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    Animals - Wie wilde Tiere
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    4,5
    hervorragend
    Animals - Wie wilde Tiere

    Ein extrem wütender Film

    Von Thorsten Hanisch
    Das ursprünglich aus akademischen Fächern wie Geschlechterforschung oder Soziologie bekannte Konzept der „toxischen Männlichkeit“ wurde spätestens seit #MeToo zu einem allgegenwärtigen Schlagwort. „Animals“ von Regisseur und Drehbuchautor Nabil Ben Yadir („Into The Night“) fügt diesem auf intellektueller Ebene nichts Neues hinzu beziehungsweise gibt sich bewusst schlicht. Denn entscheidend ist hier nicht so sehr, was erzählt, sondern wie erzählt wird.

    Yadirs Verfilmung eines realen Mordfalls aus dem Jahr 2012, der zumindest juristisch gesehen als erster homophober Mord Belgiens gilt, führt mit einer absolut sprachlos machenden Unerbitterlichkeit und Drastik vor Augen, zu was völlig außer Kontrolle geratene Männlichkeit führen kann. Der Film ist ein wütender Aufschrei, er macht schnell verpuffenden Schlagzeilen auf schmerzhafteste Weise greif- und fühlbar. Yadir will keinen intellektuellen Diskurs, er will mit größten Nachdruck ein für alle Mal klar machen, was falsch läuft.

    Brahim (Soufiane Chilah) wird in den nächsten Stunden auf grausamste Weise ermordet werden ...


    Im ersten Teil des Triptychon lernt man den 30-jährigen, schwulen Muslim Brahim (Soufiane Chilah) kennen, der während der großen Geburtstagsfeier seiner Mutter nervös auf seinen Freund Thomas wartet. Brahims Homosexualität ist in seiner Familie ein Tabuthema, es wissen nur ganz wenige, dass er schwul ist. Thomas lässt allerdings auf sich warten, weshalb sich Brahim nach einer Weile auf die Suche macht und im Nachtleben der Stadt einen folgenschweren Fehler begeht: Er steigt zu vier Männern ins Auto. Womit der zweite Teil beginnt: Die Viert entpuppen sich als die titelgebenden Tiere, betrunkene Typen, die völlig ausrasten, als sich ihr Mitfahrer zu seiner Homosexualität bekennt.

    Sie fahren mit ihm auf ein abgelegenes Feld, wo sie ihn in einer schier endlosen Orgie der Gewalt zu Tode misshandeln und anschließend einfach liegen lassen. Im dritten Teil folgt „Animals“ Loïc (Gianni Guettaf), der bisher als „schwächstes Glied“ des Männer-Quartetts galt, sich in dieser Nacht aber in den Augen der anderen endlich behauptet hat, nach Hause. Man erlebt sein soziales Umfeld, wie er einen Anzug anzieht und die Hochzeit seines Vaters besucht. Eine Episode, die sich spiegelbildlich zur ersten verhält, Gemeinsamkeiten zwischen Opfer und Täter aufzeigt, denn beide sind auf der Suche nach Akzeptanz in einer Gesellschaft, die das aber aufgrund völlig überkommener Werte nicht einfach akzeptieren kann…

    Hauptsache "stark"


    Genauso wie Brahmin nicht dazu gehört, weil in seiner sozialen Umgebung bestimmte Vorstellungen herrschen, wie Männer zu sein haben (in einer Szene erklärt Brahims Bruder Mehdi, dass seine Frau denkt, dass er ebenfalls schwul sei, da er seinen Bruder vor ihr verteidigt), gehört auch der schon wegen seines weichen Äußeren im Kontrast zu den anderen Männern stehende Loïc nicht dazu. Loïc wird Zuhause von seinem rabiateren und kräftigeren Bruder gedemütigt und hat in dieser Nacht ganz offensichtlich die Gelegenheit, die aufgestauten Aggressionen so richtig abzulassen: Er prügelt im finalen Akt des Verbrechens wie von Sinne auf den am Boden liegenden Brahim, ein und versichert sich anschließend mit blutigen Händen immer und immer wieder: „Ich bin stark!

    Auch wenn ein homophober Mord im Mittelpunkt steht: Dominanz und Aggression sind grundsätzlich die Antriebsfedern allen Handelns der Gruppe – das macht sich auch an einem Randaspekt bemerkbar: Loïc ist zwar das „Weichei“, aber es gibt ebenso erhebliche Spannungen zwischen zwei anderen Mitgliedern, bei denen ebenfalls ein gewisses Machtgefälle im Spiel ist.

    ... und zwar nur, weil sich Loïc (Gianni Guettaf) und seine Kumpels selbst beweisen müssen, was für "starke" Männer sie doch sind.


    Doch Yadir reißt vieles nur ganz knapp an, sein Hauptanliegen ist es, eine Sogwirkung zu erzeugen, die Zuschauer*innen so nahe wie nur irgend möglich an die – größtenteils von fabelhaften Laiendarsteller*innen gespielten - Figuren und an die Geschehnisse zu bringen. Das wird zum einen durch eine Kameraführung erreicht, die nahe an den Charakteren klebt, und durch viele lange Sequenzen, die ohne (erkennbare) Schnitte auskommen. Zum anderen durch das enge 4:3-Bildformat, das das Eingesperrtsein Brahims betont und mit Beginn der Ermordung noch weiter zum typischen Instagram-9:16-Format verengt wird: In der schier endlosen, kaum auszuhaltenden Sequenz wird auf die Handy-Kameras der Täter gewechselt, die das Treiben filmen und mit debilen Sprüchen kommentieren.

    Die formale Seite wird auf das Äußerste verdichtet, womit schnell eine Intensität aufkommt, die einen – salopp gesagt – phasenweise wirklich in den Sessel drückt, zumal der Regisseur die Grenzen des Zeigbaren konsequent auslotet: Der ohnehin schon beängstigend realistisch eingefangene Mittelteil macht auch vor einer analen Vergewaltigung mit einem Ast nicht halt.

    Fazit: Nabil Ben Yadir will keinen intellektuellen Diskurs, sondern seiner Wut Ausdruck verleihen. Er will einem Opfer völlig sinnloser Gewalt ein Gesicht geben, er will, dass abstrakte Schlagzeilen greif- und fühlbar werden und mit allem Nachdruck drauf aufmerksam machen, dass das, was viele immer noch unter „Männlichkeit“ verstehen, pures Gift sein kann. „Animals“ ist nicht leicht auszuhalten, aber ein brillant inszenierter, viszeraler, ungemein eindrucksvoller Film mit klarer Haltung.

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