Der Film könnte auf viele Zuschauer verwirrend wirken, da er in mehreren, unterschiedlichen Zeitebenen spielt, ohne dass die irgendwie direkt miteinander verbunden sind. Auch wird zumindest zu Beginn nicht immer gleich offensichtlich wann die konkrete Handlung gerade stattfindet und in welcher Reihenfolge die Szene zur restlichen Handlung steht. Einen indirekten Hinweis bekommt man indes über Ronas Haarfarbe. Im weiteren Verlauf wird es aber zumindest etwas klarer, die Geschichte ist praktisch in zwei Teile geteilt: Ronas wildes Partyleben in London mit immer wiederkehrenden Abstürzen, ihrer Entzusgsbehandlung und die Nachsorge, die im Wesentlichen über die AA-Selbsthilfegruppe läuft und eben ihre Zeit danach, als sie in ihre Heimat auf die Orkney-Inseln zurückgekehrt ist.
Dabei jagt Regisseurin Nora Fingscheidt ihre Hauptdarstellerin Saoirse Ronan durch eine wahrlich wilde Tour-de-Force, die von ihr allerhand abverlangt. Die abenteuerlichen Party-Nächte, ihre Abstürze, ihre Auseinandersetzungen mit ihrem Freund und immer wieder mit viel zu viel Alkohol (literally bis zur Bewusstlosigkeit) sind eindringlich und teilweise auch erschreckend beängstigend inszeniert. Ihre anschließende Zeit auf Entgiftung und dann bei den Anonymen Alkoholikern ist demgegenüber fast schon ruhig und bedächtig, das Erzähltempo ist hier auch spürbar entschleunigt. Gleichzeitig ist aber der schwere Kampf gegen die Sucht in jeder Szene spürbar, was vor allem auch an der (wieder einmal) absolut herausragenden Performance von Saoirse Ronan liegt. Ihre Verzweiflung, ihre Wut, ihre Angst, aber auch ihre Entschlossenheit und ihre Hilflosigkeit gegenüber der Sucht sind in jeder Szene geradezu physisch spürbar. Das alles wird nochmal intensiver, wenn all ihre Emotionen auf die raue Landschaft der Orkney-Inseln treffen. Bilderbuchhafte wunderschöne Landschaftsaufnahmen wechseln sich ab mit eindringlichen, schmerzhaften und immer wieder sehr emotionalen Szenen der Protagonistin.
Der Film lebt von diesen krassen Gegensätzen zwischen Zivilisation und Natur, die Autorin der Autobiografie, Amy Liptrot, auf der der Film beruht, hat auch gerade aus diesem Grund ihrem Buch den Titel „The Outrun“ gegeben. Damit ist ein ganz spezielles Stück Land auf der Farm ihrer Eltern auf den Orkney-Inseln gemeint, ein Ort, der für sie sowohl Isolation als auch Freiheit symbolisiert. Und so ist dann auch die letzte Szene im Film gleichsam ein Befreiungsschlag und markiert Ronas Rückkehr ins Leben. Sie hat ihre Abhängigkeitserkrankung akzeptiert, statt vor ihr zu fliehen, im Buch spricht die Autorin von einer tiefen, fast mystischen Verbindung zur Natur. So kulminiert der Film dann auch in einer grandiosen, sehr bewegenden und sehr eindrucksvollen Szene – fantastisch.
Und ich kann nicht aufhören, von der unfassbar grandiosen Performance von Saoirse Ronan zu sprechen! Ich war ja schon lange ein Fan von ihr, aber was die vierfach Oscar-Nominierte Schauspielerin hier abliefert ist bar jeder Beschreibung. Man möchte fast meinen, dass sie all das, was sie schauspielert, selbst körperlich und emotional durchlebt, so intensiv und glaubhaft ist ihr Spiel. Das muss man gesehen haben! Daher gebe ich für „The Outrun“ auch eine absolute, uneingeschränkte Empfehlung! Unbedingt anschauen!