Beware Boiúna
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
3,5
gut
Beware Boiúna

Schluss mit lustig!

Von Christoph Petersen

Als im Jahr 2020 ein Reboot des 1997er-Kultfilms „Anaconda“ angekündigt wurde, war die Skepsis groß: Kann ein ernstgemeinter Riesenschlangen-Horror heutzutage überhaupt noch in den Kinos funktionieren? Oder wird so ein überdimensioniertes Reptil von einem modernen Publikum nicht eh automatisch aus dem Saal gelacht? Das sah Regisseur Tom Gormican offenbar ähnlich – und so entpuppte sich seine 2025er-Version von „Anaconda“ als Meta-Komödie, in der sich Jack Black beim Versuch, selbst ein inoffizielles „Anaconda“-Remake zu drehen, irgendwann sogar ein vermeintlich totes Wildschwein auf den Rücken bindet.

Man kann die Comedy-Entscheidung des Studios im aktuellen Kinoumfeld sicherlich verstehen – und auch das weltweite Box Office von 134 Millionen Dollar (bei einem Budget von nur 41 Millionen Dollar) gab den Verantwortlichen recht. Trotzdem blieb bei vielen Fans das heimliche Verlangen, dass sie vielleicht doch lieber eine echte – sprich: einigermaßen ernsthafte – Neuauflage gesehen hätten. Und genau dieser Wunsch wird ihnen jetzt mit „Beware Boiúna“ erfüllt: „Silent Night, Deadly Night“-Regisseur Mike P. Nelson liefert einen dreckigen Riesenschlangen-Dschungel-Horror, der trotz seiner allgemeinen Geradlinigkeit vor allem auch aufgrund eines unerwarteten Twists überzeugt.

Um sich vor der Riesenschlange Boiúna in Sicherheit zu bringen, ist Lena (Kiana Madeira) jedes Versteck recht! Constantin Film
Um sich vor der Riesenschlange Boiúna in Sicherheit zu bringen, ist Lena (Kiana Madeira) jedes Versteck recht!

Die Medizinstudentin Alli („Happy Deathday“-Star Jessica Rothe) tuckert mit ihren zwei Kollegen, einem Kapitän und der Bootsfrau Lena (Kiana Madeira) auf einem Flussdampfer durch Kolumbien, um die anliegenden Dörfer mit Malaria-Tabletten zu versorgen. Der Kaiman, der vor ihren Augen einem der Dorfbewohner erst einen Arm abreißt und ihn dann unter Wasser zieht, ist dabei schon bald ihr kleinstes Problem: Die Truppe von Brennan Malloy (Logan Marshall-Green) scoutet die Gegend für – wenn schon nicht illegale, dann zumindest unmoralische – Rohstoffunternehmungen. Und am Ende des Abends wird Malloys betrunkener Sohn Shawn (Jackson Bews) gegenüber Alli so aufdringlich, dass Lena ihn niederschlägt – und dabei ungewollt seinen Tod verursacht.

Die Versuche, die Tat wie einen Unfall aussehen zu lassen, scheitern – und so bleibt der Medizin-Crew nur die Flucht in ein nahegelegenes Sperrgebiet im Dschungel. Allerdings ist das Betreten hier aus gutem Grund verboten, schließlich handelt es sich um das Territorium der legendären Riesenschlange Boiúna, die den Überlieferungen nach für die Erhaltung des Gleichgewichts zuständig ist und deshalb ganz allein darüber entscheidet, wer stirbt und wer nicht …

Je kleiner, desto fieser

Alli & Co. stoßen zunächst nicht auf die Schlange selbst, sondern auf einen tot im Fluss treibenden Kaiman. Eine spontane Obduktion ergibt: Die inneren Organe sind völlig zerquetscht, zudem scheint das ganze Reptil von schleimigem Magensaft umhüllt zu sein. Die einzige logische Erklärung: Offenbar hat eine Schlange den Kaimanrumpf ausgespuckt. Nur wie groß muss das Viech dann bitte schön sein? Die wenig überraschende Antwort: verdammt riesig! Die solide getrickste Dschungellegende wird all den lokalen Sagen zumindest in Sachen Körpergröße absolut gerecht – wobei Boiúna trotz ihrer gleichgewichtswahrenden „Mutter des Wassers“-Funktion am Ende auch kaum mehr Charakter entwickelt als vergleichbare Riesenschlangen in früheren Filmen. Sie erfüllt vollumfänglich ihren Zweck, mehr aber auch nicht.

Dafür setzt Mike P. Nelson allerdings auch nicht allein auf seine exotisch klingende Titelheldin: Gedreht wurde vor Ort im kolumbianischen Dschungel – und der wird in „Beware Boiúna“ tatsächlich angemessen lebensfeindlich in Szene gesetzt. Mit eingestreuten wackligen POV-Shots erzeugt Nelsons Stammkameramann Nick Junkersfeld eine authentisch-dreckige Atmosphäre, die dann nicht nur mit wie Treibsand fungierenden Matschlöchern, sondern auch mit allerlei weiterem Getier befeuert wird. Besonders in Erinnerung bleiben dabei sicherlich die von Moskitos übertragenen Bremsenmaden, die sich tief im Rücken von Allis Kollegen Callum (Will Close) eingenistet haben und nun einzeln (!) wieder herausgepult werden müssen (als Anleitung dafür dient nicht etwa das abgeleistete Medizinstudium, sondern ein YouTube-Video).

Alli (Jessica Rothe) will unbedingt den Menschen im Dschungel helfen – kämpft aber schon bald um ihr eigenes Überleben. Constantin
Alli (Jessica Rothe) will unbedingt den Menschen im Dschungel helfen – kämpft aber schon bald um ihr eigenes Überleben.

Achtung: Wir enthüllen zwar keine konkreten Wendungen, aber wir verraten im Folgenden, in welchem groben Bereich es einen Twist gibt. Für manchen mag das schon zu viel sein – deshalb ab hier weiterlesen auf eigene Gefahr!

Mike P. Nelson hat mit „Wrong Turn“ und „Silent Night, Deadly Night“ gleich zwei Reboots vorgelegt, die das Original-Franchise jeweils mit radikalen neuen Ansätzen auf links gedreht haben. „Beware Boiúna“ wirkt da gerade im Vergleich lange Zeit doch erstaunlich geradlinig, zumal auch noch die „Ärzte ohne Grenzen“-Protagonist*innen samt Illegaler-Rohstoffabbau-im-Regenwald-Thematik genau dem entsprechen, was man von so einem Film erwarten würde. Aber so ganz kann es der „The Domestics“-Regisseur dann – zum Glück! – doch nicht lassen: Was die Geschwindigkeit und die Reihenfolge des Ablebens der Figuren angeht, unterläuft „Beware Boiúna“ konsequent alle Erwartungen – und entlarvt damit zugleich geschickt die erprobten Sehgewohnheiten eines vornehmlich weißen Publikums.

Fazit: „Beware Boiúna“ beweist, dass ein ernsthafter Riesenschlangen-Horror im Jahr 2026 tatsächlich noch möglich ist! Mike P. Nelson verfrachtet seinen Cast in einen glaubhaft-unwirtlichen Matsch-Dschungel, in dem am Ende die kleinen, sich unter der Haut einnistenden Bremsenmaden fast noch grauenerregender sind als das titelgebende Giganto-Reptil. Dazu gesellt sich ein wesentlicher Twist, der nicht nur überraschend kommt, sondern zugleich perfekt auf die kolonialismuskritische Thematik des Films einzahlt.

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