Die australische Horror-Welle türmt sich weiter auf!
Von Christoph PetersenNach seiner Weltpremiere in der Mitternachtssektion des Sundance Filmfestivals feierte der in Besprechungen oft mit David Robert Mitchells „It Follows“ verglichene „Leviticus“ seine Deutschlandpremiere als Eröffnungsfilm des Fantasy Filmfests. Der von „Talk To Me“ losgetretene Hype um das australische Horrorkino geht also munter weiter! (Tatsächlich stammt „Leviticus“ vom selben Produktionsteam, und Hauptdarsteller Joe Bird war bereits im besagten Hit zu sehen.) Dabei sind schon die dämonenfreien Dokumentationen („Pray Away“) und Spielfilme („Der verlorene Sohn“) über Konversionsbehandlungen Horror genug.
Basierend auf der Annahme, dass jede Abweichung von einer heterosexuellen Orientierung eine Krankheit oder Sünde sei, kulminierten die Versuche, Menschen auf eine solche Weise „umzupolen“, vor allem zwischen den 1950ern und 1970ern in oft radikal-aggressiven Verhaltenstherapien. In seinem Spielfilmdebüt „Leviticus“ spart der Regisseur und Drehbuchautor Adrian Chiarella die Details solcher Umerziehungsprogramme aus. Stattdessen tritt ein christlicher Geistlicher auf, der einfach nur mit einem Feuerzeug vor den Gesichtern der zu „heilenden“ Jugendlichen herumwedelt. Aber die Folgen sind gleichermaßen verheerend.
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Offenbar ist seine alleinerziehende Mutter Arlene (Mia Wasikowska) auch deshalb mit Naim (Joe Bird) in ein kleines Wüstenstädtchen umgezogen, weil sie keinen anderen Weg mehr gesehen hat, um mit der Homosexualität ihres Sohnes umzugehen. Immerhin gibt es hier eine starke christliche Gemeinde – samt einem sogenannten Deliverance Healer (Nicholas Hope), der den Jugendlichen ihre queeren Anwandlungen notfalls mit Gebeten im Feuerschein austreibt. Als er etwas mit seinem Mitschüler Ryan (Stacy Clausen) anfängt, landet auch Naim vor dem geistlichen Wunderheiler …
… nur scheint die Dämonenaustreibung genau den gegenteiligen Effekt zu haben: Die Teenager werden anschließend von einer gewalttätigen Entität verfolgt, die sie auf der Straße brutal zusammenschlägt oder ihnen auf der Schultoilette das halbe Ohr abreißt. Das besonders Perfide daran: Die dämonische Erscheinung nimmt die Form desjenigen an, den man am meisten begehrt – also im Fall von Naim und Ryan das Aussehen des jeweils anderen …
Der lateinische Titel stellt schon mal sicher, dass man den Film nicht mit einem Mainstream-Exorzismus-Schocker von der Stange verwechselt. Zugleich bezieht er sich auf das gleichnamige 3. Buch Mose, das seit Jahrhunderten von evangelikalen Gruppen zur Rechtfertigung ihrer Homophobie herangezogen wird: „Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel.“ Und zwei Kapitel später wird noch mal nachgelegt: „Schläft jemand bei einem Mann wie bei einer Frau, so haben sie beide getan, was ein Gräuel ist, und sollen des Todes sterben; ihr Blut komme über sie.“ Kein Wunder also, dass in solch einer Gesellschaft Gewalt an der Tagesordnung ist.
So müssen Naim und Ryan nicht nur das „übliche“ Bullying ihrer Mitschüler*innen über sich ergehen lassen. Selbst wenn die übersinnliche Entität längst die Jagd auf sie eröffnet hat, bluten die dämonische und die ganz reale gesellschaftliche Gewalt weiter ineinander über: Die Teenager fungieren quasi als menschliche Frustableiter für gefühlt die halbe Dorfjugend. Der Dämon taucht zwar nur auf, wenn sonst gerade niemand da ist – aber die Nähe anderer Menschen zu suchen, ist in dieser Konstellation eben auch keine Lösung. Eine beklemmende Metapher für die zerstörerische Isolation queerer junger Menschen.
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Neben den starken Newcomern Joe Bird und Stacy Clausen ist vor allem mit der Besetzung von „Alice im Wunderland“-Star Mia Wasikowska ein echter Coup gelungen. Sie strahlt wie gewohnt eine solche mütterliche Empathie aus, dass man nur darauf wartet, bis sie endlich mitbekommt, was mit ihrem Sohn los ist – und die Sache dann schon irgendwie regelt. Aber offenbar weiß sie bereits eine ganze Menge, hat sich trotzdem ganz bewusst lieber für einen heimgesuchten und malträtierten als einen schwulen und freien Sohn entschieden. Ein echter Boden-unter-den-Füßen-wegzieh-Moment. Die oft bemühten Vergleiche mit „It Follows“ liegen dabei auf der Hand:
Wo die Opfer damals von einer menschgewordenen Geschlechtskrankheit verfolgt wurden, die man nur wieder loswerden konnte, indem man sie an jemand anderen weitergab, lässt sich auch der Dämon in „Leviticus“ nicht einfach abschütteln, es sei denn, man würde sein ganzes Verlangen und damit das eigene Ich beerdigen. Aber wo „It Follows“ trotz seiner allegorischen Natur klaren Regeln folgte, bleibt in „Leviticus“ vieles ganz bewusst im Ungefähren. Adrian Chiarella hat das beklemmende Gefühl eines queeren Coming-of-Age inmitten einer intoleranten Gemeinschaft zu einem bedrückenden Mood Piece geformt, bei dem die Funktionalität als Horror-Schocker allerdings nicht unbedingt an vorderster Stelle steht.
Fazit: Atmosphärisch herausragende, teils herzzerreißende Horror-Allegorie, die in Sachen Spannung aber vermutlich noch mehr überzeugen würde, wenn Adrian Chiarella sein dämonisches Konversions-Konzept nicht ganz so vage ausgebreitet hätte.
Wir haben „Leviticus“ beim Fantasy Filmfest 2026 gesehen, wo er als Eröffnungsfilm seine Deutschlandpremiere gefeiert hat.