Geister
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,5
hervorragend
Geister

Eine Liebe über den Tod – und den Hamburger Fernsehturm – hinaus

Von Christoph Petersen

Der ersten Begegnung kommt in eigentlich allen Liebesgeschichten eine zentrale Rolle zu. Trotzdem lässt sich in Büchern oder Filmen – wie im wahren Leben – auch beim zweiten oder dritten Date notfalls noch das Ruder herumreißen. Aber „Amrum“-Regisseur Fatih Akın hat genau diese zweite Chance in „Geister“ nicht, stattdessen muss die Chemie schon nach wenigen Leinwandsekunden stimmen. Schließlich stirbt seine Protagonistin nur wenige Minuten nach dem ersten – wie es in der Romantikkunst-Fachsprache inzwischen heißt – Meet-Cute. Wäre das in die Hose gegangen und der Funke nicht auf Anhieb auf das Publikum übergesprungen, hätte der Goldene-Bär-Gewinner (2004 für „Gegen die Wand“) wohl auch die folgenden knapp 100 Minuten seines 13. Spielfilms gleich mit in die Tonne kloppen können.

Aber es knistert – und wie!!! Drei Gymnasien haben sich zusammengetan, um ihre Abifeier in diesem Jahr in 124 Meter Höhe im Eventbereich des Hamburger Fernsehturms stattfinden zu lassen. Da herrscht eine erwartbar-ausgelassene Stimmung. Nur Farasha (Mariam Dawoud) und Faris (Eren M. Güvercin) bestellen Wasser – und veranstalten nach einem Abgleich ihrer Punkte im Physik-Abitur (13 und 14) auch gleich noch eine Wette über ihre Gesamt-Durchschnittsnoten (1,1 und 1,2). Strebsam, spießig, langweilig, könnte man meinen. Da hätte sich Akin auf dieser Party doch bestimmt ein cooleres Liebespaar aussuchen können, oder? Aber Pustekuchen: Die beiden sind ausgerechnet nach einem Dialog über Partielle Differenzialgleichungen schockverliebt – und der ganze Kinosaal gleich mit dazu!

Wir haben zuletzt wenigen Kinopaaren so sehr die Daumen gedrückt wie Farasha (Mariam Dawoud) und Faris (Eren M. Güvercin). Warner Bros.
Wir haben zuletzt wenigen Kinopaaren so sehr die Daumen gedrückt wie Farasha (Mariam Dawoud) und Faris (Eren M. Güvercin).

Eigentlich ist klar, dass da mehr draus wird, selbst die Verabredung für den nächsten Mittag ist sicherlich nur der Anfang. Aber nach einer besonders unübersichtlichen Streckenführung einer Baustelle im abgeschiedenen Hafenbereich landen die beiden gemeinsam mit Farashas bester Freundin Una (Carlotta von Falkenhayn) und Faris‘ bestem Kumpel Max (Gabriel-Winner Amorin) in der Elbe. Im weiteren Verlauf von „Geister“ werden wir immer wieder zu den spektakulär gefilmten Unterwasserszenen zurückkehren – und so erst nach und nach erfahren, was in dieser stürmischen Nacht dort unten tatsächlich geschehen ist. Klar ist allerdings: Drei haben überlebt und Farasha ist tot.

Faris, der nach dem Aufprall zunächst das Bewusstsein verloren hatte und am nächsten Morgen auf eigene Faust aus dem Krankenhaus auscheckt, erfährt davon erst, als er auf ihrem Facebook-Profil, wo er eigentlich nur das geplante Date bestätigen will, plötzlich all die „R.I.P.“-Kommentare sieht. Es zerreißt einem in diesem Moment mit ihm gemeinsam das Herz. Trotzdem ist Fatih Akın absolut niemand, der die Tränen mit Gewalt herauspresst. Stattdessen ist „Geister“ ein ungemein zärtlicher, nullkommanull Prozent zynischer Film, der seinen Figuren mit einem entwaffnenden Maß an Verständnis und Empathie begegnet.

Kein Funke Zynismus

Faris‘ Mutter Mine (Anna Bederke) ist Deutsche, sein abwesender Vater Türke. Farasha hingegen stammt aus Syrien und hat die Narben der Hundebisse, die sie bei ihrer Flucht nach Europa erleiden musste, zu einem Schmetterling umtätowieren lassen. Das klingt nach einer Steilvorlage für ein klassisches (sprich: klischeehaftes) Culture-Clash-Drama, bei dem sich das Paar gegen alle möglichen Widerstände von außen zur Wehr setzen muss. Aber wie man später erfährt, hat sich Farasha ganz allein für das Kopftuch auf der Abifeier entschieden, weder ihre Schwestern noch ihre Mutter Shifa (Lama Alhalbi) tragen eins.

Und selbst wenn das erste Treffen von Autolenker Faris und Farashas Familie kein kitschiger Friede-Freude-Eierkuchen-Moment ist, agieren Akin und seine Co-Drehbuchautorin Ruth Toma auch hier wieder mit einer so gewaltigen Großzügigkeit gegenüber all ihren Figuren, dass man spätestens bei der zweiten Begegnung gar nicht anders kann, als hemmungslos draufloszuheulen. Aber warum habe ich im vorherigen Absatz eigentlich von „Paar“ geschrieben, obwohl die beiden doch gar keine Chance hatten, zusammenzukommen? Ganz einfach: Nach ihrem Tod besucht Farasha ihren Faris in seinen Träumen.

Bei 40 Nächten voller somnambuler Kontaktaufnahmen ist natürlich auch mal ein feuchter Traum dabei. Warner Bros.
Bei 40 Nächten voller somnambuler Kontaktaufnahmen ist natürlich auch mal ein feuchter Traum dabei.

Auch das schreit potenziell nach Kitsch. Aber selbst wenn sich Farasha und Faris – eben wie ein normales junges Paar – in den Träumen zunehmend näherkommen, lässt „Geister“ die tatsächlichen Folgen von Trauma und Trauer nicht einfach hinten runterfallen, ganz im Gegenteil. Farasha lernt im Jenseits von ihrem bereits vor einigen Jahren verstorbenen Vater, dass Geister nicht länger als 40 Tage in den Träumen der Lebenden auftauchen sollten, sonst würden die Besuchten schlichtweg verrückt werden. Und Faris muss sich bei der Zwangsaufnahme in einer psychiatrischen Abteilung – ganz wie in „Matrix“ – zwischen einer roten und einer blauen Pille entscheiden.

Es ist genau dieser schmale Grat zwischen zwar von Verständnis geprägtem, aber deshalb nicht weniger schmerzhaftem Alltag und einer überhöht-romantischen Traumwandelei, der „Geister“ so sehr aus der Masse tragischer Liebesgeschichten herausragen lässt. Und Akin trifft ihn nicht nur im Drehbuch perfekt, sondern auch bei der regelrecht zwischenweltlichen Art, mit der er seine Heimatstadt Hamburg diesmal in Szene setzt – bis hin zum extra nachgebauten Dach des Hamburger Fernsehturms, das sogar noch spektakulärer ist als die wiederkehrenden Szenen am Boden der Elbe.

Fazit: So tragisch-schöne Liebesgeschichten sind – nicht nur im deutschen Kino – viel zu selten. Erst recht mit zwei solchen Hammer-Newcomer-Entdeckungen wie Mariam Dawoud und Eren M. Güvercin. Und wer – wie ich – doch einigermaßen Höhenangst hat, für den wird das luftige Finale auf dem Hamburger Fernsehturm sogar gleich doppelt nervenaufreibend.

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