Der geheimnisvolle Blick des Flamingos
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Der geheimnisvolle Blick des Flamingos

Eine grandios inszenierte Wundertüte

Von Thorsten Hanisch

Der geheimnisvolle Blick des Flamingos“ fühlt sich so vertraut wie fremd an. Er dreht sich um die Bildung neuer Familien jenseits der Blutsverwandtschaft, um Transfeindlichkeit und Homophobie und um Bigotterie – Themen also, die im queeren Kino gang und gebe sind. Doch der in tolle Bilder gekleidete Debütfilm von Regisseur Diego Céspedes wirkt aufgrund seiner von magischem Realismus durchsetzten Erzählweise zugleich äußerst ungewöhnlich.

Céspedes, der außerdem das Drehbuch schrieb, hebt seine Erzählung allein schon durch den von ihm gewählten Blickwinkel von ähnlichen Geschichten ab: Wir tauchen ein in die Welt der 11-jährigen Lidia (Tamara Cortés), die Anfang der 1980er-Jahre in einer Transgender-Community lebt. Transidentität, erlebt aus den Augen eines Kindes, das sich, wie Kinder eben so sind, null daran stört, sondern die Mitglieder dieser Gemeinschaft schlichtweg als liebende, sorgende Ersatzfamilie wahrnimmt: Man hört die „Woke!“-Schreier dieser Welt kollektiv nach Luft japsen. Aber Céspedes will nicht missionieren, sondern hält ein starkes, zutiefst humanistisches, dabei komplett kitschfreies und fantastisch gespieltes Plädoyer für die Liebe – ganz gleicher welcher Art – als verbindende Kraft zwischen den Menschen.

Die 11-jährige Lidia (Tamara Cortés) hat in der queeren Community um trans Frau Flamingo (Matías Catalán) eine Ersatzfamilie gefunden. Filmreederei
Die 11-jährige Lidia (Tamara Cortés) hat in der queeren Community um trans Frau Flamingo (Matías Catalán) eine Ersatzfamilie gefunden.

Chile, 1982: In einer abgelegenen, schroffen Landschaft, an der Sergio Leone seine helle Freude gehabt hätte, liegt ein kleines Bergbaudorf, in dem fast nur Männer leben. Die einzige Abwechslung in dieser Einöde ist das von Mama Boa (Paula Dinamarca) betriebene Alaska House, Zufluchtsort einer Gruppe von trans Frauen, die auf einer Kabarettbühne allabendlich vor kaum Publikum kleine Darbietungen geben, die die Handlung des Films kommentieren. Die Performerinnen tragen allesamt Tiernamen als Pseudonyme: Eagle (Alexa Quijano), Lioness (Bruna Ramírez), Star (Sirena González), Piranha (Francisco Día Z) und Flamingo (Matías Catalán).

Letztere ist mit ihren langen Beinen der unangefochtene Star der Truppe und wird von den meisten Männern heimlich begehrt. Die schillernde Community kümmert sich zudem liebevoll um die von Flamingo adoptierte Lidia und steht komplett hinter ihr, was gleich in den ersten Minuten deutlich wird, als die Jungs des Dorfs das Mädchen hänseln: Lidias Ersatzfamilie ist nämlich ziemlich angriffslustig und macht sich sogleich auf, um den Kerlen eine Abreibung zu verpassen. Doch eine mysteriöse Krankheit, die angeblich durch die Blicke eines queeren Mannes übertragen wird, sucht das Dorf heim. Als ein in Flamingo verliebter Bergmann (Pedro Muñoz) erkrankt, schlagen seine Gefühle in Hass um, wofür Flamingo bitter bezahlen muss. Die anderen Männer wiederum dringen ins Alaska House ein und verlangen, dass die Belegschaft zukünftig Augenbinden trägt – währenddessen macht sich Lidia auf, das Geheimnis der Seuche zu ergründen…

Die Angst vor dem Anderen

Der Name der Krankheit, AIDS, wird nie ausgesprochen – aber schnell wird deutlich, dass es sich bei der Geschichte um eine Allegorie auf den Ausbruch der Seuche zu Beginn der 1980er-Jahre handelt. Damit macht der Film deutlich, wie schnell die Angst vor dem Anderen zu einem fatalen Kreislauf führen kann, wobei mit dem Anderen nicht nur die Menschen aus dem LGBTQ+-Spektrum gemeint sind, sondern auch das Andere in uns allen.

Schließlich ist die Beziehung der Männer zu den Mitgliedern des Alaska House von einem ständigen Wechselspiel aus Abneigung und Begierde geprägt. Die Aversion, die die Gruppe immer wieder zu spüren bekommt, resultiert eben auch aus einer nicht eingestandenen Sehnsucht. Letztere kann dabei beängstigend wirken, und Angst sorgt oft für abstruse Theorien – und kann im äußersten Fall sogar in Gewalt umschlagen. Es ist toxische Männlichkeit, mit der die Männer des Dorfes hadern, auch wenn manche von ihnen nach einer kuriosen, den Film ins Absurde gleiten lassenden Auseinandersetzung mit den trans Frauen tatsächlich davon geheilt werden.

Der Film wuchert in viele verschiedene Richtungen – und streift irgendwann sogar das Western-Genre! Filmreederei
Der Film wuchert in viele verschiedene Richtungen – und streift irgendwann sogar das Western-Genre!

All das erlebt man im quadratischen, engen 4:3-Format, das die Welt von Lidia direkter, intimer wirken lässt. Das Mädchen wird von ihrer Ersatzfamilie bedingungslos geliebt und sie liebt zurück – so sehr, dass sie sich zusammen mit ihrem Freund Julio (Vicente Caballero) nicht nur auf die Suche nach mehr Informationen zu der Krankheit macht, sondern auch Rache nehmen will. Diese Absicht verleiht dem Film – der seinen Protagonisten in ihrer manchmal schwer greifbaren Art nicht unähnlich ist – einen leichten Western-Touch. In einem besonders überraschenden Moment bemüht er sogar extravagant designte Spezialeffekte, um den Blick des Flamingos zu visualisieren.

Doch Céspedes verliert bei allem Hang zur Exzentrik nie die Menschen aus den Augen: Seine Kamera erkundet die Gesichter der zu großen Teilen aus äußerst überzeugenden Laiendarsteller*innen bestehenden Besetzung mit großer Neugier. In Erinnerung bleiben aber vor allem die oft von Melancholie durchdrungenen Blicke Lidias, die sich der komplizierten, grausamen Welt, in der sie lebt, im Laufe der Handlung immer mehr bewusst zu werden scheint.

Fazit: Grandios inszenierte Wundertüte, formal und tonal wechselhaft, aber nie beliebig, großartig gespielt, voller Leidenschaft und trotz 1980er-Setting leider immer noch traurig nahe am Puls der Zeit – das chilenische Bergdorf ist letztendlich die Welt, in der wir nach wie vor ein viel zu großes Stück weit leben.

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