Kunstvolles Sommerabenteuer für alle Altersklassen
Von Thorsten HanischDer kunstvoll, mit viel Liebe zum Detail umgesetzte „Die Schatzsuche im Blaumeisental“ richtet sich mit seiner Geschichte über Lucie (Stimme im Original: Lucie Léontiadis), die ihre Sommerferien auf dem Land verbringt und dort so manches Abenteuer erlebt, in erster Linie natürlich an Kinder. Aber dabei fängt der Scherenschnittfilm das freiheitliche Gefühl eines ganz bestimmten Lebensabschnitts derart gekonnt ein, dass auch Erwachsene unweigerlich emotionalen Anschluss finden werden.
Schließlich hat jeder diese Phase erlebt, in der einem die ganze Welt wie ein ganz neuer, aufregender Abenteuerspielplatz erschien, man völlig unbefangen und voller Neugierde sein Umfeld erforscht hat. Erzählt wird zwar genauso von Identitätsfindung und Zusammenhalt, aber der Spaß am Entdecken des Unbekannten steht im Regie-Debüt von Antoine Lancioux ganz klar im Vordergrund. Und dieser Spaß überträgt sich schnell auf junge wie schon etwas ältere Zuschauer*innen, weshalb die gemeinsame Zeit mit Lucie wie damals die Sommerferien fast schon zu schnell vergeht.
Die neunjährige Lucie fährt nach Bectoile zu ihrer Mutter, die in der Region aufgewachsen ist und dort momentan eine archäologische Expedition in einer Schlossruine leitet. Diese nimmt sie sogar so sehr in Beschlag, dass sie es nicht mal rechtzeitig zum Zug schafft, um ihre Tochter abzuholen. Dafür finden sich am Bahnhof zwei Blaumeisen ein, die das Mädchen fortan auf ihrem Weg begleiten werden. Lucie nimmt die Verspätung locker, denn es gibt in der neuen Umgebung viel zu entdecken. Bereits auf dem Rückweg vom Bahnhof entdeckt sie einen verletzten Dachs, den sie in ihre Obhut nimmt.
Etwas später lernt Lucie den etwas älteren Yann (Anton Souverbie-Giorgis) kennen, mit dem sie die Gegend erkundet und der ihr von einem merkwürdigen, alten Mann erzählt, welcher in einem Camper im Wald lebt und von allen gemieden wird. Doch der Sonderling könnte vielleicht die einzige Rettung für den verletzten Dachs sein, weswegen das Mädchen all seinen Mut zusammennimmt und ihn aufsucht. Aber das größte Abenteuer, das das Leben von Lucie und ihrer Familie für immer verändern wird, wartet in der alten Schlossruine…
Luftkind
Speziell die Abenteuer in der Schlossruine mit ihren engen Schächten und dunklen Höhlen evozieren zwar Erinnerungen an Jugendbuchklassiker wie „Fünf Freunde“ oder an Kinder-Abenteuerfilme wie „Die Goonies“. Zugleich grenzt sich „Die Schatzsuche im Blaumeisental“ allerdings dadurch ab, dass es keinen Antagonisten und keine übertriebenen Bedrohungen gibt. Es kommt zwar zu Spannungsmomenten, aber Lancioux achtet stets auf maximale Anschlussfähigkeit an das Welterleben seines jungen Publikums. Lucies oft humorvollen Erlebnisse sind zwar eher klein, aber eben Erlebnisse, die die jungen Zuschauer genauso selbst haben könnten (und die deshalb sogar besonders involvierend sind).
Zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit, also zum „realistischen“ Gefühl, trägt auch die Machart bei: Der aus mehr als 100.000 Einzelbildern gefertigte Film fühlt sich trotz der eher simplen Designs ungemein lebendig an, wofür nicht nur die ausdrucksstarken Zeichnungen, sondern ebenso viele kleine, beiläufig eingestreute Details sorgen. Da sitzt beim Vorbeifahren am Wegesrand ein kleiner Igel und guckt Mutter und Tochter hinterher – oder es flirren, kaum wahrnehmbar, winzige Fliegen durch den Kuhstall.
Fazit: Der perfekte Kinderfilm! Sehr einfühlsam und wunderschön gestaltet knüpft „Die Schatzsuche im Blaumeisental“ jederzeit an die Lebenswelt der jungen Zuschauerschaft an, ist aber für Erwachsene ebenfalls interessant. Und das Schönste: Er sendet eine tolle Botschaft in den Kinosaal! Die Gemeinschaft zählt – am Ende halten alle zusammen: Kinder, Eltern, Großeltern und selbst die Tiere gehören dazu!