Forgotten Island
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Forgotten Island

Hollywood wagt einen (weiteren) Schritt in Richtung Anime

Von Michael Meyns

Animationsfilme sind Kinderkram, hieß es lange despektierlich. Das hat sich inzwischen zwar geändert, aber gerade zwischen amerikanischen und asiatischen Animationsfilmen lassen sich trotzdem noch immer fundamentale Unterschiede feststellen: Während etwa in japanischen Animes oft auch Erwachsene (mit erwachsenen Problemen) Hauptrollen spielen, zielen Animationsfilme aus Hollywood noch immer in erster Linie auf Kinder und Familien ab.

Einen überraschenden Spagat zwischen diesen beiden Animationswelten versuchen nun Januel Mercado und Joel Crawford im neuen Film des „Shrek“-Studios DreamWorks zu schlagen. „Forgotten Island“ ist auf der einen Seite ein durch und durch amerikanisches Produkt, das aber zugleich deutlich von einer Anime-Sensibilität beeinflusst zu sein scheint. Das Ergebnis überrascht mit oft exzessiven Animationen, mit denen eine sehr zeitgeistige Geschichte vom Wert der Freundschaft erzählt wird. Es gibt sogar einige derbe Gruselszenen, die Kinderseelen ohne Anime-Erfahrungen womöglich überreizen könnten.

Die besten Freundinnen Jo und Raissa müssen allerhand Abenteuer überstehen, um irgendwie in ihre eigene Welt zurückzufinden. Universal Pictures
Die besten Freundinnen Jo und Raissa müssen allerhand Abenteuer überstehen, um irgendwie in ihre eigene Welt zurückzufinden.

Die Außenseiterinnen Jo (Stimme im Original: H.E.R.) und Raissa (Liza Soberano) wachsen als BFFs („Beste Freundinnen für alle Zeiten“) auf einer philippinischen Insel auf. Im Laufe der Jahre wird ihre Verbindung zunehmend tiefer – symbolisiert durch die Freundschaftsarmbänder, an denen immer mehr gemeinsame Erinnerungen baumeln. Aber dann wird ihr Band auf eine harte Probe gestellt, denn Raissa soll zum Studieren nach Amerika ziehen. An ihrem letzten gemeinsamen Abend am Strand finden sie jedoch einen Schlüssel, der ein Portal zur mystischen Insel Nakali öffnet – und damit zu einer Welt, von der Jos Tante ihnen immer wieder erzählt hatte.

Die Freundinnen wagen den Sprung – und wachen zwölf Stunden später ohne Erinnerung auf Nakali wieder auf. Der Wolf Raww verspricht, ihnen bei der Suche nach dem magischen Schlüssel zu helfen, der eine Rückkehr in die reale Welt möglich machen würde, denn dort muss Raissa unbedingt noch rechtzeitig ihren Flug erreichen. Zugleich müssen sie sich aber auch gegen den Manananggal wehren – ein finsteres, vampirähnliches Fabelwesen aus der philippinischen Mythenwelt (das seine lange Zunge mitunter dazu benutzt, um Föten aus den Körpern schlafender Frauen zu extrahieren, aber dieser Teil wird in „Forgotten Island“ zum Glück der mit ihren Kindern im Kino sitzenden Eltern ausgespart) …

Einflüsse in allen Farben und Formen

Diesmal sind es also die Philippinen, deren Kultur und Mythen als Inspiration für ein überbordendes Animationsspektakel aus Hollywood dienen. Von Kolumbien („Encanto“) über Mexiko („Coco“) und Hawaii („Moana“) bis nach Italien („Luca“) und Schottland („Merida“): Die amerikanischen Filmstudios Pixar, Disney und DreamWorks haben sich in den letzten Jahren immer wieder bei Kulturen bedient, deren Traditionen vor allem als bunter Hintergrund dienten, vor dem dann einfache, universelle Geschichten erzählt wurden. So ist es auch hier, selbst wenn eine die tiefe Freundschaft unterstreichende Montagesequenz plötzlich mit dem Achtziger-Superhit „Never Tear Us Apart“ von INXS musikalisch befeuert wird.

So wenig originell die Handlung von „Forgotten Island“ ist, so ambitioniert fällt die visuelle Gestaltung aus: Meist dominieren betont moderne und bunte Computerbilder, die immer wieder eine erstaunliche Dreidimensionalität erreichen, auch ganz ohne 3D-Brillen. Dieser Tiefeneffekt wird in den vielen Rückblenden durch betont zweidimensionale Animationen abgelöst, die mit ihrer fast krakeligen Art zum einen wie kindliche Buntstiftzeichnungen anmuten, in ihrer Dynamik zugleich aber auch an japanische Mangas und Animes erinnern.

Nicht nur, weil ihre Armbänder voller gemeinsamer Erinnerungen sind: Jo und Raissa nimmt man ihre tiefe Verbundenheit wirklich ab! Universal Pictures
Nicht nur, weil ihre Armbänder voller gemeinsamer Erinnerungen sind: Jo und Raissa nimmt man ihre tiefe Verbundenheit wirklich ab!

Immer wieder poppen kleine Porträts der Figuren auf, als befände man sich in einem Computerspiel, während der scheinbare Endgegner Manananggal die meist bonbonbunte Welt von „Forgotten Island“ in düstere Sphären führt. Dunkel und bedrohlich wirken dann die Bilder, zumal diese bizarre Gestalt sich am Rumpf teilen kann und so schon mal nur die insektenähnlichen Beine über die Felsen staksen. Selbst wenn der Film ab 6 Jahren freigegeben ist, sollten sich Eltern mit kleinen Kindern also gut überlegen, ob das wirklich schon das Richtige für sie ist.

Gedächtnisverlust ganz ohne Alkohol

Ohnehin zielt die Story auf etwas ältere Zuschauer*innen ab. So wird auch nicht mit visuellen Popkultur-Zitaten gespart. Besonders schön ist eine Anspielung auf den ersten Indiana-Jones-Film „Jäger des verlorenen Schatzes“ geraten. Zudem erinnert die Erzählstruktur überraschenderweise an die „Hangover“-Filme: Was ist in den ersten zwölf Stunden auf der mystischen Insel wirklich passiert? Daran können sich Jo und Raissa nicht erinnern, nur ein paar Polaroids lassen spektakuläre Abenteuer erahnen.

Wie Ed Helms als Stu in der erfolgreichen Brachialkomödien-Trilogie haben sich auch die Freundinnen im Rausch ein Tattoo stechen lassen, das Schlimmes vermuten lässt – zumal sich bald auch noch ein Riesenbaby dazugesellt. „Forgotten Island“ streckt sich in alle Richtungen, bedient sich optisch bei allerlei Animationsstilen und erzählt auch inhaltlich lieber mehr als weniger. Manchmal ist das tatsächlich zu viel, da franst die Erzählung aus. Aber angesichts der schieren Dichte an Ideen und Gags sorgt dieser Exzess auch dafür, dass es garantiert nie langweilig wird.

Fazit: „Hangover“ trifft auf Jules Verne – mit einem Animationsstil, der reichlich westliche und östliche Einflüsse einmal kunterbunt durcheinandermischt. „Forgotten Island“ ist ein ziemlich abgefahrener Mix, bei dem nicht alles hundertprozentig zusammenkommt, der mit seiner Freundschafts-Botschaft und einem unbedingten Experimentierwillen aber verdammt gut unterhält.

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