Ein erschreckend aktueller Zukunfts-Krimi
Von Christoph PetersenEs ist zwar noch nicht mal die Hälfte vorüber und trotzdem ist schon jetzt klar, dass Juli Zeh damals einen wirklich erstaunlichen Scharfsinn bewiesen hat. Bereits im Jahr 2007 schrieb die Bestsellerautorin das Theaterstück „Corpus Delicti“ über eine 50 Jahre später herrschende Gesundheitsdiktatur namens „die Methode“. Zwei Jahre später folgte die Romanfassung „Corpus Delicti: Ein Prozess“*. Aber im Schatten der staatlichen Übergriffigkeiten während der Corona-Pandemie und im Vollsprint Richtung KI-Allmacht erfährt der Stoff noch mal eine ganz andere Dringlichkeit – dabei ist inzwischen gerade einmal ein gutes Drittel der Spanne bis 2057 vergangen. Kein Wunder also, dass die Regisseurin und Autorin Lena Stahl („Mein Sohn“) gerade jetzt mit einer Kinoversion nachlegt.
Nun besteht die ursprüngliche Fassung vor allem aus zwei Gerichtsverhandlungen sowie den Zwiegesprächen der Protagonistin mit einer KI-Stimme in ihrer Wohnung. Mit diesem reduzierten Setup lässt sich ganz hervorragend über die großen Themen des Stoffes verhandeln: Was, wenn eine ganze Gesellschaft allein auf der (falschen) Übereinkunft fußt, dass ein KI-System „unfehlbar“ sei? Und wie weit darf der Staat gehen, um die Gesundheit seiner Bevölkerung sicherzustellen – etwa mit verpflichtenden Blutuntersuchungen oder angeordneten Trainingsprogrammen? Aber sonderlich kinematisch ist die kammerspielartige Vorlage nicht – und so rückt Stahl in ihrem Skript eine Kriminalermittlung ins Zentrum, die spannungstechnisch allerdings kaum über einen Durchschnitts-„Tatort“ hinauskommt.
Leonine
Der Neurologin Mia Holl (Hannah Herzsprung) und ihrer Kollegin Christiane Bülow (Haley Louise Jones) ist es gelungen, die Erinnerungen und Gedanken aus dem Gehirn eines Patienten auszulesen. Der nächste Schritt: Jetzt wollen sie auch noch an das Unterbewusstsein heran. Aber bevor es dazu kommt, muss sich Mia zunächst mit einer privaten Katastrophe befassen: Ihr systemkritischer Bruder Moritz (Damian Hardung) wird wegen Vergewaltigung und Mordes festgenommen. Im Fall einer Verurteilung droht dem Angeklagten, auf unbestimmte Zeit eingefroren zu werden – und die DNA-Spuren am Opfer scheinen eindeutig auf ihn als Täter hinzudeuten.
Es gibt zwar auch in dieser Zukunft noch Gerichtsverhandlungen, aber eigentlich haben diese nur noch einen repräsentativen Charakter. Schließlich gilt „die Methode“, eine KI mit umfassendem Datenzugriff, als „unfehlbar“ – und der Vorwurf, sie könnte sich mit der Anklage dennoch geirrt haben, würde nicht nur gewaltigen gesellschaftlichen Sprengstoff in sich tragen, er käme auch einem Hochverrat gleich. Dennoch stellt Mia mithilfe des zunächst wenig motivierten Pflichtverteidigers Lutz Rosentreter (Christian Friedel) eigene Ermittlungen an – und trifft dabei auch auf den in seinen Absichten kaum zu durchschauenden Journalisten Heinrich Kramer …
Zu Beginn des Romans hat sich Moritz bereits in seiner Zelle das Leben genommen – und Mia zerbricht in ihrer Wohnung an dem Zwiespalt, dass sie als rationale Wissenschaftlerin selbst zwar weiterhin an „die Methode“ glaubt, sich aber dennoch nicht vorstellen kann, dass ihr Bruder tatsächlich schuldig ist. Im Film kommt der Protagonistin hingegen eine sehr viel aktivere, heldenhaftere Rolle zu: Mia tut alles, um ihren Bruder zu retten – und setzt dabei unter anderem auf Lutz Rosentreter, dessen Büro und Outfit weniger an das eines Anwalts als vielmehr an das eines Privatdetektivs aus 100 Jahre alten Krimischmökern erinnern.
Sowieso hat das Filmteam bei den Sets ganze Arbeit geleistet: Statt auf Effekte aus dem Computer setzt „Corpus Delicti“ vor allem auf den geschickten Einsatz von Räumen und Gebäuden, die ohnehin schon eine gewisse futuristische Anmutung haben. Dieser budgetschonende Ansatz wurde schon häufig probiert – und fast ebenso häufig wirkten die Ergebnisse einfach nur enttäuschend billig (zuletzt etwa in den Büroszenen des Matthias-Schweighöfer-Flops „Das Leben der Wünsche“). Aber Lena Stahl und ihre Mitstreiter*innen entwerfen in „Corpus Delicti“ tatsächlich eine visuell erstaunlich stimmige Zukunftsvision – selbst wenn für spektakuläre Setpieces oder Ähnliches das Geld dann doch nicht gereicht hat.
Leonine
Während Mias für den Film hinzuerfundene Privatermittlungen weitestgehend nach Schema F ablaufen, sind es vor allem die kleinen Szenen und Beobachtungen am Rande, die in dieser Dystopie den größten Biss entwickeln: etwa, wenn sich die gerade noch so liebevolle, solidarische Nachbarschaft urplötzlich in einen Mob verwandelt, der Mia aus ihrer Wohnung vertreibt – oder wenn Mia ihren Pathologie-Kollegen mit dem Wissen erpresst, dass er hin und wieder Schokolade nascht, was unter der streng-gesundheitsfördernden Aufsicht von „die Methode“ aber natürlich absolut nicht erlaubt ist.
Schon dem Stück wurde damals in einigen Kritiken vorgeworfen, dass es zu sehr darauf ausgerichtet sei, Schüler*innen eine Vorlage für Aufsätze zu liefern. Das ist zwar etwas harsch, denn viele Details des zentralen gesundheitsfaschistischen Systems sind auch einfach sehr gut und genau beobachtet. Aber dass der ein oder andere Lehrkörper sich auch von der „Corpus Delicti“-Verfilmung zu einem weiterführenden Aufsatz hinreißen lässt, erscheint zumindest nicht völlig abwegig.
Fazit: Eine (mitunter etwas didaktische) Dystopie, die nun als Film sogar noch aktueller ist als vor 19 Jahren als Bühnenstück und vor 17 Jahren als Roman. Allerdings verspielt Autorin und Regisseurin Lena Stahl mit der inhaltlichen Verschiebung in die Richtung eines mäßig nervenzerrenden Zukunfts-Krimis einiges an thematischem Potenzial.
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