145 Jahre und trotzdem noch immer voller Energie!
Von Jörg BrandesMit „Heidi“ erschuf die Autorin Johanna Spyri (1827-1901) vor 145 Jahren eine der populärsten Kinderbuchfiguren aller Zeiten. Das Waisenmädchen aus den Graubündner Alpen dürfte bis heute eine der weltweit bekanntesten Schweizerinnen sein. Die Gesamtauflage der beiden „Heidi“-Bücher liegt inzwischen bei mehr als 50 Millionen Exemplaren – und dann gibt es noch die japanische Anime-TV-Serie, die selbst längst absoluter Kult ist. Natürlich wurde der Stoff auch schon zigmal als Film umgesetzt. Im Kino tauchte Heidi zuletzt 2015 auf – in einem Realfilm mit Bruno Ganz als Heidis Opa Alm-Öhi.
Im selben Jahr entstand auch eine fürs Fernsehen produzierte Animationsserie. Wer mag, kann sich aber auch recht real in die Welt von Johanna Spyris junger Heldin versetzen lassen: bei einem Besuch des Heididorfs im Schweizerischen Maienfeld. Die neue Leinwandversion „Heidi – Die Legende vom Luchs“ wäre dafür eine gute Vorbereitung. Der Animationsfilm bietet neben schönen Bildern auch eine spannende Geschichte, die so zwar nicht in Spyris Romanen zu finden ist, aber dem Geist der Originale dennoch treu bleibt.
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Heidi hat Sommerferien und freut sich schon darauf, ihre Freundin Clara zu besuchen, die mit ihrem Vater an der Ostsee Urlaub macht. Die Zugtickets hat Clara schon mit der Post geschickt. Doch als Heidi zusammen mit ihrem Freund Peter ein verletztes Luchsjunges entdeckt, das in eine Falle gegangen ist, legt sie ihren Ostseetrip erstmal auf Eis. Schließlich muss das Kleine, das sie Peps nennt, gesundgepflegt werden. Als Heidis Großvater Alm-Öhi das pelzige Kerlchen entdeckt, besteht er darauf, es nach der Genesung wieder zu seiner Familie zu bringen. Zugleich wird Heidis heile Bergwelt von einem fortschrittsgläubigen Kapitalisten bedroht:
Der durchtriebene Geschäftsmann Schnaittinger (Stimme: Max Giermann) will in Dörfli ein Sägewerk errichten und verspricht der Dorfbevölkerung das Blaue vom Himmel. Selbst den durch einen Brand zerstörten Kirchturm will er neu errichten lassen. Bereitwillig geben fast alle ihre Zustimmung zu dem Projekt. Nur Alm-Öhi verweigert seine Unterschrift. Er verweist auf die Waldzerstörung, die der Betrieb eines Sägewerks nach sich ziehen würde. Als Schnaittinger zufällig den kleinen Luchs im Haus von Alm-Öhi entdeckt, macht er im Ort Stimmung gegen den grummeligen Alten. Denn die Dorfbevölkerung sieht in den Wildtieren eine Gefährdung ihrer Nutztierhaltung
Drehbuchautor Rob Sprackling hat in der Story geschickt aktuelle Themen untergebracht. Die Sache mit den Luchsen erinnert etwa stark an die auch hierzulande immer wieder hochkochende Wolfsproblematik, die ständig zu Konflikten zwischen Naturschutz und Nutztierhaltung führt. Im Fall der Luchse wird hier aber auch darauf hingewiesen, dass sich diese ihre Beute in der Nähe menschlicher Behausungen nur suchen, weil ihr eigentlicher Lebensraum zunehmend zerstört wird. Damit weist der Film auf ein weiteres Problem hin, ohne allzu belehrend zu wirken: die aus Profitgier betriebene Ausbeutung der Natur ohne Rücksicht auf Verluste.
„Heidi – Die Legende vom Luchs“ hat aber auch abseits von solchen Überlegungen einiges zu bieten: Viele aus Spyris Vorlagen bekannte Charaktere tauchen auch im Film auf. Zudem wird die Geschichte eng an den Figuren erzählt. Dabei hat die Titelheldin im Zentrum seit ihrer literarischen Geburt 1880 nichts von ihrem Identifikationspotenzial verloren. Einerseits verkörpert die achtjährige Heidi kindliche Unschuld, andererseits ist sie ein so mutiges wie kluges und empathisches Mädchen, das sich vom Filmbösewicht nicht einschüchtern lässt.
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Gut getroffen ist auch ihr Großvater, der etwas grantig sein mag, sich aber als altehrwürdiger Senior nicht einfach über den Tisch ziehen lässt und noch jede Menge Tatkraft ausstrahlt. Die braucht er denn auch im spannungsbetonten letzten Filmviertel. Humor kommt ebenfalls nicht zu kurz. Peters vorwitziges Zicklein Rübli gibt etwa gern mal den Pausenclown – und Alm-Öhis gemütvoller Bernhardiner Joseph hat gleichfalls so seine Momente.
Obendrein ist das Animationswerk – eine deutsch-spanisch-belgische Koproduktion – hübsch anzuschauen. Dabei kommt Regisseur Tobias Schwarz sicher seine langjährige Berufserfahrung zugute. Er arbeitete unter anderem bei 20th Century Fox und Disney als Animator, wirkte etwa an „Anastasia“ (1997) und „Tarzan II“ (2005) mit. Unter seiner Regie sind die am Computer erschaffenen Landschaftskulissen und Bergpanoramen absolut kinotauglich. Zudem kann sich die deutsche Synchronisation durchaus hören lassen. Sie ist von einer Qualität, die die Figuren wahrhaft lebendig wirken lässt.
Fazit: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die frisch animierte Heidi ihr Publikum in den Bann zieht: mit eindrucksvollen Bildern, liebevoll ausgearbeiteten Charakteren und einer besonders zum Ende hin packenden Geschichte. Zudem sensibilisiert der Film den Kinonachwuchs relativ unaufdringlich für Naturschutzbelange.