Jim Queen
Kritik der FILMSTARTS-Redaktion
4,0
stark
Jim Queen

Die queere Spaßgrante des Jahres

Von Michael Meyns

Es ist sicherlich ein Fortschritt, wenn die größte Gefahr in einem durch und durch schwulen Film nicht mehr die Homophobie der Gesellschaft, sondern der Verlust des eigenen Six Packs (beziehungsweise das unfreiwillige Erlernen der Abseitsregel im Fußball) ist. Ausgehend vom verspielt-zweideutigen Titel „Jim Queen“ liefern Marco Nguyen und Nicolas Athané mit ihrem konsequent kurzweiligen Debütfilm eine überdrehte Satire, die Klischees und Stereotype in lustvoller, oft derber Manier auseinandernimmt.

Als Ode an die LGBTQIA+-Community haben die Regisseure ihren bunt und mitreißend animierten Film intendiert – und selbst wenn diesmal in erster Linie das G aus LGBTQIA+ bedient wird, erweist sich „Jim Queen“ als pointiert-treffsicheres Queer-Feuerwerk, dessen Gagdichte und Hemmungslosigkeit sogar an den Genre-Primus „South Park“ heranreicht.

Ohne seine ausdefinierten Bauchmuskeln wäre die Influencer-Karriere von Jim Parfait in ernster Gefahr! Capelight
Ohne seine ausdefinierten Bauchmuskeln wäre die Influencer-Karriere von Jim Parfait in ernster Gefahr!

Der Pariser Influencer Jim Parfait (Stimme im Original: Alex Ramirès) ist als Gym Queen zum Star geworden. Praktisch Tag und Nacht arbeitet er an der Perfektionierung seiner Bauchmuskeln, für die er nicht nur im Fitnessstudio, sondern vor allem auch auf den sozialen Medien bewundert wird. Doch dann geschieht das Unfassbare: Jims Bauchmuskeln ziehen sich Stück für Stück zurück! Jim leidet an Heterose, einem Virus, der schwule Männer unaufhaltsam in stereotype Heterosexuelle verwandelt, die sich nicht mehr um ihren Körper kümmern, sondern stattdessen ein plötzliches Interesse an Fußball entwickeln!

Einer von Jims größten Fans ist der junge, schmächtige Lucien (Jérémy Gillet), der seine Homosexualität bislang allerdings noch verbirgt – und zwar besonders vor seiner ihn übertrieben vor allen Gefahren der Welt beschützenden Mutter Christine Bayer (Elisabeth Wiener), einer grau-konservativen Ministerin der französischen Regierung. Doch dann fasst Lucien endlich den Mut und schleicht sich in einen Nachtclub, wo er sein Idol Jim persönlich kennenlernt. Gemeinsam macht sich das ungleiche Duo auf die Suche nach dem mysteriösen Dr. Ragout, der angeblich im Besitz eines Heilmittels sein soll …

Ein Hoch auf die Prostata

„Jim Queen“ als sexpositiv zu bezeichnen, wäre wohl die Untertreibung des Jahrhunderts. Zarte (Hetero-)Gemüter, die schon beim Anblick von überdimensioniert-animierten Butt-Plugs Schweißausbrüche bekommen, werden sich manche Szenen wohl nur durch ihre gespreizten Finger hindurch ansehen können. Obwohl die Dichte an Anal-Gags in den kaum 80 Minuten extrem hoch ist, strahlt „Jim Queen“ aber auch eine wunderbar optimistische Party-Stimmung (durchaus für die ganze Familie) aus. Denn bei aller Derbheit durchzieht den Film die unmissverständliche Ansage, dass es bei allen Unterschieden und Gegensätzen doch viel mehr gibt, was die Menschen vereint als trennt.

Auch wenn mit dieser Botschaft ganz offensichtlich alle LGBTQIA+-Buchstaben gemeint sind, geht es in „Jim Queen“ in erster Linie um die unterschiedlichsten Teile der schwulen Community. Bei den Streifzügen durch Pariser Clubs, Saunen und andere Treffpunkten entdeckt Lucien mit großen Augen Vertreter der unterschiedlichsten Fetische: manche berauschen sich am Duft getragener Sneaker, während die BDSM-Splittergruppe politisch unkorrekt unter dem selbsterwählten Namen GAYstapo firmiert und den Genuss der Prostata – mit wirklich allen Mitteln – zu beschützen gedenkt. Die gemeinhin als Bears bekannten stämmigen, kräftigen und stark behaarten schwulen Männer treten hier – das Animationsgenre macht's möglich – tatsächlich als Bären auf.

Die konservative Ministerin-Mama will mit allen Mitteln verhindern, dass sich ihr Sohn Lucien als schwul outet. Capelight
Die konservative Ministerin-Mama will mit allen Mitteln verhindern, dass sich ihr Sohn Lucien als schwul outet.

Ist das politisch korrekt? Natürlich nicht. Aber angesichts der Rasanz der Inszenierung samt ausschweifender Musical-Nummern wird jeder Gedanke daran, ob manche Passagen womöglich doch etwas weit gehen oder der offensichtlich an die AIDS-Epidemie angelehnte Entschwulungs-Virus möglicherweise geschmacklos sein könnte, ohnehin bereits im Keim erstickt.

Zum Glück, denn am Ende kann man der Entscheidung der Regisseure nur zustimmen, im Zweifelsfall lieber noch einen Gag mehr mitzunehmen, als sich allzu viele Gedanken über Geschmacksfragen zu machen. In seiner temporeichen Manier beweist „Jim Queen“ jedenfalls, dass das beste Mittel gegen Homophobie und Vorurteile immer noch ist, sich über sich selbst lustig zu machen, Klischees und Stereotype anzunehmen und genau dadurch zu unterlaufen.

Fazit: Eine überdrehte, sexpositive, respektlos-derbe Animations-Komödie, die auf verspielte Weise Klischees und Stereotype persifliert.

Wir haben „Jim Queen“ beim Cannes Filmfestival 2026 gesehen, wo er als Teil der Mitternachts-Sektion seine Weltpremiere gefeiert hat.

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