome To Raccoon City“ stellt sich diese Frage erneut. Denn nach dem enttäuschenden Abschneiden der Version von „Primate“-Regisseur Johannes Roberts an den Kinokassen wagt die Reihe bereits den nächsten Leinwand-Neuanfang. Dass die Antwort dieses Mal eine ganz andere als noch 2021 ist, hat einen Grund: Zach Cregger! Während sich das erste Reboot an der Adaption der ersten beiden Spiele massiv verhob, entpuppt sich der neue „Resident Evil“ unter Federführung des „Barbarian“- und „Weapons“-Masterminds nun als atemloses Horror-Spektakel, das für knackige 90 Minuten mit Vollgas über die Leinwand prescht. Dabei büßt der Film aber durch eine Überdosis Humor ein Stück weit seinen Horror-Punch ein.

Kurierfahrer Bryan (Austin Abrams) landet in einem Albtraum. Constantin Film
Kurierfahrer Bryan (Austin Abrams) landet in einem Albtraum.

Kurierfahrer Bryan (Austin Abrams) hat am späten Abend ein Paket ins Krankenhaus geliefert und möchte eigentlich zu seiner Freundin zurückkehren. Die hat ihm am Telefon schließlich soeben eröffnet, dass sie schwanger ist. Doch weil Bryan nicht so richtig damit umzugehen weiß, kommt es ihm eigentlich ganz recht, dass unverhofft ein weiterer Botengang ansteht. Das schiebt nicht nur die nötigen Diskussionen weiter hinaus, sondern verspricht obendrein gutes Geld.

Bryan soll ein medizinisches Paket zum Krankenhaus im nahegelegenen Raccoon City bringen. Aber schon auf dem Weg dorthin kommt es zu einem Zwischenfall, als ihm auf der verschneiten Straße plötzlich eine Frau vors Auto läuft. Und das ist erst der Anfang einer höllischen Odyssee, bei der der junge Mann gegen grausam mutierte Kreaturen bald ums nackte Überleben kämpft …

Mittendrin statt nur davor: Kameraarbeit wie im Videospiel

Wie „Welcome To Raccoon City“-Macher Johannes Roberts vor ihm ist nun auch Zach Cregger ein erklärter Fan der „Resident Evil“-Reihe, die als eines der erfolgreichsten Videospiel-Franchises aller Zeiten seit nunmehr 30 Jahren Gamern und Gamerinnen weltweit das Fürchten lehrt. Anders als Roberts hat sich Cregger, der sich mit seinen gefeierten Grusel-Highlights „Barbarian“ und „Weapons“ als eine der aktuellen Hoffnungen des Horror-Kinos etabliert hat, nun keinen konkreten Teil der langlebigen Reihe für seine Adaption herausgepickt. Stattdessen hat er eine eigene Story erdacht, die im Grunde am Rande der Spiele „Resident Evil 2“ und „Resident Evil 3“, in denen eine Zombie-Seuche Raccoon City überrollt, angesiedelt ist.

Und dennoch atmet sein „Resident Evil“ so sehr den Geist der Vorlage, wie es keiner der anderen Kinofilme davor tat. Cregger hat die Reihe ganz eindeutig verinnerlicht, mitsamt ihren Mechanismen und Eigenheiten. Mit Bryan als Fixpunkt und Quasi-Avatar lässt er die Kamera des Öfteren aus der Schulter- sowie Ego-Perspektive dynamisch die Schauplätze erkunden – als wären sie tatsächlich Areale in einem Videospiel. Damit kommt der Film der Bildsprache der Vorlage wohl so nah, wie es nur geht, ohne selbst zum Game zu werden.

Diese Tür will Bryan (Austin Abrams) nicht öffnen, sondern lieber verschließen. Constantin Film
Diese Tür will Bryan (Austin Abrams) nicht öffnen, sondern lieber verschließen.

Auch in Bryans Gebaren dürften sich viele Resi-Zocker und -Zockerinnen wiedererkennen. Wenn er im Angesicht einer neuen Gefahr erst einmal lieber umkehren würde (nur um sich ihr dann natürlich trotzdem zu stellen), ständig die knappe Munition verballert oder über das x-te Vorhängeschloss flucht, das ihm den weiteren Weg versperrt, fällt es nicht schwer, diesen etwas unbeholfenen, dabei aber zu jeder Zeit so nahbaren Normalo ins Herz zu schließen und ihm bei seinem Albtraum beizustehen.

Doch nicht nur Bryan und die Kameraarbeit sorgen für ein immersives Mittendrin-Gefühl. Auch Zach Creggers Gespür für Räume und ihre Ausleuchtung sorgt für wohliges Gruseln. Gerade zu Beginn spielt der Filmemacher vor dem Hintergrund einer abgeschiedenen Schneelandschaft ungemein stimmungsvoll mit Licht und Schatten. Diese erscheinen dabei so undurchdringlich und schwarz, dass sie im Grunde alle möglichen Schrecken beherbergen könnten und gar Zweifel daran säen, ob jenseits von ihnen überhaupt noch etwas existiert.

Echter Terror trifft auf MCU-Humor

Unbehaglich wird es dabei vor allem dann, wenn Cregger beim Spannungsaufbau Suspense-Momente neu denkt, indem er nicht nur das Publikum, sondern auch seine Hauptfigur das nahende Grauen frühzeitig bemerken lässt. Bryan beobachtet etwa schon von Weitem, wie sich eine Infizierte rasend schnell dem Haus nähert, in dem er sich verschanzt hat. Während Cregger konsequent beim verängstigten Protagonisten bleibt, lässt er die Bedrohung immer näher rücken – nur um einem trotz aller Vorahnung schließlich doch noch den Boden unter den Füßen wegzuziehen und das Unbehagen in blanken Terror umschlagen zu lassen. Das ist pures Gänsehaut-Material und weitaus effektiver als so mancher über den Film verteilte plumpe Jump Scare.

Überraschend ist dabei vor allem, wie viel Humor in „Resident Evil“ steckt – und noch überraschender, wie gut das zumindest anfangs noch funktioniert. Tatsächlich konnte Zach Cregger auch schon in „Barbarian“ und „Weapons“ seine Comedy-Wurzeln nicht verbergen und hat es meist geschickt gemeistert, skurrilen Witz und Schrecken unter einen Hut zu bekommen. In „Resident Evil“ entwickelt er die Lacher zu Beginn recht organisch aus Bryans unbeholfenem (und nur allzu gut nachvollziehbarem) Verhalten in der Extremsituation, mit der er konfrontiert wird.

Bryan (Austin Abrams) kämpft sich durch Raccoon City. Constantin Film
Bryan (Austin Abrams) kämpft sich durch Raccoon City.

Mit fortschreitender Laufzeit schießt Cregger hier aber bisweilen übers Ziel hinaus. Besonders, wenn dann nicht nur der überforderte Bryan, sondern auch andere Figuren plötzlich zu unmotivierten Sprücheklopfern werden, schmälert das den Genuss. Schließlich kratzt das gerade in der schwächeren zweiten Hälfte merklich an der anfangs noch so behutsam aufgebauten Schauer-Atmosphäre. Eine Szene, in der Bryan bei der drohenden Kapitulation vor seinem Schicksal ein emotionaler Moment zugestanden wird, erinnert in diesem Zusammenhang sogar unschön an die schlechtesten Seiten des MCU. Auch dort wurde schließlich schon der ein oder andere rührende Charaktermoment durch einen ulkigen Wegwerf-Gag zunichte gemacht. Man kann froh sein, dass sich Zach Cregger nach Testvorführungen entschied, sogar ein paar Gags aus seinem Film zu entfernen. Denn auch die übrig gebliebenen sind unterm Strich etwas zu viel des Guten, schmälern sie doch nicht nur solche Szenen, sondern letztlich auch das Gefühl der Bedrohung. Wirklich unheimlich ist trotz jeder Menge Vorlagen-Feeling auch der neue „Resident Evil“ somit nur streckenweise.

Ein Stück weit wettgemacht wird das aber durch allerlei schön eklige Einlagen und Monster-Designs, die den Spielen ungeachtet neuer Ideen alle Ehre machen und mit blutigen Gewaltspitzen (trotz FSK-Freigabe ab 16) nicht geizen. Und groß Zeit zum Kritteln bleibt ohnehin nicht. Die Geschichte treibt Bryan konsequent vorwärts, fast ohne Verschnaufpause für ihn und das Publikum. Angefeuert durch einen treibenden Score, der in Sachen Dringlichkeit bisweilen gar der stressinduzierenden Soundkulisse von Christopher Nolans „Dunkirk“ Konkurrenz macht, entfesselt „Resident Evil“ eine ungeheure kinetische Energie, die trotz so mancher Unzulänglichkeit einfach mitreißt.

Fazit: Zach Creggers „Resident Evil“ ist zweifellos die beste Adaption der wegweisenden Games. Stark inszeniert und mit einigen schaurig-schönen Ekel-Einlagen garniert, überträgt das „Weapons“-Mastermind die Ästhetik und den Survival-Aspekt der Vorlage gekonnt auf die Leinwand. Das ist auch für Fans ein großer Spaß, obgleich der angelegte Grusel durch zu viel Komik nie sein volles Potenzial entfalten kann.

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