Ein Pelikan stiehlt am Ende allen die Show
Von Christoph PetersenKommen ein Ire, ein Engländer und eine Amerikanerin in ein Diner … Das klingt nach dem Anfang eines schlechten Scherzes, und in gewisser Hinsicht ist es das auch: Schließlich handelt „Butterfly Jam“ zwar von der tscherkessischen Community in New Jersey, doch dem Iren Barry Keoghan („Saltburn“), dem Engländer Harry Melling (bekannt geworden als Harry Potters Cousin Dudley Dursley) und Elvis Presleys ältester Enkelin Riley Keough („Mad Max: Fury Road“) nimmt man die nordkaukasische Herkunft ihrer Rollen nicht ab. Und auch sonst wirkt in Kantemir Balagovs erstem Film seit seiner Emigration aus Russland vieles unrund.
Mit seinem zweiten Spielfilm „Bohnenstange“ hat der selbst im tscherkessischen Naltschik geborene Balagov 2019 den Regiepreis der Sektion Un Certain Regard in Cannes gewonnen. Damit war ihm die Aufmerksamkeit der weltweiten Filmgemeinde sicher. Und tatsächlich: Als er 2022 als Reaktion auf den Angriff Russlands auf die Ukraine seine Heimat in Richtung Kalifornien verließ, war er zunächst als Regisseur für die Pilotfolge des späteren Serien-Megahits „The Last Of Us“ vorgesehen. Erst als er bereits am Set in Kanada angekommen war, wurde die Vereinbarung aufgrund der berühmten „kreativen Differenzen“ aufgelöst.
Le Pacte
Statt Zombies also eine Geschichte über die zweite und dritte Generation tscherkessischer Einwanderer*innen im Vorhof New Yorks. Der 16-jährige Pythe (Talha Akdogan) ist auf dem besten Weg, sich als Ringer ein Jurastipendium zu erkämpfen. Aber sein Vater macht es ihm wirklich nicht leicht: Azik (Barry Keoghan) ist ein Loser mit einem Herz aus Gold. Obwohl er im Diner seiner schwangeren älteren Schwester Zalya (Riley Keough) als Koch jobbt, verbringt er die meiste Zeit damit, gemeinsam mit seinem besten Freund Marat (Harry Melling) irgendwelche absurden Einkommensmöglichkeiten aufzutun.
Aktuell versuchen die beiden, eine alte Zuckerwattemaschine wieder zum Laufen zu bekommen. Die titelgebende selbstgemachte Marmelade sei zudem aus „Schmetterlingen“ gekocht, wie Azik immer erzählt. Pythe ist jedoch zunehmend genervt von seinem Vater, den er als „zu schwach“ empfindet – ein weiterer Grund, warum er sich selbst so sehr in den Ringsport hineinkniet. Aber dann kommt es zu einer Katastrophe, über deren Erschütterungen Pythe auch seine Freundin Alika (Jaliyah Richards) und ein in der Garage versteckter Pelikan nicht hinwegtrösten können …
Aziks absolute Spezialität sind dünne, in der Pfanne gebackene Teigfladen, die traditionell mit einer Mischung aus frischem Käse und Kartoffeln gefüllt sind. In Deutschland nennt man sie Velens oder Delens oder Dalyns oder Dalyash oder Haliva – sprich: Sie sind so typisch tscherkessisch, dass es nicht mal einen richtigen eingedeutschten Namen, sondern nur verschiedene Versuche phonetischer Übersetzungen gibt. Abgesehen davon wirkt „Butterfly Jam“ jedoch – auch abseits der unpassenden Besetzung – enttäuschend austauschbar:
Szenen wie jene, in der Azik seinen Sohn für sein erstes Mal zu einer Sexarbeiterin schleppt, wirken etwa, als hätte Balagov sie direkt aus einem der zahllosen US-amerikanischen Indie-Filme übernommen, die in den Achtzigern und Neunzigern über die italienischen Communities in den USA gedreht wurden. Das ist absolut sympathisch, zumal gerade Barry Keoghan wieder seine unberechenbare manische Energie mit in den Film einbringt. Aber man hat Ähnliches eben auch schon sehr oft (und besser) gesehen.
Le Pacte
„Butterfly Jam“ beginnt mit einer vorgegriffenen Szene, in der wir erfahren, dass Pythe gerade seinen Vater verloren hat. Aber wenn das Ereignis dann eintritt, kommt es GANZ anders und sehr viel krasser, als es wohl jeder im Kinosaal vorhergeahnt hätte. Da rutscht man definitiv im Sitz nach vorne, denn plötzlich entwickelt „Butterfly Jam“ noch mal eine ganz andere Intensität. Doch Kantemir Balagov scheint da seinem eigenen Schockeffekt nicht so recht über den Weg zu trauen:
Wie zuletzt die am Fenster vorbeistolzierende Giraffe in „Michael“, die in besonders intensiven Streit-Szenen zwischen Joe und Michael Jackson für ein wenig komödiantische Erleichterung sorgt, ist es hier nun der Pelikan, der mit seiner bloßen Anwesenheit alles gleich sehr viel erträglicher macht. Und dann gibt es da ja noch den großen prominenten, wenn auch sprachlosen Cameo-Auftritt, der aber leider keine sonderliche Überraschung mehr ist, weil er schon in der Cast-Liste im Vorspann gespoilert wird (ursprünglich sollte „Butterfly Jam“ sogar „Monica“ heißen).
Fazit: „Butterfly Jam“ beginnt als solide Familien-Tragikomödie, die allerdings nicht nur deshalb unspezifisch wirkt, weil die Hauptrollen von Darsteller*innen aus aller Welt ohne tatsächlichen Bezug zur tscherkessischen Kultur. Nach einer unerwarteten Schockszene nach zwei Dritteln hätte der Film noch mal einen ganz anderen Ton anschlagen können, kehrt aber mit Hilfe eines szenenstehlenden Pelikans doch schnell wieder in leichter verdauliche Wohlfühl-Fahrgewässer zurück.
Wir haben „Butterfly Jam“ beim Filmfestival von Cannes gesehen, wo er in der Sektion The Directors' Fortnight seine Weltpremiere gefeiert hat.