We Are All Strangers
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
We Are All Strangers

Father And Son

Von Björn Becher

Dass Anthony Chen sein Drama „We Are All Strangers“ ausgerechnet mit Yusuf Islams Klassiker „Father And Son“ beendet, mag im ersten Moment ein wenig kitschig wirken, ist aber nichtsdestoweniger ein wunderschön-passender Abschluss. Zugleich steht der vom Folk-Rocker in zwei Stimmen gesungene Generationen-Dialog in einem gewissen Widerspruch zum gerade Gesehenen. Denn wo der Sohn im Lied seinen eigenen Weg gehen will, hat es sich der Nachwuchs im Finale der eher zufällig entstandenen „Growing Up“-Trilogie beim fürsorgenden Vater gemütlich eingerichtet. „Just Relax, Take It Easy“ ist hier nicht der elterliche Rat, sondern die Lebenseinstellung des Juniors. Erst die Umstände zwingen den Sohn im Film, seinen eigenen Weg zu gehen und erwachsen zu werden.

Heute ist „Father And Son“ als intime Ballade bekannt, geschrieben wurde das Lied aber eigentlich für ein gigantisches Musical-Projekt. Auch „We Are All Strangers“ bleibt vor allem als intime Geschichte über vier Schicksale, die eine Zweckfamilie bilden, in Erinnerung. Zugleich nimmt der Film aber auch epische Dimensionen an, im Abspann tauchen mehr als 100 Schauspielende auf, es gibt bestimmt 50 verschiedene Schauplätze – und die wendungsreiche Story erstreckt sich über Jahre. Ganz nebenbei erzählt Chen nämlich auch vom Wandel seiner Heimat Singapur und den damit einhergehenden sozialen Verwerfungen. Dabei verliert er aber nie seine Hauptfiguren aus den Augen. Er begleitet sie mit viel Herz und bewahrt trotz einiger Schicksalsschläge einen durchgehenden Optimismus, den er gleich zu Beginn mit einem Smiley neben dem Filmtitel symbolisiert.

Ein Moment des Glücks: Stilecht mit den Stammgästen wird in der Imbissbude Hochzeit gefeiert. Giraffe Pictures
Ein Moment des Glücks: Stilecht mit den Stammgästen wird in der Imbissbude Hochzeit gefeiert.

Sorglos lebt Schulabbrecher Junyang (Koh Jia Ler) in den Tag hinein. Immer kann sich darauf verlassen, dass sein Vater Boon Kiat (Andi Lim) ihm schon den Rücken frei hält und notfalls die Handyrechnung oder die Strafzettel bezahlt. Der Vater kommt als Betreiber eines Imbiss-Restaurants zwar selbst kaum über die Runden, aber sträubt sich trotzdem seit Jahren, die Preise für seine verbliebene Stammkundschaft zu erhöhen. Stattdessen gibt er ein Essen auch mal gratis raus. Vielleicht wird der anstehende Militärdienst dem Junior helfen, erwachsen zu werden. Doch es ist eine andere Nachricht, die das sorglose Treiben von Junyang erschüttert. Seine kurz vor dem Abitur und einem möglichen Musikstipendium stehende Freundin Lydia (Regene Lim) ist schwanger.

Ihre streng-katholische Mutter besteht auf eine sofortige Hochzeit. Und zwar standesgemäß im 5-Sterne-Hotel mit mindestens 20 Tischen, die sich Boon Kiat eigentlich nicht leisten kann. Zumal er gerade selbst der ebenfalls mittellosen Bierverkäuferin Bee Hwa (Yeo Yann Yann) einen Antrag gemacht. So wohnt man plötzlich als Quartett und schließlich sogar als Quintett in der viel zu kleinen Wohnung, die immer einen ungehinderten Ausblick auf die Skyline einer Metropole bietet, in der immer neue Hochhäuser voller Luxusapartments entstehen …

Ein junger Mann und ein 50-jähriger Staat werden gemeinsam erwachsen

Als Anthony Chen für sein 2013 in Cannes ausgezeichnetes Debüt „Ilo Ilo“ einen elf Jahre alten Jungen suchte, sichtete er tausende Kinder, bevor er schließlich auf Koh Jia Ler stieß. Als er rund sechs Jahre später für seinen zweiten Spielfilm „Wet Season“ einen 16 Jahre alten Protagonisten brauchte, verzweifelte er laut eigener Aussage im Casting-Prozess – bis er beim Scrollen durch Instagram ein Bild seiner einstigen Entdeckung sah und ihn einfach noch einmal besetzte. Beim dritten gemeinsamen Projekt war Koh Jia Ler dagegen von Anfang an involviert. Als dieser seinem Regisseur erzählte, dass er die Schule abgebrochen hat, verarbeitete Chen die eigenen Sorgen über die Entscheidung seines Schützlings kurzerhand in das Drehbuch zu „We Are All Strangers“.

Auch wenn die Filme keinen inhaltlichen Zusammenhang haben, betrachtet sie der Regisseur selbst als Trilogie. Die Werke, in welchen auch immer die aus Malaysia stammende Yann Yann Yeo („Havoc“) eine weitere Hauptrolle spielt, dokumentieren nicht nur das Aufwachsen von Koh Jia Ler, sondern auch das Erwachsenwerden der Inselmetropole Singapur. Immer wieder erfahren wir in „We Are All Strangers“, wie schwer es inzwischen allen fällt, noch bezahlbaren Wohnraum zu finden. Gleichzeitig werden Luxusunterkünfte als Dritt- oder Viertwohnung für absurde Preise an schwerreiche Ausländer verkauft – am liebsten in bar. Die einheimische Bevölkerung wird abgehängt – oder sie müssen mit großspurigem Agieren und gefälschter Rolex so tun, als wären sie selbst Teil dieser neuen turbo-kapitalistischen Gesellschaft.

Die eigene Wohnung mag klein und karg sein, der Ausblick ist wunderbar. Giraffe Pictures
Die eigene Wohnung mag klein und karg sein, der Ausblick ist wunderbar.

Reale Schauplätze mit ihren echten Geräuschen und den teilweise auch wirklich dort vorhandenen Menschen bilden den Hintergrund für „We Are All Strangers“. Das sorgt nicht nur dafür, dass man auf Chens Werke auch in Zukunft immer wieder zurückblicken kann, wenn man wissen will, wie Singapur zu einer bestimmten Zeit war. Die damit einhergehende Authentizität schlägt auch auf das eigentliche Drama durch. Auch hier ist der Filmemacher vor allem Beobachter und Begleiter. Natürlich nutzt er gezielt die Schwangerschaft, eine Krankheit oder Geldprobleme, um der Handlung eine neue Richtung zu geben. Doch das fühlt sich nie wie weitere forcierte Drehbuchwendung an, sondern immer wie eine natürliche Entwicklung und Herausforderung.

Im Vordergrund steht so auch gar nicht das Mitfiebern, ob für diese ungewöhnliche Familie, die erst nach und nach zusammenwächst, doch noch bessere Zeiten anstehen. Vielmehr freut man sich vor allem, wie sie mit Optimismus ihr Leben nehmen. Der schönste Moment des Films ist das erste Date von Boon Kiat und Bee Hwa. Man hat sich zwar an einer Haltestelle verabredet, aber als sie im Bus wissen will wohin es geht, gibt es kein Ziel. Mehr als den Fahrpreis kann sich Boon Kiat eh nicht leisten und im Bus sei es zumindest klimatisiert. Und tatsächlich braucht es nicht mehr für diesen zutiefst romantischen (später noch mal wunderbar gespiegelten) Moment, in dem wir ohne viele Worte einfach nur beobachten, wie die beiden – am Ende auch buchstäblich – zusammenfinden.

Fazit: Wie der als Abspannsong eingesetzte „Father And Son“ ist auch „We Are All Strangers“ ein wenig kitschig, zugleich aber auch so schön, dass einem viele Passagen nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ein leises, aber kraftvolles Porträt einer nicht ganz freiwillig zusammengewürfelten Familie vor dem Hintergrund der immer größer werdenden sozialen Ungleichheit in Singapur.

Wir haben „We Are All Strangers“ im Rahmen der Berlinale 2026 gesehen, wo er im offiziellen Wettbewerb seine Weltpremiere gefeiert hat.

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