Winter in Sokcho
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Winter in Sokcho

Stürmische Gefühle in eiskalter Landschaft

Von Thorsten Hanisch

Der französische Protagonist ist ein selbstbewusster, genialischer und dementsprechend eigenbrötlerischer Comic-Künstler, der im Laden Papier und Tinte zunächst einer Geschmacksprobe unterzieht, bevor er sie kauft. Und er ist bestimmt zweieinhalbmal so alt wie die 23-jährige Protagonistin, eine zurückhaltende junge Frau aus der koreanischen Provinz, die ihren – ebenfalls französischen – Vater nie kennengelernt hat. Er weckt in ihr ein Verlangen, das sicherlich mit ihrem abwesenden Vater zu tun hat, aber vermutlich auch darüber hinausgeht. Also mal wieder ein älterer Mann, der auf eine wesentlich jüngere Frau trifft – und damit ein Stoff, aus dem schon unendlich viele Geschichten gestrickt wurden. Aber „Winter in Sokcho“ ist sich dieses Umstandes durchaus bewusst – und lässt die daran anknüpfenden Erwartungen konsequent ins Leere laufen.

Regisseur und Drehbuchautor Koya Kamura erzählt in seiner Verfilmung des gleichnamigen Buchs von Elisa Shua Dusapin von unerfüllten Sehnsüchten, provinzieller Enge und der Schwierigkeit, Kunst und Leben in Einklang zu bringen. Das romantisch angehauchte Drama kommt auf leisen Sohlen daher und erfreut mit entsprechend zurückhaltend und sehr nuanciert aufspielenden Stars. Nur die abstrakt-animierten Sequenzen, die das Innenleben der Protagonistin ausdrücken sollen, hätten nicht unbedingt sein müssen. Sie finden mit den ansonsten streng naturalistischen Bildern nicht wirklich zusammen und stören so den sanften Fluss des feinsinnig erzählten Films.

Soo-Ha (Bella Kim) ist so fasziniert vom neuen Gast, dass sie anfängt, ihn heimlich zu beobachten. Film Kino Text
Soo-Ha (Bella Kim) ist so fasziniert vom neuen Gast, dass sie anfängt, ihn heimlich zu beobachten.

Soo-Ha (Bella Kim) arbeitet in einer kleinen Pension. Da sie als einzige Angestellte Französisch spricht, soll sie sich um den neuen Gast Yan Kerrand (Roschdy Zem) kümmern. Der schroffe Mann löst bei ihr aber auch über das Berufliche hinausgehendes Interesse aus. Per Google-Suche erfährt sie, dass es sich bei dem Gast um einen bekannten Comic-Zeichner handelt. Der ältere Mann weckt sogar so sehr ihre Aufmerksamkeit, dass sie – was man ihr eigentlich gar nicht zugetraut hätte – ihn durch ein Loch in der Fensterabdeckung hindurch heimlich beobachtet.

Wie die junge Frau wollen bald auch wir als Zuschauende mehr wissen von dem ewig Getriebenen. Schnell wird klar, dass Soo-Ha mehr in dem markanten Mann sieht als nur einen potenziellen Vaterersatz, dass Kerrand für sie zugleich auch einen Wunsch nach Ausbruch und Neuanfang verkörpert…

Sehnsucht nach Ausbruch

Das titelgebende, auch wegen der guten Anbindung an Seoul beliebte Sokcho ist eine mittelgroße Küstenstadt in der Provinz Gangwon im Nordosten Südkoreas, die von Tourist*innen vor allem als Ausgangspunkt für einen Ausflug in den nahegelegenen Seoraksan-Nationalpark genutzt wird. Ein klassischer Durchgangsort also, der im Winter kaum frequentiert wird und dementsprechend leer und einsam wirkt, was Kamura in mitunter beklemmenden, von fahlem Licht durchdrungenen Bildern einfängt. Da ist es kein Wunder, dass das Auftauchen von Kerrand wie eine kleine Explosion im grauen Alltagsleben der jungen Soo-Ha wirkt.

Die erstarrte Landschaft steht auch in einer symbolischen Beziehung zur sozialen Umgebung: Die Mutter der Protagonistin (Park Mi-Hyeon), eine Fugu-Spezialistin, die den berüchtigten Fisch filetieren kann, ohne dass das tödliche Gift ins Fleisch gelangt, will unbedingt, dass ihre Tochter schnellstmöglich heiratet. Soo-has Freund Jun-Oh (Doyu Gong) wirkt auf den ersten Blick etwas moderner, strebt sogar eine Modelkarriere an, verlangt dann aber, dass sie sich wie er einer Schönheitsoperation unterziehen sollte. Mit der Begründung, dass das in der Stadt gerade alle machen würden, ist er dann doch nicht so weit weg von der provinziellen Geisteshaltung der Mutter.

Zwischen Soo-Ha und dem sehr viel älteren Yan Kerrand (Roschdy Zem) entwickelt sich eine stille Verbindung. Film Kino Text
Zwischen Soo-Ha und dem sehr viel älteren Yan Kerrand (Roschdy Zem) entwickelt sich eine stille Verbindung.

Der individualistische Kerrand fällt da natürlich aus dem Rahmen, er scheint sein Leben so zu leben, wie er es will. Doch die Verbindung der beiden bleibt untemperiert, so kühl wie die Winterlandschaft, in der der Film spielt. Kerrand bleibt am Ende nur ein Gast, der kommt und wieder geht. Nichts passiert, wie vielleicht nie etwas in Sokcho passieren wird. Der Film verfällt deshalb allerdings nicht in Bitterkeit, zumindest ein kleiner Neuanfang steht bevor, die Pension wird renoviert, bereit gemacht für die Zukunft – und auch Soo-Ha hört nicht auf zu träumen.

Fazit: Eine leise, aber dafür umso eindringlichere Geschichte einer flüchtigen Begegnung, die einen Wirbelwind der Gefühle in der jungen Angestellten einer kleinen Pension auslöst. „Winter in Sokcho“ flirtet zwar ein wenig mit Klischees, lässt die Erwartungshaltung aber ins Leere laufen, was dem Film umso mehr Nachhall verleiht.

Möchtest Du weitere Kritiken ansehen?
Das könnte dich auch interessieren