Bürgerkrieg in den USA, knapp 150 Jahre nach dem Sezessionskrieg scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Nur mit einer völlig anderen Ausgangssituation, mit anderen Motivationen, anderen Kriegsparteien und – natürlich – anderen Mitteln. Interessanterweise steht da aber der Krieg selbst, bzw. Seine Hintergründe, gar nicht so sehr im Vordergrund, es geht vielmehr um eine kleine Gruppe Kriegsberichterstatter, die wir auf ihrer km langen Reise nach Washington, DC. Dabei ist die Intention dieser Gruppe ziemlich egoistisch, sie wollen das vielleicht letzte Interview mit dem (Noch-)Präsidenten machen, bevor dieser gestürzt wird, was offenbar unmittelbar bevorsteht. Hoffentlich dauert der Bürgerkrieg auch noch so lange, damit wir auch die perfekten Fotos und das Interview bekommen.
So zynisch diese Ausgangsprämisse schon ist, so geht es den ganzen Film auch weiter. Alex Garland nimmt uns mit auf eine Reise, die wahrlich keine schönen Bilder bereithält, aber vom audiovisuellen Style her ihre ganz eigene Schönheit entfaltet. Das Ganze funktioniert wie in einem Roadmovie, die Gruppe durchläuft verschiedene Stationen auf ihrer Reise, erlebt Erstaunliches, Erschreckendes und auch Gruseliges, dabei durchläuft jeder der Figuren ihre ganz eigene Entwicklung, bevor dann alles auf das unvermeidbare, unglaublich intensive Finale hinausläuft.
Als emotionaler Anker für uns Zuschauer fungiert da das Duo aus Lee (großartig: Kirsten Dunst) und Joel (Wagner Moura), die beide auch so ihr ganz eigenes Päckchen zu tragen haben. Dabei erfahren wir nur sehr wenig über die Backstory der beiden, Lees Geschichte wird über ein paar finstere Rückblenden erzählt, über Joel erfahren wir sogar noch weniger. Dabei wird auch nie so richtig klar, warum Lee so verbittert ist, warum sie ein so großes Problem hat, die beiden anderen Fahrgäste mitzunehmen (“Kindergarten und Altersheim zusammen auf der Rückbank”), wir können es nur erahnen.
Aber irgendwie macht es gerade auch den besonderen Reiz dieses Films aus, dass so viele Fragen gestellt werden und nur so wenige Antworten gegeben werden. Wie lange geht der Bürgerkrieg schon? Worum geht es da? Warum ließ der Präsident die eigenen Leute bombardieren? Wer kämpft da genau gegen wen? Was ist Lees Problem? Was will der alte Sammy in Washington? Welche Motivation treibt die junge Jessie an? Undsoweiter undsoweiter. Der Film lädt da natürlich zum Diskutieren ein und hat gerade heute im Angesicht eines komplett wahnsinnigen Präsidenten dort nochmal einen ganz anderen Impact, als es vor zehn Jahren oder so der Fall gewesen wäre. Und wenn wir uns an die Bilder der Erstürmung des Capitols 2021 erinnern, wirken die Bilder – insbesondere die letzten 20 Minuten – geradezu gespenstisch real.
Erwähnenswert ist noch die herausragende Inszenierung, ich möchte fast sagen, wie man es von Alex Garland gewohnt ist. Viele sehr intensive Szenerien sind ohne Musikunterlegung dargestellt, während andere dann durch vordergründig kontradiktische Musik umso erschreckender wirken. Als Beispiel sei die Szenerie mit De La Souls “Say No Go” genannt. Immer wieder wird das Bild auch eingefroren und als Fotografie gezeigt, wie sie von Lee oder Jessie gerade aufgenommen wurde. Besonders zynisch ist dann der “Moneyshot” am Ende, der im Nachspann gezeigt wird. Sehr eindrucksvoll sind auch die Bilder des durch den Bürgerkrieg geplagten Landes: Von komplett zerbombten Statdtteilen über die gepflegte Vorstadtsiedlung, wo gemütlich der Rasensprenger läuft (“Wir halten uns da raus.”) bis zu Leichenbergen, Massengräbern und brennenden Wäldern. Gerade bei dem brennenden Wald und auch bei den beiden versprengten Snipern, die einen anderen Sniper belagern, hatte ich starke “Apocalypse Now”-Vibes – stark!
FAZIT: Erschreckend realistisches Drama mit vereinzelten Actioneinlagen, das ein Bürgerkriegsszenario in den USA zeigt. Intensive Bilder begleiten ein starkes Schauspielergespann auf einer Reise durchs Land auf der Jagd nach dem einen, dem perfekten Foto. Aus mehren Gründen absolut sehenswert, von mir gibt’s eine klare Empfehlung!