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    Axiom
    Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
    3,5
    gut
    Axiom

    Der neue Baron Münchhausen ist ein Museumswärter aus Köln

    Von Jochen Werner
    Ein Axiom bezeichnet in der Wissenschaft einen Grundsatz, der mit hinreichender Sicherheit als wahr vorausgesetzt wird und zur Ableitung von Beweisführungen verwendet werden kann, ohne selbst der Beweispflicht zu unterliegen. Im Weltbild eines religiösen Menschen, so heißt es einmal in Jöns Jönssons exemplarisch betiteltem Film, kann Gott die Rolle eines solchen Axioms einnehmen – und dann stimmt halt automatisch alles, was von der Existenz Gottes abgeleitet wird. Über Weltbilder und ihren Ursprung in der sozialen Prägung eines Menschen wird in „Axiom, der seine Weltpremiere im Encounters-Wettbewerb der Berlinale gefeiert hat, überhaupt viel gesprochen, meist im Brustton der unverrückbaren Überzeugung. Dass der gläubige Katholik Erik (Thomas Schubert) dann spät im Film aber doch eine ganz andere Geschichte erzählt als die, die sich der Protagonist Julius (Moritz von Treuenfels) für ihn zurechtgelegt hat, zeigt jedoch vielmehr, dass es sich bei manch einer vermeintlich unverbrüchlichen Wahrheit vielleicht doch eher um einen bloßen Glaubenssatz handelt.

    Für Museumswärter Julius ist, wie wir früh erfahren, die Wahrheit ohnehin ein maximal flexibles Konzept, das ihm bei seinem ausgeprägten Bedürfnis nach Aufmerksamkeit eher im Wege steht. Bei zufälligen Begegnungen im Bus klinkt er sich in die belauschten Unterhaltungen Fremder ein und entwickelt mit allerlei Geschick im Aushorchen spontan kleine Lügengeschichten. Diese setzen ihn unmittelbar in Beziehung zu den ihm unbekannten Menschen und rücken ihn jedenfalls bis zum Aussteigen ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Zugleich macht er sich die Erzählungen der anderen wiederum zu eigen, um sie später als eigene Erlebnisse ausgeben zu können.

    Jede spannende Geschichte, die Julius (Moritz von Treuenfels) irgendwo aufschnappt, gibt er später an anderer Stelle als eigenes Erlebnis aus.


    Im ersten Abschnitt lädt Julius eine Gruppe von Arbeitskolleg*innen aus dem Museum – offenkundig bereits zum wiederholten Male – zu einem Ausflug auf einem nicht existierenden Boot ein, bevor der Segeltörn dann unter Zuhilfenahme eines vorgetäuschten epileptischen Anfalls im allerletzten Moment doch nicht zustande kommt. Und wenn sich die Schlinge um ihn doch einmal zu sehr zuzuziehen droht, als dass er sich noch einmal aus der Situation herauslügen könnte, bricht Julius einfach alle Brücken ab – dann wechselt er den Arbeitsplatz oder die WG und reagiert nur noch mit hilfloser Aggression, wenn ihn seine herbeifabulierte Vergangenheit wieder einmal einzuholen droht.

    Nach der ersten Episode, eine gute halbe Stunde in den Film hinein, gibt es einen Bruch. Die Titeleinblendung wird nachgereicht – und die Opernsängerin Marie (Ricarda Seifried), mit der Julius seiner Mutter zuvor eine Beziehung vorgeschwindelt hat (so glaubt man als Zuschauer*in zumindest), existiert plötzlich tatsächlich. Ist der Film selbst hier Julius' Geschichtenerzählerei auf den Leim gegangen? Ein interessanter Gedanke, auch weil Julius selbst nun plötzlich als erfolgreicher Architekt auftritt, was er in gewisser Hinsicht ja die ganze Zeit schon war. Auch wenn seine Konstrukte nicht aus Holz und Beton, sondern aus Spinnereien erreichtet sind – wie Kartenhäuser, vor deren Zusammenbruch er stets auf der Hut und auf der Flucht ist.

    Mit eigenen Waffen geschlagen


    Dieser Meta-Idee auch strukturell nachzugehen, traut sich „Axiom“ dann aber doch nicht. Stattdessen bleibt alles auf einem zumindest halbwegs geerdeten Boden der Tatsachen, der nicht grundlegend erschüttert, sondern nur durch die ungreifbare Figur des zwanghaften Lügners herausgefordert wird. Zumindest einen weiteren brüchigen Augenblick gibt es aber später noch, wenn Julius selbst mit einer grundsätzlichen Irritation konfrontiert wird: Die Geschichte um die Begegnung mit einem nackten Mann an einer Kölner Ampel, die in verschiedenen, leicht voneinander abweichenden Ausformulierungen durch den Film spukt, eignet sich plötzlich nach Julius auch Marie an, die sie wiederum leicht abgewandelt als eigenes Erlebnis weitererzählt. So mit seiner eigenen Strategie konfrontiert zu werden, scheint Julius durchaus existenziell zu erschüttern – und die kurze Szene bleibt am Ende als der vielleicht verstörendste Moment des Filmes übrig. Aber das Potenzial, das sie eröffnet, bleibt unverbunden im Raum stehen – und „Axiom“ geht danach wieder auf konventionelleren Pfaden weiter.

    So entsteht der Eindruck, dass hier ein im Kern radikaler Stoff entweder nicht wirklich zu Ende gedacht wurde oder aber der letzte Schritt zu einer wirklich konsequent-fragmentarischeren filmischen Form gescheut wurde. Unterdessen entfaltet „Axiom“ seine größten Stärken in einer Reihe von Dialogsequenzen, in denen wir der allmählichen Konstruktion von Julius' Lügengebäuden beiwohnen. Diese funktionieren deshalb hervorragend, weil sie nicht einfach als plumpe Lügen in den Raum gestellt, sondern im Zusammenspiel mit dem jeweiligen Gegenüber als überaus geschicktes Abfragen von Informationsbruchstücken und provokantes Spiel mit Erwartungshaltungen inszeniert werden. Das Glanzstück in dieser Hinsicht ist wohl das gemeinsame Abendessen mit Maries bildungsbürgerlichen Eltern, denen er nicht nur eine seiner abenteuerlichsten Geschichten auftischt, sondern die dann auch noch ihre eigene, sich verselbständige Dynamik in die Gesprächssituation einbringen.

    Fazit: Dem schwedischen Regisseur Jöns Jönsson gelingt es mit seinem zweiten Spielfilm „Axiom“ und vor allem seinem Lügner-Protagonisten durchaus, das Interesse das Publikums über die gesamte Laufzeit zu halten. Das radikale Potenzial, über das der Stoff eigentlich verfügt und das in einzelnen herausragenden Sequenzen auch angedeutet wird, löst „Axiom“ dann aber doch nie so ganz ein. Übrig bleibt der Eindruck eines ambitionierten Films, der aber nie so ganz zu Ende gedacht wurde.

    Wir haben „Axiom“ im Rahmen der Berlinale 2022 gesehen, wo er in der Sektion Encounters gezeigt wurde.

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